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Ein General mit Phantasie

Der Beduinen-Western „Theeb“ und sein Regisseur beim Arabischen Filmfestival

Der Regisseur Naji Abu Nowar zeigt die jordanische Wüste als umkämpftes Grenzland wie im Western. Im TAGBLATT-Gespräch am Rande des Arabischen Filmfestivals erzählte der 34-Jährige, warum seine Familie es verrückt fand, dass er das Kino zum Beruf gemacht hat.

05.10.2015
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Es klingt wie ein Märchen: Ein General nimmt sich die Zeit, seinem Sohn Geschichten zu erzählen. Jahre später wird der Junge selbst ein Geschichtenerzähler – nicht scheherazadenhaft mündlich, sondern für das Kino – und schlägt die für ihn vorgesehene militärische Laufbahn aus. Seine Familie fand diese Karriere-Entscheidung „verrückt“, sagte der jordanische Regisseur Naji Abu Nowar am Freitagabend im Kupferbau. „Aber jetzt mögen sie den Film.“

Seine in großartige Panorama-Aufnahmen gefasste Geschichte des Beduinenjungen „Theeb“ ist mehr als ein Coming of Age. Bedrohlicher Hintergrund ist die geopolitische Aufteilung der Region vor hundert Jahren. „Es geht um Wasser“, sagte Naji Abu Nowar. „Aber es ist eine fiktive Geschichte.“ Am Freitagabend eröffnete der eindringliche Beduinen-Western das diesjährige Arabische Filmfestival in Tübingen. Etwa 250 Gäste kamen in den Kupferbau.

Der 34-jährige Naji Abu Nowar ist der Sohn eines jordanischen Armeegenerals und einer Engländerin. Zwei seiner Brüder sind gleichfalls Generäle. Er selbst war schon für die britische Militärakademie Sandhurst angemeldet, als er sich gegen eine Laufbahn entschied, bei der er im Zweifelsfall auch hätte töten müssen.

Um mit der Lebensweise, den Geschichten und dem Humor der Beduinen vertraut zu werden, lebte der Filmemacher ein Jahr in der Wüste. Gedreht wurde im Wadi Rum in Südjordanien, aber auch im Wadi Araba, einem militärischen Sperrgebiet nahe der israelischen Grenze, wo das Team mit Spinnen und Schlangen zu kämpfen hatte. Es entstanden betörende Panoramabilder, deren Schönheit man sich nie einfach überlassen kann: Zu ausgesetzt fühlt man sich der Kargheit der Wüste.

Abu Nowar sieht sich als später Nachfahre von US-Regisseur John Ford, Meister des elegischen Western, den er sehr bewundert. Erzählt wird aus der Perspektive des Jungen Theeb (Jacir Eid), mit dem noch kindlich verwuschelten Haar, aber dem stets wachsamen Blick und den wie gemeißelten Gesichtszügen. Theeb durchlebt eine vaterlose Kindheit unter den Bedingungen des Krieges und muss schließlich von einem zufälligen Fremden lernen, wie man überlebt. „Die Zeit um 1916 war für uns in Arabien sehr wichtig“, sagt der Regisseur. Das Ende des Osmanischen Reiches schien Freiheit zu versprechen. „Stattdessen wurden neue Grenzen gezogen.“ Den Beduinen gehe es heutzutage eher noch schlechter als vor hundert Jahren. Wegen des Kriegs in Syrien kämen keine Touristen mehr, zuvor die einzige Einnahmequelle. „Die eine Hälfte der jungen Männer geht zu den Islamisten, die andere driftet ab zu Alkohol und Drogen.“

„Theeb“ ist ein Film ohne Frauen, wie eine Zuschauerin anmerkte. „Diese Frage kommt immer“, sagte Abu Nowar. Doch er sei nicht in der Lage gewesen, bei den sehr streng eingestellten Beduinen Frauen zu treffen. Für die im Drehbuch vorgesehenen Rollen hätte er Soap-Opera-Darstellerinnen verpflichten müssen. „Ich wollte nicht den Film als Ganzes opfern, um eine politisch korrekte Botschaft zu vermitteln.“

Er arbeitet bereits an seinem nächsten Projekt, einer Wüsten-Version der „Sieben Samurai“. Die Geschichten seines Vaters sind ihm noch sehr präsent: „Er hat mich nie ausgeschimpft. Er hat mir Geschichten erzählt“, sagte der Regisseur. Etwa über die legendäre arabische Gastfreundschaft, die einen berühmten Scheich dazu verpflichtet, sein edles Lieblingspferd zu opfern, als unvermittelt ein Gast vor der Tür steht. „Er sagte nie, man dürfe nicht lügen, sondern erzählte eine Geschichte über das Lügen.“

Info „Theeb“ wird am Montagabend nochmals gezeigt. Kino Arsenal, 20.30 Uhr, deutsche Untertitel.

Der Beduinen-Western „Theeb“ und sein Regisseur beim Arabischen Filmfestival
Naji Abu NowarBild:Hermann

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05.10.2015, 12:00 Uhr
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