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Musik

Der Klang bleibt

Die King's Singers, der erfolgreichste Männergesangverein der Welt, gibt es seit 50 Jahren. Doch die Mitglieder sind alle unter 40.

06.02.2018

Von CHRISTOPH FORSTHOFF

Kein Original- Mitglied ist mehr dabei, doch wenn man sie hört, sind sie unverwechselbar: die King's Singers. Foto: Marco Borggreve

Stuttgart. Der Anruf kam überraschend. Schließlich arbeitete Jonathan Howard seinerzeit in einer Londoner Werbeagentur, hörte A-cappella-Musik vor allem über seine Kopfhörer, sang lediglich in seiner Freizeit aus Vergnügen – und hatte bis dahin die King's Singers noch nie live erlebt. Und nun sollte der Twen auf einmal bei der berühmtesten Boygroup der Klassikwelt vorsingen, da deren damaliger Bass sich nach mehr als zwei Jahrzehnten zurückziehen wollte. „Schon verrückt“, erinnert sich der heute 30-Jährige lachend. Doch die Harmonie stimmte auf Anhieb. Und so ist Howard nun seit 2010 Teil des flotten Sechsers und zelebriert mit seinen Kollegen in den kommenden elf Monaten das 50-jährige Bestehen des erfolgreichsten Männergesangsvereins auf einer ausgiebigen „Gold“-Welttour.

Was im ersten Moment etwas seltsam anmuten mag: Schließlich ist der letzte der sechs Gründer vor einem Vierteljahrhundert ausgeschieden, hat von der aktuellen Besetzung noch keiner das 40. Lebensjahr erreicht! Und doch sehen sich die Herren zu Recht in der Tradition der King's Singers – und das nicht allein, da sie wie einst ihre Sänger-Vorfahren Schwiegermütter-Träume perfekt erfüllen – auch wenn die Mehrzahl von ihnen treusorgende Familienväter sind.

Nein, es ist der unverwechselbare Ensemble-Klang, den sich die britische Gruppe auch nach 26 verschiedenen Mitgliedern im Laufe ihres Bestehens bis heute bewahrt hat: kultiviert, absolut rein und edel in Stil und Intonation, gleichsam perfekt geführt in den fast vibratofreien beiden Countertenören und Baritonen, dem Tenor und Bass.

Und dabei singen sie stets mit dem Schalk im Nacken und dem trockenen britischen Humor in der dezenten Mimik und Gestik. Denn mag ihr Name hierzulande auch Assoziationen ans britische Königshaus wecken, die hoch tönenden Jungs sind sehr erdverbunden. „Wir lieben unsere Monarchie“, erklärt Howard mit todernster Miene, nur zu gut wissend, dass gerade in Australien und den USA selbst ihr kleines königliches Verbal-Attribut einen großen Bonus bringt, da Queen Elizabeth und ihre Familie in weiten Kreisen große Beliebtheit genießen.

Ihr Name ist denn auch keinerlei royalen Beziehungen entsprungen, sondern dem King's College in Cambridge: 1441 rief König Heinrich VI. an der dortigen Kapelle einen Chor aus 16 Schülern des Colleges ins Leben – ein handverlesenes Ensemble, das bis heute allabendlich um halb sechs die Besucher der imposanten gotischen Kirche mit seinen Gesängen erfreut. Und aus eben diesen Reihen stammte jenes sangesfrohe Sextett, das sich 1968 auf eigene Füße stellte, um die ernste „Schola Cantorum pro Musica profana in Catabridgiense“ mit der Popularmusik zu verbinden.

Brian Kay gehörte zu diesen ersten Sechs der King's Singers, bis 1982 trat der Londoner in mehr als 2000 Konzerten auf. „Einen Ensemble-Klang wie den unseren hatte es bis dahin noch nicht gegeben“, erinnert sich der Bass. „Und nachdem wir diesen Sound einmal etabliert hatten, entschieden wir, dass es für uns keinerlei stilistische Grenzen geben solle.“ Entsprechend eroberten sich die furchtlosen Sechs über die Kirchen-Musik der Renaissance hinaus schon bald die folgenden Jahrhunderte, machten weder vor Madrigalen noch weltlichen Liedern, ja selbst Popsongs nicht halt – und traten damit eine A-cappella-Welle los, die auch in Deutschland zahlreiche Nachahmer gefunden hat.

Geleitet werden sie stets von einem Gedanken: „Unser Klangideal ist immer die pure Schönheit und Homogenität gewesen.“ Und das bis heute – ja, Kay räumt sogar neidlos ein, dass ihn das Erlebnis seiner Nachfolger Anfang Januar beim offiziellen Jubiläumskonzert am Geburtsort in der Kapelle des King's College in Cambridge schlicht überwältigt habe: „Dort singen jetzt einige der schönsten Männerstimmen, die ich je gehört habe, die Balance zwischen ihnen ist superb, und sie genießen das Zusammenspiel ihrer Stimmen ganz offensichtlich“, begeistert sich Howards Vor-Vor-Vorgänger für „unsere Enkelkinder“.Die wiederum mit eben solchem Enthusiasmus ein anderes Markenzeichen ihrer „Großväter“ pflegen: Jene stets klug und mit einem Augenzwinkern ausgetüftelten Programme, die wie jetzt bei ihrem Konzert in Stuttgart nicht nur den Bogen über mehrere Jahrhunderte Musikgeschichte spannen, sondern neben geistvoll pointierten Renaissance-Madrigalen, kaum gehörten Chören oder finnischen Liebesballaden fast immer in ihren raffinierten Arrangements auch mit den Pop-, Folk und sogar Rap-Heroen des 20. Jahrhunderts anbandeln.

Ein Massenphänomen

Gesungen wird natürlich in der Originalsprache und punktgenau gewechselt zwischen Ein- und Mehrstimmigkeit, zwischen traumhaftem Piano und gekonnt ausgereizten dynamischen Steigerungen. Und getragen von ihrem einfachen Credo: „Wir wollen der Welt zeigen, dass alle Musik – sofern uns die Stücke denn etwas bedeuten – auf ein- und dieselbe Bühne gehört“, sagt Tenor Julian Gregory.

Und wem diese Worte aus dem Munde eines 27-Jährigen allzu pathetisch dünken, für den fügt der einstige Chorknabe aus Leicester noch augenzwinkernd hinzu: „Deshalb sind wir auch so dankbar, dass es Sendungen wie DSDS, Pop Idol oder andere Talent-Shows gibt – dass Singen nämlich einmal wieder zur Massenkultur wird, das hätten wir nie zu hoffen gewagt.“ Und doch steht für die erzmusikalischen Komödianten eines bei allen Gesangszuckerln immer obenan: „Uns selber nehmen wir schon mal auf den Arm, doch die Musik nehmen wir immer ernst.“

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Erstellt:
6. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Februar 2018, 06:00 Uhr

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