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Der Eros der Erlebnis-Stadt

Reutlingen hat nicht nur ein E-Center, wie Erotik. Die Stadt ist sogar ein E-Center, wie Erlebnis. Das jedenfalls hat Tanja Ulmer kürzlich dem Finanzausschuss des Gemeinderats dargelegt.

20.07.2009

Die Geschäftsführerin der Stadtmarketing-Gesellschaft StaRT hat das „Erlebniscenter Reutlingen“ erfunden, um „das Mehr bewusst zu machen“, das die gewachsene Innenstadt gegenüber einem Einkaufscenter zu bieten habe.

Die Stadt als sozialen Treffpunkt, als urbanen Ruheraum, als Einkaufsort und Wohnraum pries die Stadtimage-Beauftragte. Zur völligen Entfaltung des Erlebnis-Eros ließ Ulmer durchblicken, fehle eigentlich nur noch ein City-Management zur besseren Verzahnung: „Dann ist das Ganze mehr als die Summe der Einzelheiten.“ Ein Eindruck, der auch aufkam, als Ordnungsamtsleiter Reinhold Bantle im Anschluss an den Stadtmarketing-Vortrag schilderte, wie seine Büttel den Fußgängern in der Innenstadt ein noch unbeschwerteres Erlebnis verschaffen wollen. Die Verwaltung will „zentrale Ladezonen“ ausweisen, um den Lieferverkehr zwischen 10 und 19 Uhr weitgehend aus der Fußgängerzone zu verbannen. „Wir wollen keine Ausnahmen mehr zulassen“, sagte Bantle – und fand dafür Unterstützung bei Sitzungsleiter und Finanzbürgermeister Peter Rist: „Die Paketdienste in der Innenstadt – das hat inzwischen ein unerträgliches Maß angenommen.“

Treffen soll der Fußgängerzonen Bannstrahl aber auch die Taxifahrer und die Bewohner/innen der Lindenstraße und der Weingärtnerstraße. Bantle: „Dort werden wir Pfosten aufstellen, die das Einfahren in den Fußgängerbereich verhindern.“ Spätestens das ließ den aktuellen BMR- und künftigen FDP-Stadtrat Julius Vohrer am ordnungspolitischen Erlebniscenter zweifeln. „Das hier ist doch echtes Wunschtheater“, schimpfte er. Das sei mit den Geschäftsnotwendigkeiten nicht zu vereinbaren. Vohrer: „Da braucht dr Bantle a zwoits Telefon, weil do klingelt’s dauernd.“ Diese Weissagung wollte wiederum einer nicht stehen lassen, der es weniger mit den Ohren und mehr mit den Augen hat. Christian Wittel, CDU-Optiker, forderte den Ordnungsamtsleiter auf: „Ziehen Sie das voll durch. Sie haben dafür unsere volle Unterstützung.“

Letztere hatte auch Jürgen Fuchs, neuer Fraktionschef der Freien Wähler, Bantle schon zugesagt. Der ehemalige Bürgermeister bemühte sich allerdings auch um die Erweiterung des Erlebnis-Begriffs. Die Nutzung des Rathaus-Innenhofs, inzwischen eine Art Jugendtreff, stört ihn „furchtbar“ und dazu die „Bauwüste des alten Ratskellers“. Fuchs: „Der Platz ist zu schade, um als Negativ-Erlebniscenter zu dienen.“

Das wiederum brachte Fuchs eine sehr plakative Erwiderung des liberalen Landtagsabgeordneten und Stadtrats Hagen Kluck ein: „Es muss auch Plätze geben, an denen man saufen und grölen kann.“ Er fürchte ohnehin, dass die Reglementierungen des Ordnungsamts „nichts anderes als Geldmacherei“ seien.

Reinhold Bantle blieb da nur noch, etwas salomonisch darauf zu verweisen, dass sich sein Amt darum bemühe, „gemäßigt und mit einem gewissen Verständnis für alle Probleme“ vorzugehen. „Jeder hat Ansprüche – wie man das regelt, sagt aber niemand“, klagte der Amtsleiter.

Aber vielleicht ist ja gerade das der Punkt, der Reutlingen zum städtischen Erlebniscenter macht. Eine Kommune, die Großstadt sein will, muss zwangsläufig dem Eros der Vielfalt huldigen – gegen ein E-Center, wie Einfalt.

Matthias Stelzer

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20.07.2009, 12:00 Uhr
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