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Staatstheater Stuttgart

Reid Anderson, der Ballettwunderheiler

Reid Anderson hat als Motor und Mentor der Stuttgarter Compagnie das Erbe John Crankos nicht nur verwaltet, sondern neu gestaltet. Jetzt tritt er ab – und wird gefeiert.

12.07.2018

Von WILHELM TRIEBOLD

Er schrieb Stuttgarter Ballettgeschichte: Reid Anderson im Opernhaus. Foto: Roman Novitzky

Stuttgart. Was für eine Bilanz! In den vergangenen 22 Jahren hat das Stuttgarter Ballett 2,5 Millionen Zuschauer angezogen: eine sagenhafte, von kaum einer anderen Compagnie erreichte Platzausnutzung von 94 Prozent. 128 Uraufführungen und nahezu 100 Gastspiele, oft als Übersee-Tourneen, hat die Kompanie in dieser Zeit gestemmt. Aufopferungsvoll pflegte sie die großen, vom Gründervater John Cranko hinterlassenen Klassiker des Handlungsballetts, vorneweg den Kassenknüller „Romeo und Julia“. Und sie schaute immer auch neugierig aufs Neue, förderte Choreografen-Talente im Haus oder orderte Impulse von außen.

Das „Stuttgarter Ballett“, zur Weltmarke à la Porsche oder Mercedes geworden, gilt international als angesagt und nachgefragt, entwickelte eine Reiselust wie sonst nur Pina Bauschs Wuppertaler Truppe oder die Hamburger um John Neumeier – auch er ein Stuttgarter Gewächs. Der Garant, dass dieses sogenannte Stuttgarter Ballettwunder, bis heute anhält, ist Reid Anderson.

Der Kanadier, der im kommenden Jahr 70 Jahre alt wird und jetzt in Rente geht, übernahm das Haus 1996, als es unter Marcia Haydées mütterlicher Führung in die Jahre gekommen war. Zwar schlug er damals Wunden ins angestaubte Ballettwunder, um sie danach aber umso fachkundiger wieder zu heilen.

Den Zuschlag für Stuttgart verdankte Anderson wohl auch jener angelsächsischen Hemdsärmeligkeit, die Härte und Stehvermögen gerade in den internen Auseinandersetzungen versprach. „Er kommt aus den kanadischen Wäldern und hat diese Lumberjack-Mentalität“: So nahm ihn damals Verwaltungschef Hans Tränkle wahr.

Tatsächlich brachte Anderson das Flaggschiff der Stuttgarter Staatstheater wieder auf Kurs. Sortierte neu, brachte mit Spitzenkräften wie Vladimir Malakhov, Robert Tewsley oder der kapriziösen Margaret Illmann auch Glamour in die schwäbische Metropole. Selbst wenn hier längst eine ganz andere Generation an Solisten und Protagonisten tanzt: Die Publikum liegt ihnen heute ebenso bedingungslos ergeben zu Füßen wie damals.

Zuflogen ist Anderson das alles nicht, wie wir aus seiner Biografie wissen. Als Tänzertyp entsprach er nicht unbedingt dem Danseur noble, war eher zu groß und sehr dünn, „eine Zigarettenschachtel auf zwei Zahnstochern“, wie er scherzte.

Cranko, bei dem er auf der Solitude in einer Dreier-Männer-WG unterkam, drohte ihm: „Du wirst mehr und härter als alle anderen arbeiten müssen, um eine Rolle von mir zu bekommen.“ Es wurden dann während seiner Stuttgarter Solistenkarriere immerhin 87 Rollen, teils extra für ihn geschaffen.

In der kanadischen Heimat holte sich Anderson das nötige Direktoren-Rüstzeug. Und wieder in Stuttgart, baute er dort den Erfolg programmatisch auf dem Fundament des kostbaren Cranko-Erbes auf, wie es ja nicht allein aus abendfüllenden Liebes- oder Leidensdramen besteht. Und auf dem Postament eines letztlich untrüglich stilsicheren Qualitätsanspruchs, was Choreografie der Truppe (und letztlich diese sich selbst) zumuten darf. Die Compagnie erwies sich da meistens als topfit und motiviert, selbst in weniger geglückten Produktionen.

Für Cranko-Schule verkämpft

Gerade in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit gab Anderson Ensemblemitgliedern die Chance, sich über Fingerübungen für die Noverre-Gesellschaft als Choreografen auszuprobieren. Nicht wenige machten so ihren Weg. Es wird ihn schmerzen, dass sich die Gesellschaft nun ausgerechnet im 60. Jahr ihres Bestehens aufgelöst hat. Als Sprungbrett für die heranwachsenden Choreografie-Talente soll ihr Fördermodell aber erhalten bleiben, versicherte zumindest Andersons Nachfolger Tamas Detrich.

Für einen Neubau der Cranko-Schule, die im kommenden Jahr eröffnet wird, hat sich Anderson von Anfang an verkämpft. Auf dem Hanggelände zwischen Werastraße und Urbanplatz entsteht erstmals in Deutschland ein eigens für eine Ballettschule entworfenes Gebäude, das nach letztem Stand mehr als 52 Millionen Euro kosten wird. Das fällt auf fruchtbaren Boden: Die Comagnie besteht auch aktuell zu über 60 Prozent aus Absolventinnen und Absolventen der Schule, die seit 45 Jahren als staatliche Ballettakademie anerkannt ist.

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Erstellt:
12. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2018, 06:00 Uhr

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