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Ausstellung · Vereinsleben

Der Kitt der Gesellschaft

Das Bonner Haus der Geschichte erzählt vom vielfältigen, traditionsreichen Vereinsleben. Rund 44 Prozent der Deutschen sind Mitglied in einem Verein.

07.09.2017
  • CLAUDIA ROMETSCH, EPD

Als der kleine Leano Kraaz am 3. Juni 2015 zur Welt kam, stand eines schon fest: Der Junge wird Schalke-Fan. Kaum erblickte er in der „Schalke-Suite“ des Gelsenkirchener Sankt-Marien- Hospitals das Licht der Welt, meldete ihn sein Vater per Smartphone als Neumitglied in dem Fußballverein an. Getauft wurde Leano wenig später in der Kapelle der Gelsenkirchener Veltins-Arena – natürlich in einem Schalke-Strampler, der jetzt im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen ist.

„Das Beispiel zeigt, wie tief die Verbundenheit zu einem Verein gehen kann“, sagt Angela Stirken, die die neue Wechselausstellung zusammengestellt hat. Unter dem Titel „Mein Verein“ erzählen bis zum 4. März rund 300 Exponate vom vielfältigen Vereinsleben in Deutschland.

„Die Vereinslandschaft ist ein ganzes Stück weit der Kitt unserer Gesellschaft“, stellt der Leiter des Hauses der Geschichte, Hans Walter Hütter, fest. Rund 44 Prozent der Deutschen sind Mitglied in mindestens einem der bundesweit etwa 600 000 Vereine. Und entgegen aller Unkenrufe ist der Verein weit davon entfernt, ein Auslaufmodell zu werden. Im Gegenteil: Der viel belächelte deutsche „Vereinsmeier“ ist so aktiv wie nie. Zahlen des Bundesamtes für Justiz belegen, dass die Zahl der eingetragenen Vereine in den vergangenen 20 Jahren sogar um etwa 30 Prozent gestiegen ist.

Der Verein mit seiner rechtlichen Basis und seinen klaren Strukturen und Regeln sei eine typisch deutsche Institution, sagt Hütter. Einen ersten Boom erlebt das deutsche Vereinswesen im 19. Jahrhundert mit der Gründung zahlreicher Schützen- und Karnevalsvereine. Die Rechtssicherheit kam aber erst 1900 mit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs, das das Vereinsrecht bis heute regelt. Die Ausstellung zeigt eines der ersten Exemplare.

Zunächst aber empfängt die Schau den Besucher mit einem klischeehaft nachgebauten Vereinshaus-Ambiente: braun gemusterte Tapete, Schirm-Wandlampen und ein Hirschgeweih. In einem vergoldeten Bilderrahmen können die Besucher die wohl bekannteste Satire auf das deutsche Vereinsmeiertum erleben: In der Szene aus dem Film „Ödipussi“ diskutieren Loriot und seine Mitstreiter fruchtlos über die Gründung eines Vereins, der die Begriffe „Frau“ und „Umwelt“ in den Karneval einbringen soll.

Die Ausstellung wirft zunächst einen Blick auf die traditionellen Vereine. Die längste Tradition pflegen die Schützenvereine, deren Feste bis heute in vielen Orten ein gesellschaftliches Ereignis sind. Videos zeigen opulente Umzüge und Schützen-Bälle, daneben thematisiert die Schau auch die Diskussion um den Wandel der traditionell christlichen Schützenbruderschaften. Fälle wie der des muslimischen Schützenbruders Mithat Gedik in Werl und des homosexuellen Schützenkönigs Dirk Winter in Horstmar führten zu einer behutsamen Öffnung der Vereine. Eine identitätsstiftende Rolle spielen vielerorts nach wie vor die Karnevalsvereine. Allen voran die 1823 gegründeten Roten Funken, der älteste Kölner Karnevalsverein. Mit ihrem scheinbar militärischen Gebaren persiflierten die Gründer die preußischen Besatzer.

Wie üblich wirft das Haus der Geschichte auch einen Blick in die DDR. Dort wurden die Vereine größtenteils von den SED-Massenorganisationen geschluckt. „Der Begriff ,Verein‘ war in der DDR nicht präsent“, sagt Stirken. Eine Ausnahme bildeten die Kleingärtner-Vereinigungen. Sie wurden vom Regime teilweise sogar gefördert, weil sie dazu beitrugen, den Versorgungsmangel an frischem Obst und Gemüse zu lindern.

„Keine Krise, sondern Wandel“

Vereine haben auch heute noch Hochkonjunktur. Zwar erleben traditionelle Institutionen teilweise einen Mitgliederschwund. „Aber eine Krise des Vereins gibt es nicht, es gibt einen Wandel“, beobachtet Hütter. Neu gegründete Vereine widmen sich meist weniger der Geselligkeit, sondern zielen eher auf bürgerschaftliches oder soziales Engagement. Ein Beispiel dafür sind die Tafeln, die übrig gebliebene Lebensmittel aus Supermärkten an Bedürftige verteilen.

Insgesamt sei zu beobachten, dass Vereine stärker projektbezogen gegründet werden, sagt Hütter. „Die langfristige Bindung lässt auch aufgrund veränderter Lebensumstände nach.“ Für Schalke-Fans gilt das aber offenbar nicht. Manche bleiben dem Verein von der Wiege bis ins Grab treu. In Sichtweite der Veltins-Arena können sich Fans auf dem Schalke-Friedhof beisetzen lassen. Auf das Grab kommt dann natürlich ein Stein mit eingemeißeltem Vereinsemblem.

Claudia Rometsch, epd

Geselligkeit und Gemeinschaft

„Mein Verein – Die Deutschen und ihre Vereine“ im Bonner Haus der Geschichte (Willy-Brandt-Allee 14) ist bis zum 4. März 2018 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 9 bis 19 Uhr; Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Als Ort von Geselligkeit und Gemeinschaft, Tradition und Heimatverbundenheit, der Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenführt, zeigt die Ausstellung den Verein. Vereine sind dabei so vielfältig wie zahlreich.

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07.09.2017, 06:00 Uhr
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