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Der Hass auf den Anderen
Bei einer Kundgebung in Berlin tragen Demonstranten auch antiisraelische Plakate mit sich. Foto: Hannibal/dpa
Antisemitismus

Der Hass auf den Anderen

Die Vorbehalte gegen Juden sind in Deutschland groß. Auch die Zahl der Übergriffe. Das liegt nicht nur an „importiertem Hass“ durch Muslime.

06.04.2018
  • ELISABETH ZOLL

Ulm. Ein jüdisches Mädchen wird in einer Berliner Grundschule von muslimischen Mitschülern bedroht, anderenorts mobben Kinder einen Gleichaltrigen wegen seines Glaubens so sehr, dass er die Schule wechselt. Erwachsene trauen sich nicht mehr überall, ihre religiöse Kopfbedeckung, die Kippa, zu tragen: Deutschland hat ein Problem mit Antisemitismus. Wissenschaftler warnen, dass sich etwas verändert in unserem Land. Und zwar zum Negativen.

„Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt zu“, sagt Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums in Berlin. Als Koordinator des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus bereitet er mit anderen Wissenschaftlern Daten für die Bundesregierung auf. „Durch den Einzug der AfD in den Bundestag und das Auftreten von Rechtspopulisten in vielen Ländern Europas fühlen sich Menschen inzwischen berechtigt, ihre rassistischen Vorbehalte kundzutun.“ Das geschieht im direkten Austausch oder ganz unverhohlen in sozialen Netzwerken. Mal trifft Homosexuelle die Verachtung einer meist lauten Minderheit, mal Frauen, mal Muslime – oder auch: Juden. 20 Prozent der Bevölkerung haben nach Langzeiterhebungen eine eindeutige oder ziemlich eindeutige antisemitische Einstellung. Das Niveau ist seit Jahren konstant hoch. Neu ist, dass immer häufiger die Hemmschwelle fällt, den Gedanken Worte und Taten folgen zu lassen.

Siegele spricht von einem „großen Dunkelfeld“. Nur 25 Prozent der Übergriffe werden nach einer Umfrage unter Juden überhaupt zur Anzeige gebracht. Viele Opfer hätten Furcht davor, in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Patrick Siegele begrüßt daher sehr, dass in Berlin die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) eingerichtet wurde, die Übergriffe dokumentieren und anzeigen soll, ohne Opfer bloßzustellen. Nur eine gute Datenbasis hilft, Zerrbilder zu korrigieren. Eines davon wird derzeit gepflegt. Siegele: „In Deutschland glauben viele, es gäbe gar keinen Antisemitismus, nur einen importierten.“

Den gibt es auch: Flüchtlinge aus arabischen Ländern bringen ihre Welterklärung und ihre Feindbilder mit. Doch die Kriminalitätsstatistik weist auf andere Zusammenhänge: 1500 antisemitische Straftaten wurden 2017 registriert. Der mit knapp 1400 größte Anteil der Gewalttaten geht auf rechte Urheber zurück. Attackiert wurden Menschen und 27 Synagogen – vier in Baden-Württemberg.

Vieles jedoch bleibt verborgen, vermutlich auch Vorfälle an Schulen. Schulleiter hätten Angst, wegen Antisemitismus an den Pranger gestellt zu werden. Dann werde Gewalt als Streiterei unter Jugendlichen abgetan – und unter den Teppich gekehrt. Ginge es nach Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU), hätte das bald ein Ende. Er fordert eine Meldepflicht für antisemitische Vorfälle an Schulen. Unterstützung erhält er vom Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Josef Schuster: Damit „erhalten wir ein deutlicheres Bild über den Antisemitismus und seine vielen Facetten“. Widerspruch meldet das Bundesinnenministerium an. Dafür gebe es keine Veranlassung.

Dokumentieren und den Lehrern Handlungssicherheit geben, empfiehlt auch der Expertenkreis Antisemitismus. Weil das Thema die Bereiche Bildung, Polizei und Justiz berühre, plädiert er daneben für eine bessere Bund-Länder-Abstimmung und einen Antisemitismusbeauftragten auf Bundesebene, der die vielen unterschiedlichen Projekte koordiniere. Auch wenn derzeit der Schwerpunkt auf Angeboten für Kinder und Jugendliche liege, warnt Siegele davor, Erwachsene ganz aus dem Blick zu verlieren. Der Kampf gegen Antisemitismus sei eine Aufgabe, die Deutschland bleibe. „Die in Deutschland lebenden Juden sind beunruhigt. 70 Prozent haben Angst vor den Veränderungen in unserem Land.“

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06.04.2018, 06:00 Uhr
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