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Rückblick mit vier Kanzlern

Der Fotograf Andreas Gursky im Museum Frieder Burda in Baden-Baden

Einer wie Andreas Gursky darf auch mal anders: Pünktlich zur Feier der deutschen Einheit zeigt der Fotokünstler in Baden-Baden ein Gruppenbild besonderer Art und beweist wieder hohe ästhetische Qualität.

06.10.2015
  • BURKHARD MEIER-GROLMAN

Baden-Baden Sein Gruppenbild mit Dame kam gerade rechtzeitig zu den Feierlichkeiten der deutschen Einheit: Fotokünstler Andreas Gursky lässt in seiner neuen Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden die letzten vier Bundeskanzler gemeinsam auf einem Bild auftreten. Es ist ein sehr persönliches künstlerisches Statement zu den Zeitläuften, das der prominente Fotograf hier abgibt. Und es muss einem so anerkannten Künstler wohl erlaubt sein, einmal ein wenig aus der ihm zugeschriebenen Rolle zu fallen - und nicht wieder eines seiner beliebten, bei Auktionen stets für Millionensummen versteigerten Großbilder mit sich bis in die Unendlichkeit hinziehenden Supermarktregalen auf den Kunstmarkt zu schmeißen.

Wie bei dem Düsseldorfer Becher-Schüler Andreas Gursky nicht anders zu erwarten, sind bei diesem gerade aus dem Drucker gezogenen, riesenhaften und an die fünf Meter breitem Hochglanz-Digitalfoto, das Gursky sinnigerweise "Rückblick" nennt, ganz konkrete Realitätsausschnitte am Computer zu einer neuen Bildwirklichkeit montiert worden.

Nüchtern betrachtet, schauen wir bei diesem "Rückblick" aus dem Jahr 2015 durch ein Glasfenster in einen Konferenzraum direkt auf Barnett Newmans nahezu monochromes, wandfüllendes Farbfeld-Gemälde "Vir Heroicus Sublimis" ("Heroischer empfindsamer Mann") aus dem Jahr 1951. Vor diesem Bild sitzen vier Personen, die in aller Ruhe dieses bedeutsame Werk des amerikanischen Abstrakten Expressionismus' betrachten.

Wir nehmen nur die Rückenpartie der Protagonisten auf diesem Gruppenbild wahr, aber wir erkennen unschwer sofort unsere letzten vier Kanzler. Links sitzt Gerhard Schröder, daneben kräuselt sich der Rauch von Helmut Schmidts Zigarette, die Frisur Angela Merkels hat wohl der in Berlin tätige schwäbische Figaro Udo Walz in Form gebracht, und ganz rechts außen, das müsste doch eigentlich der Hinterkopf von Helmut Kohl sein. Andreas Gursky hatte da eine wunderschöne Bildidee und wie immer bei seinen Fotokompositionen, so lässt er auch hier bei dieser Vergangenheitsbeschau sich selbst und dem Betrachter reichlich Spielraum für eigene Gedanken und Assoziationen. Da muss man nicht gleich wie der Kurator dieser Baden-Badener Gursky-Präsentation, Udo Kittelmann, alle Exponate auf ihren sozialkritischen Gehalt hin untersuchen.

Gut, Gursky sammelt sein Arbeitsmaterial weltweit ein, und seine Antarktis-Luftaufnahme spiegelt schon irgendwo die viel beschworene Klimaveränderung wider, das Gewusel in der Börse von Chicago geißelt gewiss unseren hektischen und überbordenden Aktionismus, die Masseninszenierung im nordkoreanischen Pjöngjang auf dem C-Print von 2007 zeigt, wie schnell Individualität gelöscht werden kann, auch die Wohnmaschine am Pariser Montparnasse von 1993 demonstriert, welche Auswüchse der Urbanismus zuweilen zeitigt.

Aber nach wie vor ist für die Attraktivität der Fotokunst des Andreas Gursky die ästhetische Komponente maßgebend. Wer etwa Gurskys Schnappschuss vom Bergwerk Ost in Hamm von 2008 mit den an die Decke gehängten Klamotten in der Kleiderkaue der Kumpels beäugt, der wird doch zuallererst die fantastische Ausstrahlung und Wirkung dieser Fotoarbeit bestaunen, bevor er an die Strapazen der Bergleute unter Tage denkt.

Oder man sitzt lange still versunken vor dem Stück Rhein, das Gursky 1999 in ein monumentales Foto-Gemälde eingebracht hat und will davor nur noch sinnieren und meditieren, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob dieses Bild irgendeine gesellschaftliche Relevanz birgt.

Der Fotograf Andreas Gursky im Museum Frieder Burda in Baden-Baden
Ein Pressefotograf lichtet Andreas Gurskys Großformat "Rückblick" ab. Auf dem Bild des Düsseldorfer Fotokünstlers erkennt man vier deutsche Bundeskanzler, die in aller Ruhe ihre Vergangenheit Revue passieren lassen. Foto: Gerda Meier-Grolman

Der Fotograf Andreas Gursky im Museum Frieder Burda in Baden-Baden
Der Künstler und sein Kurator: Andreas Gursky (links) und Udo Kittelmann im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Foto: dpa

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06.10.2015, 12:00 Uhr
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