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Der Alltag nach den Anschlägen: "Wie Fliegen mit Flugangst"
Polizisten bewachen das deutsche Generalkonsulat in Istanbul. Foto: actionpress
Rund 30 000 Deutsche wohnen in Istanbul - Seit den Attentaten sind sie zutiefst verunsichert

Der Alltag nach den Anschlägen: "Wie Fliegen mit Flugangst"

Die Bombe explodierte zwischen deutschem Generalkonsulat und deutscher Schule. Nun fragen sich viele Deutsche in Istanbul: Sind wir noch sicher? Über ein Leben zwischen Angst und Normalität.

21.03.2016
  • PETER BUYER

Es ist dann doch noch passiert. Nach der Schließung des Generalkonsulats und der Deutschen Schule in Istanbul am Donnerstag und Freitag war die Sorge unter den Deutschen in der Stadt groß, das "irgendwas" passiert. Das Konsulat hatte per Rundmail die "lieben Landsleute" auf die Schließung hingewiesen und ihnen geraten, wie schon mehrfach zuvor, vorsichtig zu sein. Bis Samstagmorgen war alles einigermaßen in Ordnung, dann hat es auf der Istiklal Caddesi geknallt, zwischen Deutscher Schule und Generalkonsulat, schon wieder Tote. In den Köpfen der lieben Landsleute hatte sich aber schon vorher etwas verändert.

So ganz wohl war vielen Deutschen, gut 30 000 sollen in Istanbul leben, nach den Anschlägen in Istanbul und Ankara ohnehin nicht mehr. Mit der zeitweisen Schließung der Schule ist die Gefahr aber unmittelbarer geworden, sagt Max Schuck (Name geändert). Der Unternehmensberater lebt seit über drei Jahren in der Stadt. "Wir fühlen uns grundsätzlich sicher in Istanbul. Aber die Schließung der Schule macht die Gefahr für uns deutlicher als noch in den vergangenen Wochen. Zum ersten Mal wird unser tägliches Leben beeinflusst." Max Sohn geht in die erste Klasse der deutschen Grundschule. Er hockte zuhause, warum konnten seine Eltern ihm nur schwer erklären.

Kinder können sehr bohrende und treffende Fragen stellen, weiß auch Frank Rathe. Seine siebenjährige Tochter Jana durfte auch nicht in die Schule, fragte erst warum und dann, ob sie jetzt hier auch im Krieg seien. Da musste Rathe erst mal schlucken. Er will nicht, dass sich seine Tochter Sorgen um den Krieg macht, während sie die per E-Mail als Unterrichtsersatz verschickten Aufgaben bearbeitet.

Und doch liegt die Frage der kleinen Jana nahe: Ist hier jetzt Krieg? Im Nachbarland Syrien, direkt hinter der gut 900 Kilometer langen Grenze zur Türkei, ist Krieg. Auf der anderen Seite der Grenze, im Südosten der Türkei, kämpfen die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK und andere kurdische Gruppen gegen die türkische Armee und Polizei. In einigen Städten wie Cizre hat sich der Konflikt praktisch zu einem Bürgerkrieg entwickelt. Aber Cizre ist von Istanbul doch ganz weit weg, 1600 Straßenkilometer. Soweit ist es auch von München über die Balkanroute bis zur türkischen Grenze. Die Beruhigungspille "Weit weg" wirkt jedoch nicht mehr. Beide Kriege werden aus den ursprünglichen Kriegsgebieten herausgetragen. In die Hauptstadt Ankara und nach Istanbul. Dazu kommen noch lebensmüde türkische Linksextremisten, die Polizisten oder Polizeiposten überfallen.

Immer öfter sind Deutsche auch von den Anschlägen auf die ein oder andere Art und Weise selbst betroffen. Fußballnationalspieler Lukas Podolski stürmt für Galatasaray Istanbul und überlegt, wie es weitergehen soll. In der vergangenen Woche starb der Vater seines Mannschaftskollegen bei dem Anschlag in Ankara. Und ein guter türkischer Freund des Verfassers dieser Zeilen war am Samstag mit Frau und Kind im Buchladen auf der Istiklal Caddesi, als es wenige Meter weiter draußen knallte. Der Schreck steckt allen noch in den Gliedern.

"Die Anschläge der letzten Wochen geben einem ein mulmiges Gefühl, auch weil sie so ungesteuert und wahllos ist", sagt Max. Auch, weil nicht "nur" von einer Seite Gefahr droht, sondern von mindestens drei. "In der Stadt unterwegs zu sein ist so wie Lotto spielen", sagt Frank Rathe. "Man weiß, es könnte was passieren, man weiß auch, dass es unwahrscheinlich ist, getroffen zu werden. Es ist so wie Fliegen mit Flugangst."

Das Generalkonsulat empfiehlt, den öffentlichen Nahverkehr zu meiden. Für alle, die in der Innenstadt oder den Geschäftsvierteln Levent und Maslak arbeiten, ist das schwierig. Die Straßen der 20-Millionen-Stadt sind chronisch verstopft, nur die U-Bahn ist schnell. Aber nicht nur in den deutschen, auch den türkischen Terrorwarnungen wird vor Anschlägen an großen Umsteigebahnhöfen gewarnt. Wenn auch nicht die Angst mitfährt, steigen zumindest Bedenken mit ein.

Die türkische Regierung will im Schnellverfahren landesweit 15 000 neue Polizisten einstellen. Auf den Istanbuler Straßen wird es dann eng. Seit Wochen stehen an Kreuzungen und Straßenecken Streifenwagen und mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten. Kontrollen mit "Hände hoch" und Ganzkörper-Abtasten sind normal. Die Bomben gehen trotzdem hoch.

Die kleine Jana hat noch etwas gefragt: "Sind wir auch Flüchtlinge?" Noch nicht. Ihr Vater Frank, der seine Firma in Deutschland von Istanbul aus führt, hält es noch aus. "Wenn es schlimmer wird, dann bin ich weg." So deutlich sagen es bisher nur wenige. Aber dass es schlimmer werden kann, ist allen klar.

Trotz allem Unwohlsein funktioniert das Alltagsleben. Die Kinder tollen morgens durch den Kindergarten und nachmittags durch den Park. In den meisten Vierteln ist es ruhig, die Wirtschaft funktioniert und viele Türken sind genauso besorgt über die Lage im Land wie man selbst. Auch Marianne Schuck will deshalb bleiben. Sie arbeitet für einen deutschen Versicherungskonzern und hat vor kurzem ihren Vertrag bis 2018 verlängert. Allerdings gibt es Probleme aus der anderen Richtung, erzählt ihr Mann Max, der Unternehmensberater: "Ich höre immer wieder, dass es für Unternehmen wegen der Sicherheitslage inzwischen deutlich schwieriger geworden ist, Deutsche oder andere Ausländer zur Arbeit nach Istanbul oder andere Orte in der Türkei zu schicken."

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21.03.2016, 08:30 Uhr
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