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Erste Volksvertretung und ein Silberschatz

Der Einsiedel ist eine historisch bedeutsame Hochebene

Eine Autoteststrecke auf dem Einsiedel, diesem „historisch so bedeutsamen Grund“, ist für Andreas Heusel absolut unvorstellbar. Der 35-jährige Lehrer und Historiker arbeitete wissenschaftlich über die Geschichte der Hochfläche.

01.10.2011

Von sabine lohr

Wir befinden uns jetzt in der Stiftskirche und nähern uns dem Chor, der dort vorne ist“, sagt Andreas Heusel und weist mit der Hand ins Grüne. Mitten auf einer Wiese stehen wir, die Gräser reichen bis übers Knie, mit jedem Schritt knicken wir Spitzwegerich-Blätter um, und sogar der eine oder andere Löwenzahn blüht noch.

Im „Chor“ bleibt Heusel stehen, dreht sich um und breitet die Arme aus. „Hier stand schon Kaiser Maximilian“ – und das mit Grund: Der Kaiser besuchte 1498 das Grab Graf Eberhards im Bart, der in der Stiftskirche auf dem Einsiedel bestattet war, „vermutlich direkt unter uns“, wie Heusel sagt.

Unter der Wiese liegt Luthers Lehrer Biel

Eberhard liegt dort nicht mehr in der Wiese, er wurde 1537 nach Tübingen überführt. Doch neben seinem Grab gibt es noch weitere bedeutende Grabstätten. Sein Beichtvater Wendelin Steinbach etwa liegt dort oben noch. Und Gabriel Biel. Biel gründete das Kloster der „Brüder zum gemeinsamen Leben“ auf dem Einsiedel, war der erste Rektor der Universität Tübingen und als Probst der Stiftskirche St. Peter auf dem Einsiedel der Vorgänger Steinbachs. „Und er war Luthers Lehrer“, fügt Dekan Thomas Begovic hinzu. Der Katholik zitiert zum Beweis den Protestanten: „Von Meister Biel hab ich gelernt.“

Begovic fühlt sich wie Heusel eng verbunden mit dem Einsiedel. Oft ist er dort oben, wo die katholischen Dekanate Reutlingen und Rottenburg im Schloss ein Jugendhaus unterhalten. „Das ist fast immer belegt – unter der Woche von Schulklassen, die hier im Schullandheim sind.“ Und am Wochenende von kirchlichen Jugendgruppen. Die kommen dann in den Genuss Wanderergaststätte, die die Kirche dort oben jeden Sonn- und Feiertag von Mai bis Ende Oktober betreibt – mit ehrenamtlichen Helfern. „Gut besucht“ sei die Wirtschaft immer, sagt Begovic. „Wir machen da jeden Sonntag einen Umsatz von 800 bis 900 Euro, nur mit kleinen Getränken und ein bissle Kuchen. Und wer eine Wurst will, der kriegt auch die.“ Heusel sagt dazu: „Wenn man das Pflaster wegmachen würde, da käme ein roter Boden raus – so viel Herzblut liegt da drin.“

Vor zehn Jahren haben die Dekanate den Pachtvertrag mit der Hofkammer des Hauses Baden-Württemberg neu aufgestellt und ihn erst 2009 verlängert – um zehn Jahre. Wie die Südzucker AG, der nun auf Ende 2012 gekündigt wurde, hat die Hofkammer auch bei der Kirche angefragt, ob sie mit einer vorzeitigen Beendigung des Pachtverhältnisses auf dem Einsiedel einverstanden sei. Entschieden ist noch nichts. Begovic will sich nicht gegen den Verpächter stellen, der der Daimler AG das Gelände zum Bau einer Teststrecke angeboten hat. Aber ihm tut der Gedanke weh, das Schloss als Jugendherberge aufgeben zu müssen. „Das hat ja dann keinen Sinn mehr bei all dem Lärm“, sagt er.

