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Der gebürtige Esslinger Ferdinand von Hochstetter leistete Grundlagenforschung zu Tsunamis

Der Entdecker der Erdbebenflut

Er gilt als der Entdecker des Tsunamis: Ferdinand von Hochstetter. Dennoch ist der gebürtige Esslinger in seiner Heimat weniger bekannt als in anderswo.

11.08.2016
  • TOBIAS KNAACK

Die Welt war schon 1868 vernetzt. Nicht über das Internet, so wie wir Vernetzung heute verstehen, natürlich. Dessen Vorläufer, das Arpanet, sollte noch hundert Jahre auf sich warten lassen. Nein, im Sommer des Jahres 1868 geht es um einen „Dialog“ zwischen den Kontinenten, den man als ganz natürlich bezeichnen könnte: Am 13. August bebt die Erde im Westen Perus. Zwei Tage danach rollt eine große Welle auf den Osten Neuseelands zu. Und ein paar Monate später notiert Ferdinand von Hochstetter in Österreich, was zuvor niemand erkannt oder aufgeschrieben hat: Dass das Erdbeben in Peru mit der Welle in Neuseeland zusammenhängt.

Auch wenn er es so nicht nannte: Ferdinand von Hochstetter, gebürtiger Esslinger, Geologe und Forschungsreisender im Auftrag der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Österreichs, beschrieb als Erster das, was spätestens mit der verheerenden Flutwelle 2004 in Südostasien als Tsunami bekannt wurde. Hochstetter nannte es in seinen Aufzeichnungen eine „Erdbebenfluth“.

Christian Gottlob Ferdinand von Hochstetter, so sein vollständiger Name, wird am 30. April 1829 als Sohn des Esslinger Pfarrers Christian Ferdinand Friedrich Hochstetter geboren. Nach dem Besuch des Esslinger Lyceums studiert der Filius an der Klosterschule in Maulbronn, bevor er sich ab 1847 an der Universität Tübingen der Theologie und den Naturwissenschaften zuwendet. So sind es vermutlich auch die Hobbys des Vaters, der sich in der Freizeit als Botaniker und Geologe betätigt, die den jungen Ferdinand dazu bringen, die Theologie trotz des Abschlusses 1851 zugunsten der Naturwissenschaften aufzugeben. Thema von Hochstetters Dissertation 1853 zumindest ist die Mineralogie – eine wegweisende Entscheidung.

Das gilt gleichermaßen für das anschließende Stipendium für eine einjährige wissenschaftliche Fortbildung im Ausland. Hochstetter verschlägt es aus der schwäbischen Heimat in die österreichische Hauptstadt Wien. Nachdem er als „Hilfsgeologe“ bei der Erforschung des nordwestlichen Böhmens für die Donaumonarchie arbeitet, wird er schon bald zu deren „Chefgeologen“ ernannt. In dieser Funktion geht es alsbald auf große Reise: Im April 1857 startet Hochstetter mit der Fregatte „Novara“ auf eine Expedition, deren Ziel es ist, nach möglichen Kolonien für Österreich Ausschau zu halten. Die Reise führt von Triest über Madeira und Rio de Janeiro nach Indonesien, China und Australien, bevor die „Novara“ im Dezember 1858 in Auckland in Neuseeland landet.

Es wird der dritte markante Einschnitt in Hochstetters Leben: Während die Fregatte Anfang 1859 zurückfährt, bleibt Hochstetter neun Monate in Neuseeland – drei auf der Süd-, sechs auf der Nordinsel. Gemeinsam mit einem aus Deutschland eingewanderten Kaufmann, einem Regierungsbeamten, einem Fotografen, einem Künstler sowie einheimischen Maori macht Hochstetter sich daran, das Land zu erkunden: Neben der geologischen und geografischen Erfassung geht es auch um zoologische, botanische und ethnografische Forschung. 21 Publikationen entstehen, Hochstetter ist der erste, der das Land konsequent kartiert. Noch heute wird er für seine Verdienste um die Geologie des Landes in Neuseeland verehrt: So sind unter anderem ein 3000 Meter hoher Berg, ein Gletscher sowie Tier- und Pflanzenarten nach ihm benannt, zudem ein See und ein Forstgebiet.

