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Leitartikel

Der Hunger und wir

Noch zwölf Jahre. Dann soll der Hunger in der Welt nur noch eine hässliche Erinnerung sein. So hatte es die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 2015 beschlossen. Doch in den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der akut Hungernden nach einem Jahrzehnt der Erfolgsnachrichten wieder gestiegen – von 80 Millionen auf 124 Millionen.

11.10.2018
  • ANDRé BOCHOW

Berlin. Mehr als 800 Millionen Menschen waren 2017 unterernährt. Und dabei fehlen uns noch die Zahlen aus Ländern, die von Kriegen geschüttelt werden oder in denen Diktatoren dafür sorgen, dass keine Daten erhoben werden. Immerhin wissen wir: Im Kongo stirbt fast jedes zehnte Kind, bevor es fünf Jahre alt ist. In Burundi haben mehr als die Hälfte der Kinder Wachstumsverzögerungen, und in Eritrea wiegt fast ein Drittel der Kinder zu wenig. Viel zu wenig. Auch das ist Hunger. So wie es aussieht, wird es das alles auch in zwölf Jahren noch geben.

Es gibt beim Thema Hunger nicht nur eine Wahrheit, sondern mindestens drei. Erstens: Kurzfristig hat sich die Situation verschlechtert. Zweitens: In der längerfristigen Perspektive haben wir eine deutliche Verbesserung erlebt. Und drittens: Das Tempo dieser Verbesserung ist viel zu gering.

Weil Hunger sowohl Folge als auch Ursache von Konflikten sein kann, besteht die Gefahr, dass Teile der Welt erneut in eine Spirale nach unten geraten und das Elend sich vergrößert. Zu diesem Elend gehört auch massenhafte Flucht.

Es stimmt: Die Hungerleidenden schaffen es in der Regel nicht zu uns. Aber mal abgesehen davon, dass es der blanke Zynismus wäre, sich deswegen zu beruhigen, können wir uns nicht darauf verlassen, den gesellschaftlichen Folgen von Hunger zu entgehen. Wenn Hunger zu bewaffneten Kämpfen oder gar Kriegen führt, die wiederum die fragile Landwirtschaft zerstören, dann brechen ganze Staaten zusammen. Und was das Scheitern von Staaten auch für Europa bedeuten kann, sieht man sich an Beispielen wie Libyen oder Somalia.

Die Frage ist, welche Gegenmittel es gibt. Eine aktuelle Umfrage zeigt eine hohe Bereitschaft bei den Bundesbürgern, mehr für die Entwicklungshilfe auszugeben. Das wird aber nicht ausreichen. Wer etwas gegen den Hunger unternehmen will, muss sich zum Beispiel auch mit der Erderwärmung auseinandersetzen. Schon jetzt bedroht der Klimawandel die Landwirtschaft. Regen- und Trockenzeiten sind in vielen Teilen Afrikas nicht mehr vorherzusehen. Ernten verdorren oder werden weggespült. Aber in der EU freut man sich über einen kleingeistigen CO2-Kompromiss.

Dabei könnte sich die Politik ruhig auf das Gefühl der Bürger verlassen. Eine große Mehrheit hierzulande fühlt nämlich, wie abscheulich und ungerecht es ist, wenn Hunderte Millionen Menschen hungern, Kinder nicht einmal das Schulalter erreichen oder der Mangel an Nahrung ihnen die Chance auf eine normale Entwicklung nimmt. Wenn die Bundesregierung dieses Gefühl ernst nehmen würde, müsste sie ihre Prioritäten ändern. So wie wir alle.

leitartikel@swp.de

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11.10.2018, 06:00 Uhr
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