Corona

„Der Kittel brennt lichterloh“

Kaum eine andere Branche im Land leidet derart unter der Krise. Tourismus- und Wirtschaftsminister wollen Hotels und Gastronomie mit 330 Millionen Euro unterstützen.

30.06.2020

Von SIMONE DÜRMUTH

Die Hotels dürfen wieder öffnen aber die Gäste bleiben weitgehend aus. Foto: Uli Deck/dpa

Stuttgart. Wer bei gutem Wetter am Ufer des Bodensees oder durch die Stuttgarter Innenstadt schlendert, könnte den Eindruck gewinnen, der Gastronomie gehe es gut: Die Terrassen sind meist voll belegt, an den Strandpromenaden scharen sich so viele Ausflügler mit Eis und Kaffee zum Mitnehmen, dass die Anwohner die Gebiete meiden. Doch der Eindruck täuscht: Im Mai lag der Umsatz bei 40 Prozent der Betriebe bei weniger als einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr, wie eine Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Baden-Württemberg ergab. In der Hotellerie sieht es ähnlich düster aus: Die Betreiber gehen von einem Umsatzrückgang 2020 von knapp 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus. Allein im April waren die Übernachtungen um fast 95 Prozent eingebrochen.

„Zahlreiche Betriebe sind unverschuldet in Schieflage geraten“, berichtet Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) bei einer Telefonschalte mit Journalisten. Hotel- und Gastbetriebe im Land sollen darum, zusätzlich zum ersten Corona-Hilfspaket, gezielte Unterstützung erhalten. Ab dem 1. Juli stehen die Anträge auf der Internetseite des Wirtschaftsministeriums bereit. Im Unterschied zur Soforthilfe I, die zu Beginn der Pandemie aufgelegt wurde, müssen die Betriebe jetzt aber auch durch ein Testat eines Steuerberaters belegen, dass sie in einen Liquiditätsengpass geraten. Dann erhalten sie eine einmalige Hilfe von bis zu 3000 EUR je Betrieb, zuzüglich höchstens 2000 EUR für jeden Vollzeitbeschäftigten oder Auszubildenden. Auf eine Deckelung der Betriebsgröße wird verzichtet. Das Land rechnet mit einem Bedarf von insgesamt 330 Mio. EUR, die über einen Zeitraum von September bis November ausgezahlt werden sollen.

Zurückgezahlt werden muss die Hilfe nicht. „Außer, der Liquiditätsengpass tritt nicht ein“, erklärt Hoffmeister-Kraut. Aber auch dann, müssten die bereits gezahlten Hilfen nur Anteilig zurückgegeben werden.

Durch das Testat des Steuerberaters sei die Antragsstellung etwas aufwändiger, räumt Hoffmeister-Kraut ein. „Die Prüfung wird aber schneller gehen, so dass wir unterm Strich davon ausgehen, dass bis zur Auszahlung sogar etwas weniger Zeit vergeht.“

Der Dehoga Baden-Württemberg begrüßt die Stabilisierungshilfe. Man sei dem Land sehr dankbar. „Viele Betriebe können unter den aktuellen Bedingungen noch nicht kostendeckend arbeiten“, erklärt der Dehoga-Landesvorsitzende Fritz Engelhardt. Er halte die Hilfen für einen wirkungsvollen Betrag zur Überwindung der aktuellen Notlage. „Sie tragen der Tatsache Rechnung, dass die Betriebe des Gastgewerbes durch die behördlich angeordneten Schließungen von Beginn an besonders hart von der Corona-Krise betroffen waren“, so Engelhardt weiter.

Trotz der weitgehenden Lockerungen ist das Geschäft weiter schwierig. „Dass Großveranstaltungen weiter verboten sind, trifft viele hart“, erklärt Hoffmeister-Kraut. Außerdem könnten die einmal verlorenen Umsätze in der Gastronomie kaum nachgeholt werden. Besonders betroffen sind nach wie vor Clubs und Diskotheken. „Ich hoffe, dass wir mit unseren zusätzlichen Hilfen gerade auch diesen Einrichtungen ein langfristiges Überleben sicher können“, so die Wirtschaftsministerin. Wann es für diese Betriebe eine Perspektive zur Öffnung geben könne, sei heute noch schwer abzuschätzen. Gerade im Nachtleben seien Abstands- und Hygieneregeln eine besondere Herausforderung.

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Erstellt:
30. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2020, 06:00 Uhr

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