Gutenachtgeschichte

Reihe zu Gast in Ofterdingen: Der Kanzler fällt vom Rad

Genügsamkeit in den Bergen, Adrenalinstöße bei der Mondlandung, eigenartige Wege innerparteilicher Streitschlichtung: Gutenachtgeschichte in Ofterdingen. Von Susanne Mutschler

03.08.2022

Von Susanne Mutschler

Mitten in die Ofterdinger Gutenachtgeschichte auf dem Kirchplatz prasselte der Regen. Immerhin war Vorleserin Ruth Blaum vom Blätterdach der Linde geschützt. In der Pause zogen dann Vorleser und Publikum in die benachbarte Mauritiuskirche. Bild: Uli Rippmann

Mitten in die Ofterdinger Gutenachtgeschichte auf dem Kirchplatz prasselte der Regen. Immerhin war Vorleserin Ruth Blaum vom Blätterdach der Linde geschützt. In der Pause zogen dann Vorleser und Publikum in die benachbarte Mauritiuskirche. Bild: Uli Rippmann

Gerade noch bis zur Pause hielt sich das Gewitter am Montagabend zurück. Dann blieb den Organisatorinnen von Ofterdingens Gutenachtgeschichte, Büchereileiterin Susanne Freudemann und ihren Kolleginnen Anja Heuschele und Diana Braun-Eberhardt, nichts anderes übrig, als das Vorlesen kurzerhand in die benachbarte Mauritiuskirche zu verlegen. Die war dann mindestens so gut gefüllt wie sonntags beim Gottesdienst. Das Vierer-Ensemble „Habseligkeit und Finderlohn“ (Martin Norz, Sänger und Gitarre, Oliver Wilhelm, Sänger und Gitarre, Mike Stadel, Kontrabass, und Jens Eberhardt, Piano) kam der Wechsel nur gelegen. Das Ensemble, das sich seit drei Jahren der Vertonung der Lyrik großer deutscher Dichter wie Hölderlin und Goethe widmet, singt ebenso gerne bekannte Folk-Klassiker von Nick Cave und Neil Young. Die klangen in der 500 Jahre alten Kirche besonders rund und voll.

Als Meister überraschender Gedankenverbindungen brachte Moderator Jürgen Jonas das Datum des 1. August historisch mit dem Rütlischwur der Eidgenossen zusammen und jenen in einen direkten Zusammenhang mit der Schweizer Chaussee, der heutigen B 27. Der Dichter Karl Gerok (1815 bis 1890) beschreibt sie in seinen „Palmblättern“ als „lebhafte Straße“, auf der Volk und Fuhrwerke verkehrten. Anders als heute sei sie damals allerdings von Kornfeldern gesäumt gewesen, „in denen die Lerchen jubilierten“, zitierte er.

Weil es so ein ruhiges Buch sei, hatte Ofterdingens Gemeinderätin Ruth Blaum den Roman „Ein ganzes Leben“ des österreichischen Autors Robert Seethaler ausgewählt. Als ungeliebter und oft gezüchtigter Ziehsohn wächst Andreas Egger bei einem Bauern in den österreichischen Alpen auf. Mit 18 Jahren befreit er sich aus dessen Herrschaft, erlebt eine Liebesbeziehung, verliert aber alles wieder durch eine Lawine. Acht Jahre lang steht er russische Gefangenschaft durch. Nach seiner Heimkehr begnügt er sich mit einem einfachen Dasein in einer Berghütte. „Ein schlichtes Leben voller Rückschläge und trotzdem nicht unzufrieden“, fasste Blaum zusammen.

Martin Norz las zwei Kapitel aus dem Buch „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Darin erinnert sich der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt detailliert, wie er als Siebenjähriger „so elektrisiert“ von den Nachrichten über die Mondlandung war, dass er statt neuer Schulbücher einen silbernen Raumanzug aus dem Spielzeugladen kaufte. Und wie er sich die passende Mecki-Frisur dazu verpassen ließ. In der zweiten Geschichte wird der Kanzler-Sohn zu einem Fahrradausflug verpflichtet, die der Aussöhnung zwischen Willy Brandt und Herbert Wehner dienen soll. „Ich war das Anstandskind.“

Dass Brandt nicht Rad fahren konnte, machte die Tour kompliziert. Beim Durchfahren des Gemüsegartens fing das Kanzlerrad an zu schlingern, bekam schließlich Schlagseite und kenterte zwischen den Möhren, so beschreibt Brandt den väterlichen Sturzvorgang, der ihn in seiner Langsamkeit an die Seefahrt erinnerte. Wehner sei indessen monologisierend weiter gefahren. Aus der Versöhnung wurde nichts, erfuhr das erheiterte Publikum, bevor Jonas es mit seinem Reisesegen in die Regennacht verabschiedete.

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Erstellt:
03.08.2022, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 27sec
zuletzt aktualisiert: 03.08.2022, 01:00 Uhr

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