Es ist eine Wertschätzung, die Hochstetter in seiner Heimat nicht zuteil wird. An seinem Geburtshaus, der heutigen Sektkellerei Kessler, verweist eine Tafel auf den Sohn Esslingens; zudem gibt es im Stadtteil Zollberg eine nach ihm benannte Straße. Roland Karpentier, Pressereferent der Stadt, erklärt das damit, dass Hochstetter „leider in Esslingen keine direkte Wirkung hinterlassen“ habe. Das könne eine „gewisse Distanz Esslingens zum berühmten Sohn erklären“.

In Österreich ist und war das anders: Nach seiner Rückkehr im Jahr 1860 erhält er zwar auch in Württemberg Ordensauszeichnungen, Kaiser Franz Joseph aber erhebt ihn in der Donaumonarchie in den Ritterstand. Und auch in akademischer Hinsicht macht Hochstetter Karriere: Noch im selben Jahr wird er Professor der Mineralogie und Geologie am polytechnischen Institut und 1876 Intendant des Naturhistorischen Hofmuseums.

Als 2004 bei dem Seebeben rund 200 000 Menschen sterben, erfährt eine der bedeutendsten Forschungen Hochstetters traurige Aktualität: die Aufzeichnung der „Erdbebenfluth“ von 1868. Doch während die Forscher 2004 schnell Daten erheben, auswerten und über das Internet austauschen können, bekommt Hochstetter knapp 140 Jahre zuvor auf dem Postwege (Zeitungs-)Berichte aus Peru, Neuseeland, von Inseln im Pazifik sowie aus Ländern Süd- und Nordamerikas zugesandt. Auf der Basis der Daten und Beschreibungen rekonstruiert er die Geschehnisse, ermittelt Geschwindigkeit und Ausbreitung der Flutwelle. Das Epizentrum des Bebens macht er in Arica, ehemals Peru, heute Chile, aus. Durch die Erschütterungen verursacht breiten sich nach Hochstetters Berechnungen in konzentrischen Bewegungen Flutwellen über den Pazifik aus – sie reichen nach San Francisco, in die Südsee, zu den japanischen Inseln und nach Neuseeland. „Die ganze Wassermasse längs des erschütterten Küstenstriches von den grössten Tiefen bis zur Oberfläche kam in Folge dessen in Aufregung, sie wurde in ihrem Gleichgewichtszustand gestört und gerieth in eine schwingende Bewegung, welche sich dem Pacifischen Ocean mittheilte und gegen 60 Stunden lang andauerte“, notiert er. Mit 316 Seemeilen pro Stunde, so berechnet er, walzt die Welle Richtung Neuseeland, wo sie die Stadt Lyttelton überrollt. Knapp 20 Stunden nach dem Beben in Arica.

Diesen weltumspannenden Zusammenhang, diesen „Dialog“ der Kontinente erkannte Ferdinand von Hochstetter. Weil er ein weitsichtiger Pionier war. Und weil die Welt eben auch 1868 schon vernetzt war. Der Unterschied: Die notwendigen Daten kamen per Post.

Lehrer am Hofe

Privat Ferdinand von Hochstetter heiratete am 2. April 1861 in Wien Georgiana Elisa Bengough, Tochter des englischen Leiters der Wiener Gaswerke, John Egbert Bengough. Das Paar hatte zusammen acht Kinder.

Pauker Kaiser Franz Joseph war von den Fähigkeiten Hochstetters derart überzeugt, dass er ihm für mehrere Jahre die Erziehung seines Sohnes Kronprinz Rudolf anvertraute. Zum Dank erhält er den Titel des Hofrats.

Publikationen Das Werk Hochstetters ist sehr umfänglich: Rund 150 Veröffentlichungen in diversen Fachrichtungen von Vulkanologie über Frühgeschichte bis Anthropologie werden ihm zugeschrieben.⇥tk

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11.08.2016, 06:00 Uhr
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