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Mit lautem Lachen und großem Herz

Der Kinobetreiber Volker Lamm starb mit 73 Jahren

Eigentlich steht die nächste Gelegenheit, bei der der Name Volker Lamm mit Sicherheit in der Zeitung genannt worden wäre, kurz bevor. Bei den Französischen Filmtagen war er immer mehrfach präsent: als Preisstifter, als Kino-Hausherr und als unermüdlicher Helfer. Doch nun kommt er schon vor der Zeit in die Zeitung. Volker Lamm starb am Dienstag im Alter von 73 Jahren.

14.10.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Die Französischen Filmtage werden in diesem Jahr Trauer tragen. Dabei schien Volker Lamm bei der Eröffnung der letztjährigen Filmtage gerade eine neue Tradition begründen oder mit einer zu brechen zu wollen: Er betrat hier zum ersten offiziellen Mal die Bühne seines großen Museum-Saales. Vielleicht ahnte er, dass es das letzte Mal sein werde. Bis dahin hatte er die Premierenfeier konsequent im „Kabuff“, wie er es nannte, mit Mitarbeitern und Vorführern verbracht. Bier und nicht Champagner war hier das Getränk der Stunde.

Er wollte der Stadt etwas zurückgeben

Zwar hatte Lamm im vergangenen Herbst noch munter Witze über die diversen Operationen gemacht, die er in der jüngeren Vergangenheit über sich ergehen lassen musste. Er fühle sich wie der „Duracell-Hase“, eben mit besonders langer Batterielaufzeit. Aber der kräftige Mann wirkte angeschlagen und man merkte, wie das Lachen für ihn auch eine therapeutische Funktion gewann.

Lamms Lachen hörte unweigerlich, wer sich in seiner Nähe bewegte. Ein lautes, befreites Lachen war das, ein Lachen, das nachhing und nicht so schnell wieder aus seinem Gesicht verschwand, ein herzliches und ansteckendes Lachen.

Wenn Lamm in früheren Jahren der Kinokritikerin begegnete, fiel immer als erstes der Satz: „Was machen die Orgelpfeifen?“ Womit er auf eine eher bescheidene Anzahl von Kindern anspielte. Über jedes „denen geht‘s gut“ schien er sich ganz persönlich zu freuen.

Seine fröhlich-herzliche Art war keine Pose. Volker Lamm wollte immer, dass es den Menschen um ihn herum gut ging. Ihm selber ging es ja auch gut. Und wenn man ihn auf seine multiple Sponsorenschaft ansprach, dann sagte er, er wolle der Stadt seine Dankbarkeit erweisen: „In manchen Jahren haben wir in Tübingen gut verdient, da kann man auch was zurückgeben“, so seine Antwort.

Er sagte das nicht nur so, sondern zückte auch oft bereitwillig sein Scheckbuch, wenn es darum ging, darbenden Kulturschaffenden oder Sportvereinen unter die Arme zu greifen.

Die Kinos Museum und Blaue Brücke führte Lamm im wahrsten Sinne als Familienbetrieb. Als er im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz entgegennahm, waren alle Museums- und Blaue Brücke-Mitarbeiter um ihn geschart und applaudierten ihrem Chef. Der wiederum lobte sein Team, das ihm schon oft rechtzeitig signalisiert hatte: „Das ist jetzt Mist!“

Lamm war ein emotionaler Mensch, er konnte sich von Herzen freuen, aber er konnte auch lospoltern und Zähne zeigen gegen die Hollywood-Supermächte, die tyrannischen Verleihfirmen, die alles diktieren wollten bis hin zu Größe der Abspielstätte und Laufdauer eines Filmes. Lamm verweigerte manches Mal die Annahme und Vorführung solcher Blockbuster. Erst in diesem Jahr boykottierte er über Monate hinweg den Disney-Verleih, weil dieser noch tiefer in die Kinokassen greifen wollte.

Volker Lamm war ein Geschäftsmann, aber nicht um jeden Preis. Horrorstreifen mochte er nicht, also blieb Tübingen davon ziemlich konsequent verschont. Lamm, der als passionierter Segler und Motorradfahrer raueres Klima gewöhnt war, liebte Road-Movies à la „Easy Rider“. Er freute sich auch an der Gänsehaut, die ihm die metergroße Nahaufaufnahme von Charles Bronson in „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf der Kinoleinwand bescherte.

