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Tübingen · Vesperkirche

Der Friseurbesuch als Knüller

Zum elften Mal öffnete die Tübinger Martinskirche gestern ihre Türen für vier Wochen. Zum Start kamen ungefähr 200 Besucher.

27.01.2020

Von Marco Keitel

Rosenkohl mit Wildragout und Knöpfle brachte Gerhard Proft (links) gestern an die Tische der Vesperkirche.Bild: Anne Faden

Als am gestrigen Sonntag um 11 Uhr die diesjährige Vesperkirche mit einem Gottesdienst startete, waren die meisten Stühle an den 16 Tischen besetzt. 140 Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen nahmen Platz. Auf den Tischen standen Blumen, Kerzen und eine hölzerne Spendenkiste in Form der Martinskirche. Auf jedem Tisch lag ein Fladenbrot bereit. Am Ende seines lebendigen Gottesdienstes, forderte Pfarrer Christoph Wiborg die Anwesenden auf, dieses Brot mit dem Tischnachbarn zu teilen. „Wie aus vielen Körnern ein Brot wird, so kommen wir hier in der Vesperkirche zusammen“, so Wiborg. Eigenschaften wie etwa Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung seien Gott dabei egal.

Nach dem Gottesdienst füllte sich die Kirche weiter, viele Menschen müssen erstmal auf dem Vorplatz in der Sonne warten, bis Plätze frei werden. Der Duft von Wildragout mit Rosenkohl und Knöpfle und Pilzragout mit Brezelknödeln dringt bis nach draußen. Dann schwärmen die Helferinnen und Helfer aus und nehmen Bestellungen entgegen. Rund 50 von ihnen sind für die nächsten vier Wochen jeden Tag im Einsatz. Insgesamt sind es über 300 Mithelfende. Sie nehmen Bestellungen auf, bringen Essen an die Tische, spülen das Geschirr, schenken Kaffee aus und richten gespendete Kuchen an. Für das Essen wirft jeder soviel wie er kann und möchte in die Spendenbox. Die Mahlzeiten liefert das Pauline-Krone-Heim.

Die Gäste kommen aus unterschiedlichsten Gründen in die Vesperkirche: Um ein paar Stunden im Warmen sein zu können, für ein warmes Essen, um das Projekt zu unterstützen, oder einfach für interessante Begegnungen und Gespräche. Diese entstehen in der Martinskirche automatisch: Wegen des großen Andrangs sitzen bunt zusammengewürfelte Gruppen miteinander am Tisch. So kommt es zu Unterhaltungen zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nicht über den Weg laufen würden. Geschwiegen wird am Sonntag an keinem der 16 Tische. „Da bilden sich über die Jahre gute Beziehungen“, sagt Manuela Rubow aus dem Leitungsteam, „die Begegnung und die Gemeinschaft beim Essen ist bei uns ein wesentlicher Faktor“. Viele Menschen, die in die Vesperkirche kommen, sind Stammgäste. Auch für die Mitarbeitenden untereinander sei es immer ein großer Treffpunkt, ergänzt Organisatorin Anke Becker. Oft sehe man sich ein Jahr lang nicht, die Vorfreude auf den Start der Vesperkirche sei immer groß.

Um 13 Uhr gibt es regelmäßig einen „Tagestupfer“ – mit Musik oder Andacht. Am Eröffnungstag stellten Christoph Cless und Maler Frido Hoberger gestern das Kunstprojekt der diesjährigen Vesperkirche vor: Gäste können gemeinsam mit Hoberger ein Selbstporträt anfertigen. Dabei führt der Künstler die Hand des Porträtierten. Für die fertigen Kunstwerke hängen zahlreiche, noch leere, Bilderrahmen an den Wänden der Martinskirche. Der Tagestupfer ist mittlerweile fester Bestandteil der Vesperkirche: „Wenn wir das vergessen, weisen uns die Gäste darauf hin, dass es jetzt Zeit dafür ist“, sagt Rubow.

Im Kulturprogramm der Vesperkirche gibt es neben den Selbstporträts Kabarett von Dietlinde Ellsässer, ein Gastspiel des Theaters Lindenhof und Mozarts „Grand Partita“, gespielt von einem 12-köpfigen Bläserensemble mit Kontrabass. Außerdem können die Gäste eine Vielzahl an Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sich etwa die Haare schneiden lassen. Gerade der Friseurbesuch löst oft große Freude aus, sagt Rubow: „Das ist der Knüller! Da kommen die Menschen oft strahlend raus.“

Programm der Vesperkirche bis Mittwoch

Zwischen 11.30 und 14 Uhr schneidet Frisörmeister Wolfgang Knapp vom Salon Marc’s Haircompany am heutigen Montag im Martinssaal kostenlos die Haare. Dienstag: Rechtsberatung der Anwaltskanzlei Heck&Kollegen von 11.30 bis 14 Uhr auf der Orgelempore; Arztmobil von Mstyslaw Suchowerskyj vor der Kirche (11.30 bis 14 Uhr). Mittwoch: Lebens- und Sozialberatung des Diakonischen Werks (11.30 bis 14 Uhr); „Gespräche über Gott und die Welt im Turmzimmer (14 Uhr), mit Lone Cornelius und Karola Vollmer .

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Erstellt:
27. Januar 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2020, 01:00 Uhr

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