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Uni-Projekt

Depressionskranke in Tübinger Kirchengemeinden

Wie Kirchengemeinden bei Depressionen helfen oder sie durch vertrauensvolle Beziehungen womöglich sogar verhindern können: Das untersuchen derzeit zwei Tübinger Theologinnen.

27.06.2011

Von DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Seelsorge mit Kranken ist ein Kernthema der Praktischen Theologie, sagt die Tübinger Wissenschaftlerin Prof. Birgit Weyel. Angesichts der steigenden Zahl depressiver Erkrankungen haben das Deutsche Institut für Ärztliche Mission und Weyel mit ihrer Doktorandin Stefanie Koch an der Tübinger Fakultät für Evangelische Theologie das Forschungsprojekt „Kirchengemeinden und Depression“ initiiert. Geldgeber sind die Paul-Lechler-Stiftung und das Diakonische Werk Württemberg.

Die beiden Theologinnen arbeiten zudem mit dem Bündnis gegen Depression Neckar-Alb zusammen. Sie wollen herausfinden, wie evangelische Kirchengemeinden in Tübingen mit dem Thema Depression umgehen. Ihre These: Vertrauensvolle Beziehungen wie in einer Kirchengemeinde können dem Entstehen der Krankheit entgegenwirken beziehungsweise Patienten helfen, sich Hilfe zu suchen und sich wieder zu erholen.

Für Weyel sind Chöre ein gutes Beispiel für diese beiläufige Verbindlichkeit. „Jeder kann mitsingen, jeder ist willkommen.“ Doch man achte auch aufeinander, fragt nach, wenn einer nicht mehr kommt. Stefanie Koch weiß von einer Bastelgruppe, deren Leiterin andere besonders anzog, weil sie merkten, wie wohltuend die Gespräche dort für sie waren. „Ohne dass man sich speziell zu einem Seelsorgegespräch verabredet.“

Bis Ende des Jahres wird die 29-jährige Doktorandin Gespräche mit Pfarrern, Angehörigen und Ehrenamtlichen führen. Ein weiteres Ziel des Projekts ist es, Kirchengemeinden stärker für die Notlage von Depressionspatienten zu sensibilisieren sowie an der Uni künftige Pfarrer und Religionslehrer zu schulen.

Gefühle von Schuld, Sünde, Selbstentwertung und Selbstwert betreffen Fragen der Religion, so Weyel. „Kirchengemeinden sind Orte, wo solche Themen angesprochen werden.“ Auch bei den individuellen Bewältigungsstrategien einer Depression könne der Religion eine wichtige Rolle zukommen. „Es gibt religiöse Vorstellungen, die hilfreich sind, und solche, die es nicht sind“, so Weyel. Koch erläutert: Es kann dem Patienten helfen, „wenn er alles versucht, was in seinen eigenen Kräften liegt, aber darauf vertrauen kann, dass Gott im Hintergrund für ihn da ist“. Nicht hilfreich sei es hingegen, „alles von Gott zu erwarten“.

Die Auseinandersetzung mit Schuld oder Sünde präge die christliche Tradition, sagt Weyel. Aber die Pointe des christlichen Glaubens liege darin, solche Verstrickungen anzuerkennen – im Wissen, „dass man auch frei wird davon“. Wichtig für die Patienten sei, sie nicht einem Zirkel von Selbstentwertung und Selbstvorwürfen zu überlassen.

Biblische Texte, die Sprache der Psalmen mit ihren ungefilterten Gefühlen und Impressionen könnten Depressionskranken helfen, wieder Worte zu finden für die eigenen Gefühle. „Sie können oft nicht ausdrücken, was ihnen fehlt. Im Extremfall haben sie sich ganz zurückgezogen“, sagt Koch.

„Depression ist gut behandelbar, aber auch mit Tabus belegt“, so Weyel. „Man hat im Grunde gut drauf zu sein, immer optimistisch.“ Sie will auch den Blick schärfen für die gesellschaftlichen Umstände, „die Depression zu einem Tabuthema machen“.

Archivbild: Sommer, Privatbild

Birgit Weyel

Stefanie Koch

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Erstellt:
27. Juni 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juni 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2011, 12:00 Uhr

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