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„Der Kapitän ist guter Dinge“
So kennt man ihn: mit rotem Schal, Sneaker aus dem Berlinale-Shop, Bär Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Foto: ODD ANDERSEN
Berlinale

„Der Kapitän ist guter Dinge“

Dieter Kosslick, der Chef der Filmfestspiele, spricht über die Kritik von 79 Regisseuren an ihm, über Bashing, den roten Festival-Faden und seine Zukunftspläne.

28.12.2017
  • DIETER OSSWALD

Berlin. Seit Mai 2001 leitet Dieter Kosslick, 69, die Berlinale. In zwei Jahren läuft sein Vertrag aus. Kritik an seiner Film-Auswahl hat es immer wieder gegeben. So massiv wie im November war sie jedoch noch nie ausgefallen: 79 Regisseure forderten in einem offenen Brief ein transparentes Verfahren für die Neubesetzung, was als wenig schmeichelhafter Abgesang auf den aktuellen Festival-Direktor verstanden wurde. Mittlerweile ruderten etliche der Unterzeichner zurück, fühlten sich falsch verstanden. Zugleich gab es als Reaktion von den Branchenverbänden unisono entschiedenes Lob für die Arbeit von Kosslick.

Herr Kosslick, die Meuterei auf der Berlinale-Bounty scheint gescheitert. Oder täuscht der Eindruck?

Dieter Kosslick : Im Unterschied zur Bounty ist die Berlinale noch vorhanden und nicht gestrandet. Der Kapitän steht keineswegs vor Gericht, sondern ist guter Dinge. Das nächste Festival wird zeigen, dass der Kapitän noch da ist. Ich habe mich schließlich nicht an den Kokosnüssen vergriffen.

Was hat es mit dieser plötzlichen, massiven Kritik auf sich, die 79 Regisseure äußerten?

Gebashed, wie man so sagt, wird ja in regelmäßigen Abständen. Zum Teil von denselben Leuten, die das schon mit meinem Vorgänger Moritz de Hadeln gemacht haben. Es war ein Sturm im Wasserglas, aber diesmal mit großen Worten.

Nehmen Sie die Kritik diverser Kritiker gelassen – oder sind Sie enttäuscht?

Enttäuschend ist vor allem, dass solche Sachen ungeprüft übernommen und zu großen Geschichten aufgebaut werden. Wenn zu lesen war, es habe keine amerikanischen, russischen oder asiatischen Filme auf der Berlinale gegeben, ist das ein Unsinn, der sehr einfach auf unserer Website hätte recherchiert werden können. Unangenehm ist diese Debatte vor allem im Ausland, woher irritierte Anfragen kommen. Niemand versteht diese ganze Aufregung.

Als Reaktion darauf gab es von der versammelten Branche mehr Kosslick-Lob als in Ihrer gesamten Amtszeit. Gleichwohl wollen Sie in Ihrer „Skizze zur Neustrukturierung der Intendanz“ in Zukunft nicht mehr als Präsident einer möglichen Doppelspitze dabei sein?

Ich habe immer gesagt, mein Vertrag ist am 31. Mai 2019 beendet. Aber zum einen weiß ich nicht, wie die Berlinale in Zukunft strukturiert wird. Zum anderen werde ich, falls es eine Doppelspitze mit Direktor und Präsident geben sollte, keine dieser Funktionen übernehmen.

Gehen Sie nun umso entspannter an die letzten beiden Berlinale-Ausgaben?

Zum einen bin ich sehr entspannt. Zum anderen wirft die weltweite #meToo-Debatte ihre Schatten auch auf das Festival. Es gibt Filme, die zurückgezogen werden oder die wir einfach nicht mehr spielen können. Das ist im Moment ein schwieriges Feld.

Nach den Missbrauchs-Skandalen um Harvey Weinstein, Kevin Spacey & Co.: Braucht Hollywood eine Frauenbeauftragte?

Wenn es danach ginge, was Frauenbeauftragte in Deutschland bislang bewegt haben, sollte man das in Hollywood einführen. Allerdings weiß ich nicht, ob das heute noch die zeitgemäße Form ist. Es gäbe jedenfalls noch viel zu tun, die Filmindustrie weltweit wird bekanntlich nach wie vor von Männern dominiert. Mit der Debatte in diesem Jahr haben die Frauen immerhin ziemlich aufgeholt. Die Sensibilität für diese Themen ist größer geworden – und sie werden sicher auch auf der Berlinale diskutiert werden.

Hierzulande hat man von Skandalen à la Weinstein nichts gehört. Erwarten Sie, dass im deutschen Film da noch eine Zeitbombe tickt?

Das glaube ich kaum. Ich kenne jedenfalls keine Anzeichen dafür.

Was bewegt die Bären-Kandidaten auf dem kommenden Festival thematisch?

Viele Filme beschäftigen sich mit Religion. Ein großes Thema ist zudem, wie Menschen Gegenmodelle zu einer Welt entwickeln, die zunehmend apokalyptischere Formen angenommen hat. Der Umgang mit Geflüchteten beschäftigt nach wie vor viele Filmemacher. Neben der Politik bietet die Berlinale zugleich viel Fantasy und Unterhaltung, schließlich möchten die Zuschauer im Kino ganz gerne auch einfach mal nur lachen können.

Cannes möchte die Vorab-Vorstellungen für die Medien abschaffen, um mehr Hype zu bieten. Zudem will man Netflix und Co. vom Festival verbannen. Wie hält es die Berlinale damit?

Wir bleiben bei unserem System der Pressevorstellungen mit Embargo-Regelung und setzen darauf, dass sie von den Medien eingehalten wird. Unsere Richtlinien sehen vor, dass Filme von Streaming-Anbietern gezeigt werden können, wenn eine Kino-Auswertung vorgesehen ist. Serienformate von Streaming-Plattformen gibt es bereits seit 2015 bei den Berlinale Series.

Weshalb sind Jury-Sitzungen ein Geheimnis-Theater wie die Papst-Wahl? Wäre Transparenz mit einer öffentlichen Sitzung hier kein Bonus für das Publikum?

Wenngleich Diskussionen einer Jury für Außenstehende sicher interessant sein könnten, wäre es ein selbstzerstörerischer Akt, sie öffentlich zu führen.

Zur Berlinale erscheint eine Biografie über Ihren Vorgänger Moritz de Hadeln mit dem Titel „Mister Filmfestival“. Wie würde der Titel einer Dieter Kosslick-Biografie lauten?

„Gute Zeiten. Schlechte Zeiten. Gute Zeiten“! Ich bin froh, dass Moritz de Hadeln sein Buch präsentieren wird. Dann kann man lesen, welchen Wiederholungseffekt es gibt: Was über mich zum Teil geschrieben wird, hat man meinem Vorgänger schon vorgeworfen. Interessanterweise von einigen derselben Leute.

Auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken läuft der Film „Dieter not unhappy“ – wäre das ein passender Berlinale-Film?

Mit dem Titel würde ich mich auf alle Fälle identifizieren.

Wie sehen die Berufspläne 2020 aus? Eine Herrenboutique in Wuppertal eröffnen, wie der Lottogewinner bei Loriot? Oder eine Bagel-Bäckerei in Neukölln, bei der Sie Ihre Back-Leidenschaft verwirklichen könnten?

Ich kann mir beides ganz gut vorstellen. Allerdings sollte es in der Bäckerei zum Bagel unbedingt noch Butterbrezeln geben.

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28.12.2017, 06:00 Uhr
„Der Kapitän ist guter Dinge“





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