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In einem streng geschützten Gebiet im Oberallgäu soll eine Skischaukel entstehen

Der Kampf um den Berg

Am Riedberger Horn im Oberallgäu stehen Skitourismus und Naturschutz in einem exemplarischen Gegensatz: Die Gemeinden setzen auf mehr Lifte, Pisten und Schneekanonen - mitfinanziert vom Freistaat Bayern.

29.12.2015
  • PATRICK GUYTON

Das Riedberger Horn bringt Thomas Frey ins Schwärmen. "Das ist ein ganz besonderer Berg", sagt der Umweltschützer, "man hat dort einzigartige Erlebnisse." Vom Gipfel auf 1787 Meter Höhe blickt man auf die Oberallgäuer Bergwelt. Oberstdorf ist nicht weit, Österreich auch nicht. "Die Aussicht ist gigantisch, die Lebensräume extrem vielfältig", meint Frey, der beim Bund Naturschutz (BN) arbeitet, dem bayerischen Ableger des BUND. "Diese Natur, diese Landschaft sind unser Kapital."

Doch unterhalb des Berges kracht es - dort wo die Vertreter des alpinen Skisports auf die Landschaftsschützer treffen. Und die Menschen in dieser dünn besiedelten Gegend, die hauptsächlich von Skiurlaubern leben auf andere, die meinen, dass sich in diesem Gebiet der Tourismus ändern sollte - sanfter, schonender, umweltfreundlicher sollte er sein. Das Gegenteil aber ist geplant. Eine moderne Zehner-Sesselliftanlage soll über die Region surren, die Skischaukel soll das eine Skigebiet Grasgehren bei Obermaiselstein mit dem anderen in Balderschwang verbinden. Zusätzlich ist eine neue, lange Familienpiste mit Schneekanonen an den Seiten geplant.

Das Projekt hat mehrere Probleme. Das größte davon ist der seit 43 Jahren in Bayern geltende Alpenplan. Das Riedberger Horn ist in der strengsten Schutzzone C ausgewiesen. Neuerschließungen sind dort nicht erlaubt, eigentlich.

Der Kampf um den Berg
Auch wenn es zur Zeit kaum Schnee in den Alpen gibt: Die Skigebiete rund um das Riedberger Horn - hier ein Schlepplift im Gebiet Grasgehren im Jahr 2013 - gelten sonst als ziemlich schneesicher. Eine neue Liftanlage soll künftig noch mehr Wintersportler anlocken. Umweltschützer bekämpfen das Projekt. Foto: dpa
Der Kampf um den Berg ist entbrannt. Neue Mega-Liftanlagen und künstliche Beschneiung in Zeiten des Klimawandels und der schmelzenden Alpengletscher? Werden die Berge vollends kaputtgemacht, damit man weit oben noch für einige Zeit ein bisschen Skifahren kann? Auch am Riedberger Horn war und ist es in diesen Wochen viel zu warm. Temperaturen von bis zu zehn Grad wurden im 1044 Meter hohen Balderschwang gemessen, Schnee ist nur oben an den Nordseiten der Berge vorhanden, aber auch nicht viel.

Berni Huber sitzt an einem dunklen Holztisch in der Berghütte Grasgehren, 1447 Meter hoch, wo die Talstation des Skigebietes liegt, und schüttelt immer wieder den Kopf. "Skitourismus und Naturschutz müssen sich doch nicht ausschließen", sagt der drahtige Endvierziger. Das gemeinsame Leben und Wirtschaften in diesem Fleck Allgäu, deren Berge die "Hörnergruppe" heißen, sei schließlich "über Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte" gewesen. Bei der Modernisierung des Skigebietes, das andere als Aufrüstung bezeichnen, gehe es schließlich "um die Zukunft unserer Kinder".

Huber war mal ein recht bekannter Skirennläufer, geboren in Obermaiselstein, sechs Top-Ten-Ergebnisse im Weltcup. Seit zwölf Jahren ist er Geschäftsführer des Skigebietes Grasgehren, den Posten hatte schon sein Vater. Den Berni kennt hier jeder. Über die Leute vom BN oder vom Deutschen Alpenverein, die das Projekt strikt ablehnen, sagt er: "Je weiter weg die sind, desto mehr geht es ihnen ums Prinzip."

