Bandenmäßige Beihilfe

Der Ex-Kapitän der Cap Anamur und ein Ex-Flüchtling sprachen in der Kulturhalle

Der eine floh 2001 aus Nigeria übers Meer. Der andere nahm 2004 als Kapitän der Cap Anamur Flüchtlinge in Seenot auf. Moderiert von TAGBLATT-Redakteurin Sabine Lohr erzählten Stefan Schmidt und Bright Igbinovia am Montag in der Kulturhalle über ihre Erfahrungen – in einer Begleitveranstaltung der aktuellen Ausstellung „Zuflucht“.

11.05.2016

Von Peter Ertle

Tübingen. Zwischen Lampedusa und Malta traf die Cap Anamur 2004 auf Flüchtlinge in einem Schlauchboot, der Motor war ausgefallen. Schmidt nahm die Männer auf: „Ein halbes Fladenbrot für 37 Leute war alles, was sie zu essen hatten.“

Er wollte sie in den Hafen von Porto Empedocle bringen. Doch die italienische Regierung verweigerte dem Schiff, einzulaufen. Eine Woche lang versuchte die Crew alles, um die Behörden umzustimmen. Als zwei der Flüchtlinge in ihrer Verzweiflung ankündigten, über Bord zu gehen, befand der Kapitän: „Wir haben sie nicht gerettet, damit wir sie wieder verlieren.“ Er steuerte den Hafen an. Die Flüchtlinge kamen in ein Abschiebelager, der Kapitän wurde inhaftiert. „Wie lange?“ fragte Sabine Lohr. „Nur eine Woche.“ „Und was warf man Ihnen vor?“ „Bandenmäßige Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall.“ „Aber dass sie die Menschen gerettet haben, wurde ihnen nicht vorgeworfen?“ „Nein, nur die Einreise.“ Und was hätte er dann nach Ansicht der italienischen Behörden mit den Flüchtlingen machen sollen? Sie woanders hinbringen, nach Malta, nach Deutschland, sagt Schmidt, das habe er vorher ja auch versucht, aber kein Land wollte sie haben. Er hätte auch wegschauen können. Schmidt erzählte, dass nach dem Prozess gegen die Cap Anamur auf anderen Schiffen teils die Order gegeben wurde, bei Sichtung von Booten woanders hinzusehen – das wisse er aus sicheren Quellen.

Dann wandte sich Sabine Lohr Bright Igbinovia zu, fragte nach den Umständen seiner Flucht. 2001 sei er in einem für 20 Menschen gedachten, aber mit 50 Menschen besetzten Schlauchboot übers Meer, 500 Dollar habe er zahlen müssen, so Igbinovia, der Kompass sei kaputt gewesen, irgendwann seien sie Delphinen gefolgt. In Spanien habe er gebettelt. Mit dem erbettelten Geld kaufte er sich irgendwann ein Busticket nach Italien. Napoli, dann Vicenza, illegaler Handel auf Märkten. Sonnenbrillen und anderen Kleinkram hat er verkauft.

Und der Kapitän der Cap Anamur? „Die Gefängnisleitung war auf unserer Seite, wir wurden bevorzugt behandelt.“ Ja, sie waren Helden. Und wurden es in diesen Tagen überall, denn der Fall ging um die Welt. „Nur für die italienische Regierung waren wir schuldig.“ Und auch der damalige deutsche Außenminister Otto Schily pflichtete bei: Die Inhaftierung sei rechtens, man dürfe keinen Präzedenzfall schaffen.

Fünf Jahre dauerte der Prozess. Für Schmidt bedeuete das: Fünf Jahre lang jede Woche einmal zum Prozeß nach Italien kommen müssen. 2009 gab es den Freispruch, da war der Prozess längst ein Schandfleck Italiens geworden.

Auf lange Sicht habe der Fall Cap Anamur viel verändert, so Schmidt. Heute gebe es Hilfsorganisationen, aber auch etliche Schiffe, die auf Privatinitiative Flüchtlinge retteten. Behördliches Vorgehen wie damals in Italien könne sich heute kein Land mehr leisten.

Schließlich erzählte Igbinovia von seinen Fluchtgründen, seinem Studium in Nigeria, das für die Familie zu teuer war, der Perspektivlosigkeit. „Er würde hier ja Wirtschaftsflüchtling genannt“, schaltete Lohr sich ein, und an Schmidt gerichtet: „Macht das für Sie einen Unterschied?“ Machte es natürlich nicht, wie könne man einem Menschen absprechen wollen, dass er aus dem Elend weg wolle. Welche Bilder er denn von Europa im Kopf hatte vor seiner Flucht und welche Eindrücke dann beim Ankommen, wollte Lohr wissen. Überall Gold, Partys, die Glitzerwelt, die sie im Fernsehen von Europa gesehen hätten, so Igbinovia. Beim Ankommen dann: viel zu kalt hier. Und: Keine Kommunikation möglich. Und nirgendwo war er gern gesehen.

Igbinovia hat sich durchgeschlagen, lernte die Sprache, fand Arbeit. Und bekam nach acht Jahren die Aufenthaltsgenehmigung in Italien. Heute lebt er in Deutschland, in Unterjesingen, ist verheiratet, hat Kinder. Weil es so ein Kampf war, bis es klappte, engagiert er sich heute in Diensten des Landratsamts, hilft Flüchtlingen bei der Integration. Stefan Schmidt wiederum ist inzwischen Flüchtlingsbeauftragter Schleswig-Holsteins, einstimmig von allen Parteien gewählt – worauf er besonders stolz ist. Auch das dreißigköpfige Publikum wandte sich am Ende mit Fragen an die Gäste. Dirk Amon am Bass umrahmte den Abend mit Wader und Waits.

Info: Wer mehr über Bright Igbinovia erfahren möchte, sollte sich in einer Audioecke der Ausstellung das Interview anhören, das Kuratorin Zarin Aschrafi mit ihm führte.

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Erstellt:
11. Mai 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Mai 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2016, 01:00 Uhr

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