Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Kaminzimmer im Langen Emil

Denkmaltag auf Spuren der Textilfirma Gminder

Reutlinger Stationen beim gestrigen Denkmaltag: Die Spuren der Textilfirma Gminder auf dem Bosch-Gelände in der Tübinger Straße und historische Maschinen im Industriemagazin in der Eberhardstraße, die erstmals in Betrieb zu besichtigen waren.

12.09.2011

Von Matthias Reichert

Reutlingen. Holger Lange zeigte auf dem Bosch-Gelände in der Tübinger Straße Spuren des legendären Textilbetriebs Gminder. Die Initialen „U G“ sind heute noch am Gitterzaun zu lesen – sie stehen für den Firmengründer Ulrich Gminder, der 1814 in der Wilhelmstraße 8 (heute „Nordsee“) eine Färberei errichtete. Seine Söhne Konrad und Andreas verlegten diese 1869 in die Tübinger Straße, in die so genannte „Säge“.

Damals stand dort die Wirtschaft „Zur schönen Aussicht“, in der Fuhrleute an der Straße von Reutlingen nach Tübingen einkehrten. Die Wirtsleute änderten den Namen in „Gasthaus zur Säge“. Anfang der 1920er-Jahre entstand darin ein Mädchenwohnheim für die Gminder-Beschäftigten. Später war hier die Hitler-Jugend untergebracht, im Krieg waren Zwangsarbeiter, später Flüchtlinge einquartiert, so Lange.

Der Gründer-Enkel Louis Gminder machte um die Jahrhundertwende ein Vermögen mit Baumwolle. Er baute vom Erlös auch das Gmindersdorf mit Wohnungen für die Beschäftigten. Lange zeigte den einstigen Privatweg für Angestellte an der Echaz: „Eine Glocke am Holztor läutete fünf Minuten vor Arbeitsbeginn.“ Unter der Ägide von Louis und seinem Bruder Carl avancierte Gminder zur Weltfirma.

Auf dem Werksgelände sahen die 30 Teilnehmer der Führung die 1908 erbaute „Central-Werkstatt“. In kirchenähnlichen Seitenflügeln waren Schmiede, Schlosserei, Schreinerei und Sattlerei eingerichtet. Am Haupteingang fuhr ein Güterzug mit Maschinen zur Reparatur ein. Später saß in dem Gebäude die Rohrfirma Rieber, eine Gminder-Tochter. Heute ist dort die Produktion des Autoscheinwerfer-Herstellers Automotive Lighting untergebracht. Lange führte durch einen Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Er zeigte Jahreszahlen auf Kanaldecken, mit denen Gminder das Baujahr seiner Gebäude dokumentierte. „1903“ steht bei der alten Spinnerei, in der seit den 1980ern das Bosch-Gästecasino untergebracht ist. An den Türmen sieht man noch die alten gusseisernen Fenster; die Spinnerei gilt als bedeutendes Zeugnis der Industriegeschichte und steht unter Denkmalschutz.

1927 baute Gminder in 72 Tagen ein Reutlinger Wahrzeichen. Der „Lange Emil“ war ein 101 Meter hoher Kamin. Im Oktober 1985 wurde er abgerissen – „tagelang haben die gehämmert“, erinnerte sich eine Nachbarin. Die unteren zehn Meter blieben stehen, Bosch setzte ein neues Gebäude drauf und richtete in den Resten zwei „Kaminzimmer“ genannte Besprechungsräume ein.

Der Werkshistoriker erzählte vom Kriegsende und vom Neuaufbau bei Bosch. 1964 übernahm der Automobilzulieferer die Gminder-Anlagen, eine Folge der Textilkrise. Damals hatte Gminder 1400 Beschäftigte, in den frühen 1950er-Jahren waren es über 2500 gewesen. Heute arbeiten bei Bosch 7000 Leute in Reutlingen.

Ein Schritt zum eigenen Museum

Das Industriemagazin in der Eberhardstraße 14 dient seit Jahren als Lager. In der ehemaligen Fabrikhalle der Maschinenbau- und Metalltuchfirma Christian Wandel, die 1994 in Insolvenz ging, sind historische Maschinen von 1850 bis 1960 zu sehen. Der Förderverein Industrie-Museum hat es sich zum Ziel gesetzt, Reutlinger Industriekultur im eigens eingerichteten Museum zu präsentieren. Ein Schritt dazu wurde mit einem städtischen Zuschuss von 20 000 Euro aus dem Nachtragshaushalt getan: In die alten Firmenhallen wurde von der Stiftung für Konkrete Kunst herüber Strom verlegt, am Freitag waren die Leitungen fertig. „Ein echter Kraftakt“, so Anke Bächtiger vom Heimatmuseum. Es gibt jetzt auch Toiletten und einen Notschalter.

24 Ehrenamtliche, darunter eine Frau, haben in dreijähriger Arbeit viele der rund 50 Maschinen wieder zum Laufen gebracht. Die meisten Ehrenamtlichen sind im Ruhestand, im Berufsleben hatten sie bei den Reutlinger Firmen gearbeitet, die historische Maschinen zur Verfügung stellten. Wafios stiftete etwa eine Drahtflechtmaschine von 1910, die nun wieder wie geschmiert Maschendrahtzaun herstellt.

Highlight der Ausstellung ist ein Metalltuch-Webstuhl von 1849 – der bleibt freilich Schaustück. Von Stoll sind Strickmaschinen zu sehen. Darunter ein Heim-Flachstrickgerät, ein gestricktes Band hing unten raus. Es gibt eine automatische „Lifado“ von 1956, eine Links-Links-Strickmaschine. „Lifado steht für Links, fang, Doppelschloss“, wusste Harry Baumgärtner. Sie strickte mithilfe von Lochkarten automatisch Babykleider. Vielleicht produzieren die Ehrenamtlichen demnächst Strickwaren für den Museumsshop.

Einige Modell-Dampfmaschinen schnauften, bald wollen die Helfer das Kohlloeffel-Original von 1886 aufmöbeln. Zwei Leitspindel-Drehbänke nutzen sie selbst für Reparaturen. Man sieht eine Fräsmaschine von 1895 aus Cincinnati, dazu von Burkhardt und Weber (heute Riello) Bohrautomaten und Ständerbohrmaschinen. Das Magazin zeigt von B+W auch die weltweit erste numerisch gesteuerte Bearbeitungseinheit von 1959, die Motorblöcke in einem Stück fabrizierte. Die Maschine konnte einst ihre 36 Werkzeuge vollautomatisch wechseln. Hier ist aber bislang nur die erläuternde Animation fertig.

Vom einstigen Textilriesen Gminder 1908 errichtet: die „Central-Werkstatt“ auf dem heutigen Bosch-Gelände. Vorne rechts Historiker Holger Lange.Bild: Haas

Hermann Teufel an einer Wafios-Drahtflechtmaschine aus dem Jahre 1910 im Industriemagazin in der Eberhardstraße 14.Bild: Haas

Zum Artikel

Erstellt:
12. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. September 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+