Jetzt aber steht er neben Andreas Heusel in der Sonne auf der Wiese, genau dort, wo einst der Altar der Stiftskirche war, und stellt sich vor, wie es aussah auf dem Einsiedel zu der Zeit, von der Heusel erzählt. „Da hinten, wo die Bäume stehen, da war ein großer Wirtschaftsbau“, sagt der Historiker. Die Fundamente seien alle noch da, weshalb der Grund nicht bewirtschaftet werden könne. Ein kleines Stück weiter, bei einem kleinen Wäldchen, waren das Refektorium und der Speisesaal der „Brüder zum gemeinsamen Leben“, die dort in ihrem Kloster gelebt haben, sagt Heusel. „Und hier am Eck, da hatte der Probst sein Zimmer.“

An diesem Eck steht heute ein Walnussbaum, der an diesem schönen Spätsommertag eine Nuss nach der anderen abwirft. Plong, plong, plong. Pfarrer Begovic klaubt sie auf und knackt sie mit nur einer Hand. „Lecker sind die.“

Er steht direkt oberhalb eines gemauerten Grabens. Gut vier Meter breit ist er und voller Pflanzen, die es feucht mögen. Der Graben habe seine gute Berechtigung, erklärt Heusel. Denn hinter ihm lag vor gut 500 Jahren eine Art Burg. Die hätte leicht von dem gut vier Stockwerke hohen Klostergebäude aus erobert werden können. Nicht aber mit einem so breiten Graben dazwischen.

Ob es einst eine Zugbrücke hinüber zur Burg gab, ist ungewiss. Heute braucht es keine mehr – ein aufgeschütteter Pfad führt bequem hinüber zum Schloss, vor dem ein Weißdorn steht. Wie schon seit eh und je. „Nicht der gleiche natürlich“, sagt Begovic. Der dritte Baum sei es seit der Gründung des Klosters. Den ersten brachte Eberhard im Bart von seinem Kreuzzug aus Jerusalem mit und setzte ihn hier ein. „Sehr, sehr alt“ sei dieser erste Baum geworden, weiß Heusel. So alt, dass er durch steinerne Pfosten habe gestützt werden müssen. Die Pfosten gibt es noch: Sie bilden die Beine eines Tischs neben dem heutigen Weißdorn.

Auf dessen Baum-Großvater haben nicht nur die Klosterbrüder geschaut, sondern auch Bürger und adlige Männer. Aus jeweils vier von ihnen gründete Graf Eberhard den Zwölferrat, der 15 Jahre lang die Landesherrschaft innehatte. „Er hat damit eine richtige Volksvertretung geschaffen – die erste demokratische Landesregierung – das muss man sich mal vorstellen um 1500 herum!“, sagt Heusel bewundernd.

Aber nicht nur das Schloss, die im 16. Jahrhundert abgebrochene Stiftskirche und das ehemalige Kloster standen einst auf dem Einsiedel. Heusel weiß von jungsteinzeitlichen Funden in der Nähe des Speicherbeckens. Und er kennt Indizien, die darauf hinweisen, dass auf dem Einsiedel einmal reiche Römer in einer Villa Rustica gelebt haben. „Sehr reiche“, sagt er. Ein römisches Grabmal erinnert heute daran, sieben Meter hoch ist es. „Das Original war 20 Meter hoch, das weist schon auf enorme Bedeutung und auf Reichtum hin.“

Sogar ein Silberschatz wurde einst auf dem Einsiedel entdeckt. Im 18. Jahrhundert fand man 876 Münzen, „das ist der größte bisher gefundene Schatz von Baden-Württemberg“, sagt Heusel.

Gerade Allee durch einen barocken Garten

Die Hochebene sei eben immer schon ein „hochgradig attraktiver“ Platz gewesen – „mit einem relativ anständigen Klima, mit Quellen und dem extrem fruchtbaren Lössboden“. Von einem großen barocken Garten erzählt er, von der Allee, die durch diesen Garten hindurch zum Lustschloss Karl Eugens führte und die heute noch existiert. Von dem Gestüt, das es hier gab – und das dann nach Marbach verlegt wurde. Von Wanderern und Radfahrern, die sich rund um die Hochebene im Wald verteilen, „sodass man sich kaum begegnet“. Schön sei er, der Einsiedel. „Schön, bedroht und schützenswert“, fügt er nachdenklich hinzu.

Ja, sagt Pfarrer Begovic und knackt noch eine Nuss in seiner Hand. „Das hier ist eine wahre Oase der Ruhe.“

Info: Andreas Heusel hält am Montag, 17. Oktober, in der Kirchentellinsfurter Richard-Wolf-Halle einen Vortrag über die Geschichte des Einsiedels. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Andreas Heusel (links) und Dekan Thomas Begovic vor dem Einsiedelschlössle unter dem Weißdorn, dessen Vorgänger Eberhard im Bart vor rund 500 Jahren aus Jerusalem mitbrachte und an derselben Stelle einpflanzte. Bild: Grohe

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Erstellt:
1. Oktober 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Oktober 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Oktober 2011, 12:00 Uhr

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