Archäologie

Der Hammer: Drei Meißel

Ein Fund im Hohlen Fels bei Schelklingen gibt Aufschluss über spezielle Steinzeit-Techniken.

21.07.2020

Von THOMAS SPANHEL

Sensationsfund im Alb-Donau-Kreis: einer der Elfenbein-Meißel. Foto: Dave Stonies

Blaubeuren. Drei einzigartige Elfenbein-Meißel haben Archäologen bei Grabungen im Hohlen Fels bei Schelklingen im vergangenen Jahr gefunden. „Das ist wie ein kleiner Werkzeugkasten aus dem Aurignacien“, sagte Professor Nicholas Conard (Uni Tübingen). „Es ist absolut einmalig, so viele große Werkzeuge aus dieser Zeit so nahe beieinander zu finden.“ Zusammen mit Sibylle Wolf vom Tübinger Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment hat Conard sie im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren als „Fund des Jahres“ vorgestellt – dort können sie bis Januar besichtigt werden.

Die Fundstücke sind zwischen 14 und 22 Zentimeter lang und bis zu vier Zentimeter breit. Sie wurden aus den härtesten Teilen der Mammut-Stoßzähne gefertigt. Das Grabungsteam hat sie in der untersten Grabungsschicht im Hohlen Fels gefunden – nicht weit von den Stellen, wo man auch die heute als „Venus“ bekannte Frauenfigur und eine Elfenbeinflöte fand. Die drei flach zulaufenden Elfenbein-Meißel zeigen deutliche Absplitterungen und Ausfransungen an den Enden, was die intensive Nutzung als Werkzeug belegt, erklärte der Archäologe. Wahrscheinlich bearbeiteten die Menschen damit unterschiedliche organische Materialien wie Elfenbein, Holz, Knochen oder Geweih. Und das vor rund 40 000 Jahren, als der moderne Mensch erstmals in der Region auftrat. Einmal mehr habe sich der Hohle Fels als unvergleichlicher Fundort erwiesen, so Conard.

Sibylle Wolf hat die Fundstücke unter dem Mikroskop begutachtet und mit später entstandenen ähnlichen Funden aus Russland verglichen. Sie geht davon aus, dass die Werkzeuge mit großer Wucht eingesetzt wurden. Denkbar sei, dass man damit die über zwei Meter langen Mammut-Stoßzähne gespalten und dann große Elfenbein-Stücke herausgearbeitet habe. Mit kleineren Geräten seien die großen Stücke dann zu den bekannten kleinen Schmuckstücken weiterverarbeitet worden. „Wenn man mit Elfenbein-Werkzeug arbeitet, splittert das organische Material nicht so einfach“, erläutert Wolf die Vorteile dieser Werkzeuge. Kleine Kunstobjekte würden damit nicht so leicht beschädigt. „Die Meißel könnten auf ihrer dicken Seite außerdem als eine Art Stößel oder Hammer verwendet worden sein, um anderes Material zu zerkleinern.“

Stefanie Kölbl, geschäftsführende Direktorin des Urgeschichtlichen Museums, freut sich, die Werkzeuge in Blaubeuren präsentieren zu können. Sie zeigen, „welch Meisterleistungen die Menschen damals erbrachten.“ Thomas Spanhel

Nicholas Conard und Sibylle Wolf. Foto: Dave Stonies

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Erstellt:
21. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2020, 06:00 Uhr

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