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Der Job der „Bächleputzer“
„Bächleputzer“ Alain Stockmayr bei der Arbeit: Die Wasserkanäle aus dem Mittelalter prägen das Stadtbild und sind ein Wahrzeichen. Foto: dpa
Die Kanäle in Freiburg sind eine Touristen-Attraktion, die viel Arbeit macht

Der Job der „Bächleputzer“

Ohne die „Bächle“ kommt in Freiburg keine Stadtführung aus – sie sind ein Wahrzeichen. Doch ohne die „Bächleputzer“ würden sie nicht fließen.

17.08.2016
  • JÜRGEN RUF, DPA

Freiburg. Alain Stockmayr und seine beiden Kollegen arbeiten in einem Beruf, den es nur in Freiburg gibt. Denn nirgendwo anders auf der Welt braucht es „Bächleputzer“. Stockmayr und Kollegen haben die vielen Wasserläufe aus dem Mittelalter im Blick, die sich durch das historische Zentrum der badischen Universitätsstadt ziehen. Die Bächle, so heißen kleine Bäche im Freiburger Dialekt, sind ein Wahrzeichen der Stadt und eine überregional bekannte Touristenattraktion – und Stockmayrs täglicher Arbeitsplatz.

„Wir kümmern uns um das Herz der Stadt“, sagt Stockmayr. Der 50 Jahre alte gelernte Schlosser ist einer von insgesamt drei „Bächleputzern“. Er macht den Job seit sechs Jahren. Gemeinsam mit Rudolph Schmelzle und Daniel Cartis überprüft und reinigt er die kleinen Wasserkanäle, die es in dieser Form nur in der Stadt im Südwesten gibt.

Die Bächle prägen das Stadtbild. Ohne sie kommt keine Stadtführung und kein Reiseführer aus. „Sie gehören zu Freiburg wie das Münster und der Schwarzwald“, sagt Freiburgs Tourismuschefin Franziska Pankow. Seit dem 13. Jahrhundert fließen sie. Vom Fluss Dreisam wird am Eingang der Stadt Wasser abgeleitet und 15 Kilometer lang in kleinen Kanälen durch das Zentrum geführt, bevor es wieder in die Dreisam fließt. Zwischen 200 und 500 Liter rauschen pro Minute hindurch, mit einem Gefälle von acht Metern, erklärt Stockmayr.

Das historische Be- und Entwässerungssystem, eine Innovation im Mittelalter, funktioniert bis heute. Die Bächle fließen in einem verzweigten Netz unter und über der Erde durch die Stadt. Im Mittelalter sorgten sie für Löschwasser im eng gebauten Stadtkern. Diese Funktion haben sie verloren, doch wegzudenken aus dem Freiburger Stadtbild sind sie nicht mehr.

Stockmayr schaut täglich acht Stunden lang darauf, dass alles in Ordnung ist – auch an Samstagen und bei Bedarf auch am Sonntag oder in der Nacht. Denn die Bäche können überfluten, weil der Wasserdruck in dem engen Kanalsystem zu groß ist oder Engstellen verstopft sind. Und dann müssen die „Bächleputzer“ ran.

Seine Arbeitsgeräte hat er immer mit dabei: Einen großen Haken aus Edelstahl, um die schweren Metallabdeckungen anheben zu können, einen Stahlbesen zum Reinigen und einen kleinen Handkarren, in dem Abfall landet. „Es ist ein schöner Beruf, weil er im Freien und mitten in der Stadt ist. Man ist immer unter Menschen – ich mag das“, sagt Stockmayr. Doch zum konzentrierten Arbeiten kommt er nicht immer.

Als Stockmayr gerade den Wasserstand kontrolliert, wird er von drei Studenten aus Asien angesprochen. Sie halten einen Fragebogen in der Hand, mit diesem sollen sie die Stadt erkunden. „Wie heißen die Männer, die die kleinen Kanäle in der Innenstadt reinigen“, will ein Student wissen. „Bächleputzer“, sagt Stockmayr und schaut in ein fragendes Gesicht. „Das sind die Bächle und wir sind die, die die Bächle putzen“, erklärt der Freiburger und zeigt auf den Wasserkanal am Straßenrand. Offiziell gibt es den Beruf seit dem 18. Jahrhundert, sagt Stockmayr. Damals hießen die Arbeiter noch „Bächleräumer“.

Damit Wasser in passender Menge fließt, müssen die „Bächleputzer“ Schleusen sowie die Bachverläufe kontrollieren und justieren. Auch die Brunnen, die sich aus den Bächle speisen, gehören zu ihren Aufgaben. „Es ist weit mehr als nur das Putzen“, sagt Stockmayr.

„Und in einem Drittel unserer Jobs sind wir Auskunftsbüro.“ Touristen fragen nach dem Weg oder lassen sich über die Bedeutung und Geschichte der Bächle aufklären. Bestätigung bekomme er nahezu täglich, vor allem im Sommer: „Wenn Erwachsene ihre Füße ins Bächle halten und sich von der Hitze abkühlen, kleine Kinder am Wasser spielen und selbstgebastelte Boote fahren lassen oder wenn sich Hunde ins Wasser stürzen, dann ist das ein schöner Anblick.“ Die Bächle machten so die Innenstadt lebenswert.

In anderen Städten wurden ähnliche Bäche mit der Zeit zugeschüttet. Mancherorts werden sie aber wieder neu gebaut – um das Stadtbild zu verschönern. Doch die Größe und die historische Bedeutung wie in Freiburg haben die Bäche nirgendwo. Und „Bächleputzer“ gibt es auch nur hier, bestätigt der Chef der Freiburger Stadtreinigung, Michael Broglin: „Es sind wertvolle Mitarbeiter, die einen besonderen Job machen: Ohne sie würden die beliebten Bächle nicht fließen.“ Und Freiburg wäre so um eine Attraktion ärmer.

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17.08.2016, 06:00 Uhr
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