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Kulturwissenschaftler Utz Jeggle ist tot

Denken heißt Überschreiten

Tübingen. Am vergangenen Dienstag noch hatte er im Melchinger Theater Lindenhof an der Präsentation des Buches „Mein lieber Schiller“ teilgenommen. Darin ist ein „Übrigens“ von ihm aus dem Jahr 1979 über den Räuber Karl Moor abgedruckt, wie immer sprachlich brillant, argumentativ stupend, bis heute aktuell. Utz Jeggle war von der Parkinson-Krankheit gebeugt, aber er begegnete seiner Umwelt ungebrochen und offenen Sinnes, voller Lust auf das Leben.

21.09.2009

Am Freitag früh ist der pensionierte Professor für Empirische Kulturwissenschaft und langjährige Theaterkritiker des TAGBLATTs, für das er auch die dialektisch-zeitkritische Glosse „Vetter Fritz“ schrieb, 68-jährig in der Tübinger Neckarhalde gestorben.

Wunderkind und Feuerkopf

Der Tod war Utz Jeggle gegenwärtig, vertraut auch durch den bewussten Umgang mit Historie und Gegenwart, der Frage nach dem Herkommen und Wohin. Erinnerung und Hoffnung waren ihm gleichermaßen bedeutsam. Aus seiner Erkrankung, die ihn bereits mit 60 zum Rückzug aus der Lehre zwang, machte er kein Geheimnis. Und trotz vieler Einschränkungen nahm er, unermüdlich und liebevoll unterstützt von seiner Frau Jutta Gutwinski-Jeggle, weiterhin am öffentlichen Leben teil. Seine wachen, wissenden Augen signalisierten dem Gegenüber unbändige Neugier, und selbst in knappen Sätzen blitzte sein Esprit und Witz auf.

Schon der junge Utz Jeggle war Wunderkind und Feuerkopf der Empirischen Kulturwissenschaft (EKW), die sich in seiner Zeit am Ludwig-Uhland-Institut (LUI) unter der behutsamen Anleitung von Hermann Bausinger von der traditionellen Volkskunde zur modernen Sozialwissenschaft wandelte. 1941 in Nagold geboren, studierte Jeggle Geschichte, Germanistik und Volkskunde in Bonn, Wien und Tübingen. 1969 betrat er die wissenschaftliche Szene mit einem Paukenschlag: Seine (vor einiger Zeit wiederaufgelegte) Dissertation „Judendörfer in Württemberg“ setzte Maßstäbe für eine ethnographische Forschung, die Geschichte zur Grundlage der Gegenwart macht und akribische Dokumentation mit einfühlsamer Interpretation verbindet.

Spurensucher in den Tiefen des Alltags

Auch seine Habilitationsschrift mit dem scheinbar harmlos klingenden Titel „Kiebingen – eine Heimatgeschichte“ wurde 1977 zu einem Meilenstein des Faches. Darin zeigt er, wie Heimat der Not abgerungen werden muss, wie die Zwänge dörflicher Kultur und Lebensweise nach wie vor Verhaltensformen beeinflussen. In einem schönen Bild zeichnet er nach, wie wir Heutigen mental noch immer „am Hunger unserer Vorfahren“ leiden.

Überhaupt interessierten Utz Jeggle verborgene und verdrängte Tiefen des Alltags mehr als oberflächliche Verwirbelungen, die oft vorschnell zum modischen Forschungsgegenstand erhoben werden. In seinen Schriften (nachzulesen in der wissenschaftlichen Biographie und Bibliographie „Meine EKW“) fächert er ein ungewöhnlich breites Themenspektrum auf, durch das sich aber Konstanten ziehen: Beschäftigung mit jüdischer Lebenswelt, Nationalsozialismus, Krieg, Kultur des Erinnerns, Einbeziehung von Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Unbewusstem, (psycho-)analytische und feldforscherische Fundierung, deutsch-französischer Wissenstransfer. Er bürstete traditionell-volkskundliche Gegenstände wie Brauch und Dorf, Heimat und Dialekt gegen den Strich, förderte noch in scheinbar nebensächlichen Phänomenen wie dem Anrufbeantworter oder dem Fundbüro phantasievoll soziale Muster und ihre individuellen Facetten zutage.

Origineller Forscher und liebenswerter Lehrer

Utz Jeggle war als Forscher ein ungemein produktiver und origineller Kopf. Und er war ein prägender und nachhaltig präsenter Lehrer für mehrere Generationen von LUI-Studierenden. Er war ein Gedankenverführer, der in seinen Seminaren Lust machte auf das Abenteuer der wissenschaftlichen Entdeckung, der mit mutigem Beispiel voranging und einem die Angst vor dem zu erforschenden Feld nahm, der einen lehrte, dass sich die Sprache dem Forschungsgegenstand „anschmiegen“ sollte, damit sich dieser aus dichter Beschreibung für Leser erschließt. Er war ein liebenswerter Mensch, der seine Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen mit humorvollen Geistesblitzen befeuerte. Er zog eine tiefgehende Spur, hatte Einfluss weit über das Ludwig-Uhland-Institut hinaus.

Seine Abschiedsvorlesung schloss er im Jahr 2001 mit einem Passus aus Sigmund Freuds Essay „Das Unbehagen in der Kultur“: „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingt, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.“

Skeptiker mit dem Prinzip Hoffnung

Jeggle blieb bei aller Skepsis angesichts gesellschaftlicher Verwerfungen immer optimistisch, dass Wissenschaft zum Fortschritt im Bewusstsein des Humanen beitragen könne. Ganz im Sinne des Blochschen Hoffnungsprinzips: „Denken heißt Überschreiten.“ Aber er wusste zugleich um das Unermessliche und Unausweichliche, so wie es sich in seiner Todesanzeige mit einem Zitat aus Hölderlins „Hyperion“ wiederfindet: „Aber es geht alles auf und unter in der Welt, und es hält der Mensch mit aller seiner Riesenkraft nichts fest.“

Wolfgang Alber Info

Die Trauerfeier für Prof. Utz Jeggle findet am kommenden Samstag, 26. September, von 15 Uhr an in der Tübinger Martinskirche (Frischlinsstraße 35) statt.

Denken heißt Überschreiten
Verstorben: Kulturwissenschaftler Utz Jeggle. Bild: :Sommer

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21.09.2009, 12:00 Uhr
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