Auch mal Tränen geweint im Kino

Sein Herz hing aber mindestens so sehr an Filmkomödien oder an leiseren Filmen. „Slumdog Millionär“, der vielfach Oscar prämierte Film über den plötzlich zu Reichtum gekommenen Jungen aus den Slums von Mumbai, rührte ihn zu Tränen. Manchmal, so verriet er im Gespräch, sei er froh, wenn der Abspann ihm noch Zeit zum Sammeln lasse. Immer dann nämlich, wenn die Filme ihm an die Nieren gingen, wie etwa Dustin Hoffmanns „Quartett“ um ein Altenheim voller Musiker oder auch der unerwartete Tübinger Blockbuster „Ziemlich beste Freunde“.

Wenn Lamm selber seine Berufsperspektive hätte wählen können, dann wäre er nicht im Kino, sondern beim Film gelandet. Kameramann war sein großer Traum. Das Fotografen-Handwerk war ein erster Schritt dahin. Er hatte es bei der Tübinger Firma Metz gelernt. Von hier aus wollte er Bewegung in die Bilder bringen. Doch der väterliche Betrieb brauchte ihn, und so wechselte er die Kameras gegen Projektoren und wurde in den Vereinigten Lichtspielen zu Lamm junior.

Ohne Lamms Liebe zum Kino wäre Tübingen nicht das cineastische Refugium, das es heute ist. Klar, da gibt es schließlich auch den Programmkino-Inhaber und Arsenalfilm-Verleiher Stefan Paul. Aus der Konkurrenz wurde eine zumeist friedliche Koexistenz. Sein Vater, so kommentierte der Sohn das trocken, hätte wenig Freude an dieser Allianz gehabt. Ohne Lamms versöhnliche Ader wäre den kleinen Kinos längst die Luft ausgegangen. Und ohne Lamms geschickte Verhinderungspolitik hätte sich in Tübingen vor Jahren auch irgendein Multiplex niedergelassen und seine Popcorn-Fahne über der Stadt gehisst. Lamm schaffte es rechtzeitig, mit viel List und den richtigen Bündnisgenossen, auf die Vorteile seiner Kinos für die Stadt aufmerksam zu machen. Er wusste, worauf es ankam: schöne alte Kinowelt mit moderner Technik und stadtnah gelegen.

Lamms Vater Kurt hatte noch in den glorreichen Kinozeiten angefangen, als Kino noch im Gepäck mit bunten Abenden daherkam, als Caterina Valente und andere Unterhaltungsstars gerne in Tübingen Halt machten. Bei Lamms Vater, dem gestandenem SBZ-Flüchtling, hatten DDR-Filme Hausverbot. Mit neuen deutschen Filmemachern fing er ebenfalls nichts an und mit Stefan Pauls Filmkunst schon gar nicht.

Doch wehe, es stand ein Verriss über einen allzu idyllischen Streifen in der Zeitung, dann meldete sich Lamm senior postwendend, und der oder die Gescholtene musste den Telefonhörer schon sehr weit vom Ohr weg halten. Lamm junior, der sicher manchmal unter dem strengen Regiment seines Vaters gelitten hatte, pflegte ein entspannteres Verhältnis zur Kritik. Ein für ihn nicht nachvollziehbarer Verriss regte ihn zwar auch auf, aber er regte sich auch schnell wieder ab: „Morgen können wir also lesen, wie uns der Film gefallen hat“, lautete sein schmunzelndes Fazit zum Rezensentenwesen.

Er selber hatte sich längst als Freund der Filmkunst geoutet und leistete sich teure Mittwoche, an denen eine Gruppe von Filmfreunden „Filmforum“-Reihen zu Stars oder zu politischen Themen wie etwa „Hollywoods Patriotismus“ zeigten. Sein „Sparminister“ habe ihm zwar davon abgeraten, sagte er einmal, aber Lamm wollte diese Art von Repertoire-Kino selbst in raueren Zeiten nicht missen. Die jährliche Mitteilung, dass Lamms „Museum“-Kino wieder einmal unter den vom Bund prämierten Filmtheatern war, nahm man im Laufe der Jahre als Selbstverständlichkeit hin. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte einen das ähnlich gewundert wie die Ankündigung, dass Weihnachten ausfällt.

Immer hinterm Einlass bei der Treppe

Ja, Volker Lamm wird nicht nur seiner Familie fehlen. Nicht nur seine Frau Bettina und seine drei Töchter werden ihn schmerzlich vermissen. Er ist einer Menge Leuten in Tübingen ans Herz gewachsen. Sie werden ihn mit ihrer inneren Projektion bei den kommenden Französischen Filmtagen an der Stelle stehen sehen, an der er immer stand: hinterm Einlass rechts von der großen Treppe, mit breitem Lächeln oder lautem Lachen.

Der Kinobetreiber Volker Lamm starb mit 73 Jahren
Volker Lamm im Jahr 2009.

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14.10.2015, 12:00 Uhr
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