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Geschichte

Der König soll wieder ins Rampenlicht

Jahrzehntelang stand eine Statue von Wilhelm II vor dem Wilhelmspalais. Dann wurde sie in den Garten versetzt. Seither wird über die Verlegung gestritten. Kommt jetzt Bewegung in die Sache?

24.01.2020

Von DOMINIQUE LEIBBRAND

König Wilhelm II im Bürgergewand, flankiert von seinen beiden Spitzen so soll er oft in Stuttgart gesichtet worden sein. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Die alten Geschichten, sie werden immer noch gern erzählt. Wie Wilhelm II mit seinen beiden Spitzen durch Stuttgart spazierte, wie er freundlich grüßte und an Kinder Süßigkeiten verteilte. Noch heute gilt der letzte König von Württemberg (1848 - 1921) vielen Stuttgartern als Sympathieträger, als liberaler Monarch, als Bürgerkönig. Dass seiner jahrzehntelang mit einer Statue vor seinem letzten Stuttgarter Wohnsitz, dem Wilhelmspalais am Charlottenplatz, gedacht wurde, fanden daher auch viele in der Stadt richtig.

Doch vor zwei Jahren, als das neue Stadtmuseum ins Wilhelmspalais einzog und in Stadtpalais umbenannt wurde, musste der Monarch weichen: Direktor Torben Giese ließ die Statue vom zentralen Platz mit Blick auf die Stadt an die Südseite des Gebäudes in den Garten versetzen. Zum einen aus optischen Erwägungen, vor allem aber aus wissenschaftlichen Gründen. „Für die junge Generation ist Wilhelm keine zentrale Identifikationsfigur mehr“, verteidigt der Historiker die Entscheidung. Von Älteren werde er oft als liberaler Demokrat verklärt. Die Statue zeige ihn im Bürgergewand. Doch Wilhelm sei nun mal kein einfacher Bürger und das Kaiserreich sei nicht demokratisch, sondern autokratisch gewesen, sagt Giese. Als Maskotten für ein Museum für alle, was das Stadtpalais heute sei, tauge er nicht mehr.

Für Fans des Königs war die Verlegung indes ein Affront und der Startschuss für einen Streit, der seither schwelt. In Wellen bekommt Giese Volkes Zorn zu spüren, nachdem das Thema jüngst erneut im Bezirksbeirat Mitte aufgekommen ist, hagelt es nun wieder Beschwerden. In der „Stuttgarter Zeitung“ laufen die Leserbriefspalten voll: Giese mangele es an Geschichtsbewusstsein, ist ein oft gehörter Vorwurf. Wilhelm sei ein Kind seiner Zeit gewesen, habe aus seiner Rolle aber das Beste gemacht, findet ein Schreiber. Der Museumsdirektor solle doch am besten gleich das ganze Stadtpalais abreißen, „das wäre doch nur konsequent“, schreibt ein anderer.

Sie erhalte fortlaufend Rückmeldungen zu dem Thema, sagt auch Veronika Kienzle (Grüne), die Vorsitzende des Bezirksbeirats Mitte. In Telefonaten und Briefen beschwerten sich vor allem ältere Bürger über die Verlegung der Statue. Sie selbst kann die Kritik nachvollziehen, findet es auch nicht gut, dass Wilhelm „in den Schatten gestellt wurde und gegen eine Wand schaut“.

Bezirksbeirat fordert Debatte

Manche der Kritiker verklärten Wilhelm freilich, weiß Kienzle, manchen gehe es aber auch nur darum, dass die Statue einfach so versetzt worden sei, ohne Diskussion. Und genau die fordert die Bezirksvorsteherin, weshalb sie das Thema ins Gremium einbrachte. Das war sich schnell einig: Man will eine Debatte. Wo die Statue nachher stehe, sei für sie zweitrangig, sagt Kienzle. Ihr gehe es darum, dass mit den Anliegen der Bürger ordentlich umgegangen werde.

Gegen eine Debatte hat auch Torben Giese nichts. Im Gegenteil: „Ich hoffe, dass die Sache jetzt richtig in die Gänge kommt.“ Er wolle endlich inhaltlich über Wilhelm II diskutieren. Ihm gehe es um eine ausgewogene, kritische Auseinandersetzung mit dem Monarchen, sagt Giese und verweist auf das Buch „Das Wilhelmspalais“, das 2019 erschienen ist. Gleichwohl wolle niemand Wilhelm verteufeln. „Wir feiern jedes Jahr seinen Geburtstag.“

Im Kern sind sich Giese und Kienzle also einig, doch ein Haken bleibt: Der Museumsdirektor findet, dass die Debatte von den Kritikern angestoßen werden sollte. „Wenn wir das machen, wirkt das inszeniert.“ Bezirksvorsteherin Kienzle fordert hingegen, Giese als Hausherr müsse die Initiative ergreifen und einen Austausch organisieren. Bleiben also zwei Parteien, die zwar gesprächsbereit sind, doch von denen keine den Anfang machen will.

Eine Lücke, in die letztlich die Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte rund um den Vorsitzenden Wolfgang Müller stoßen könnte. Man habe das Thema auf der Agenda. „Vor allem seit letztem Jahr gibt es verstärkt kritische Stimmen aus der Bürgerschaft, dass die Statue im Abseits steht.“ Man plane im Zuge der Umgestaltung des Museums-Vorplatzes eine Vortragsreihe, die im Herbst realisiert werden solle, kündigt Müller an, der die Statue auch gern wieder vorne sähe. Man sei jedoch noch am Anfang der Planungen und suche Kooperationspartner. Der Bezirksbeirat hat bereits Unterstützung zugesichert. Und auch Giese zeigt sich im Grundsatz versöhnlich. Am Standort im Garten wolle er nicht krampfhaft festhalten. Ziel sei nicht, alle unglücklich zu machen.

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Erstellt:
24. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2020, 06:00 Uhr

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