Das Riedberger-Horn-Projekt aber, so sieht es Obermaiselsteins Bürgermeister Peter Stehle, "ist kein Präzedenzfall". Sondern eine Ausnahme. Die Region gehört zu den vier schneesichersten Gebieten in Deutschland, das sage sogar der Alpenverein. Beim Naturschutz habe man "alles geprüft", meint Stehle, der, nebenbei gesagt, die Skischule am Riedberger Horn leitet. In Pistennähe wachsen weiterhin Heidelbeeren und Alpenrosen. Und das Fortbestehen des streng geschützten Birkhuhnes, das am Riedberger Horn eine Besonderheit darstellt, sei auch gesichert.

Der Kampf um den Berg
Kämpft gegen das Infrastrukturprojekt: Thomas Frey vom Bund Naturschutz. Foto: Patrick Guyton
Um der Schutzzone C des Alpenplanes zu entkommen, streben die Befürworter ein so genanntes "Zielabweichungsverfahren" an. Mit diesem Instrument aus der Raumordnung könnte das durchgesetzt werden, was verboten ist. Kommunen haben die Möglichkeit, von verbindlichen Zielen abzuweichen, wenn dies als vertretbar erscheint und sich die Grundrichtung der Planung nicht ändert.

BN-Mann Thomas Frey sagt: "Genau das ist ein Präzedenzfall. Geht das durch, dann ist der Alpenplan hinfällig." Andere Regionen würden dann auch ihre Skigebiete hochrüsten. Die Fläche, die in den bayerischen Alpen künstlich beschneit wird, hat sich schon in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. "Anders bestehen wir die Konkurrenz mit Österreich nicht", erwidert Berni Huber. Dort gibt es höhere Lagen und mehr Pisten. Da habe man "mit der Planierraupe alles abgewalzt", die Abfahrten seien "am Reißbrett entstanden". Frey widerum meint: "Wir können nicht mit den großen österreichischen Skigebieten konkurrieren."

Möglich wären der neue Lift, die Piste und die Schneekanonen sowieso nur mit massiven Subventionen des Freistaates Bayern. Seit 2009 greift das Land den Liftbetreibern mit dem so genannten Seilbahnförderprogramm finanziell massiv unter die Arme. Je nach Größe des Unternehmens werden 15 bis 35 Prozent der Investitionen als Zuschuss bezahlt. Begründet wird dieses staatliche Engagement mit der Förderung von Wirtschaft und Tourismus. Würde Berni Huber das Projekt auch ohne diese Zuschussmöglichkeit verfolgen? Er schaut einen ungläubig an und sagt: "Nein."

Befürworter und Gegner sind sich am Riedberger Horn nur einig, dass sie sich in nichts einig sind. Huber meint: "Eine Zusammenarbeit ist nicht möglich, da herrscht nur Ignoranz." Und Frey: "Der Berg gehört nicht den Liftbetreibern und den Bürgermeistern."

Entscheiden muss im Frühjahr das bayerische CSU-Kabinett. Umweltministerin Ulrike Scharf hat sich mehrfach klar gegen das Projekt gestellt. Vor allem aus der Allgäuer CSU gibt es aber viele Befürworter, etwa den Landtags-Fraktionsvorsitzenden Thomas Kreuzer.

Der für das Zielabweichungsverfahren zuständige Finanzminister Markus Söder hält sich eine Entscheidung bisher offen. Der Ministerpräsidenten-Aspirant dürfte allerdings darauf bedacht sein, es sich nicht mit vielen CSU-Parlamentariern zu verscherzen. Die wählen nämlich den nächsten Ministerpräsidenten.

Das Riedberger Horn

Der Kampf um den Berg
Berg Das Riedberger Horn (1787 Meter) ist höchster Berg der Hörnergruppe in den westlichen Allgäuer Alpen (Landkreis Oberallgäu). Die Hörnergruppe ist Teil des grenzübergreifenden Naturparks Nagelfluhkette zwischen Deutschland und Österreich.

Skigebiete Rund um das Riedberger Horn befinden sich zwei kleinere Skigebiete: Grasgehren mit fünf Liftanlagen und Balderschwang mit zwei Sessel- und acht Schleppliften. Bisher muss man mit dem Auto oder dem Bus fahren, um von einem Gebiet ins andere zu gelangen. Dies soll durch den geplanten Verbindungslift geändert werden. Solche Anlagen über Höhenzüge nennt man Skischaukel. Skifahrer können sich so mit nur einem Skipass von Skigebiet zu Skigebiet bewegen.

Gäste Touristische Orte am Riedberger Horn sind Balderschwang (270 Einwohner) mit 200 000 Gästeübernachtungen pro Jahr und Obermaiselstein (950 Einwohner) mit 250 000 Übernachtungen. eb/pat

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29.12.2015, 08:30 Uhr
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