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Den Wortklaubern aufs Wort glauben

„Die besten Sätze sind die ungesagten“, meinte Wittgenstein. Von wegen. Wer schweigt, hat automatisch Unrecht, wer am lautesten brüllt, bekommt meistens Recht. An den Tag treten solche Charakterfragen am sichtbarsten bei Debatten über die Schreibweise. Heißt es „infragestellen“ oder „infrage stellen“ oder „in Frage stellen“? Der Reutlinger Familienvater, der sich über solche Spielarten der Rechtschreibreform Gedanken macht, gehört zu den bemerkenswerten Menschen, denen Kleinigkeiten nicht gleichgültig sind. Ehefrauen, die sich lautstark für eine der drei Schreibweisen verkämpfen, sind Heldinnen des Wörterbuchs, denen meine uneingeschränkte Bewunderung sicher ist.

17.05.2011

Von Matthias Reichert

Was sind Metaphern und Metonymien, Alliterationen und Assonanzen gegen ein falsch gesetztes Komma? Ein Nichts im Kosmos, ein leerer Strich des Kugelschreibers, eitel Tand und Gaukelei. Rhetorik ist doch nur eine Technik zu blenden, die korrekte Rechtschreibung hingegen eine Kunst, die man nicht hoch genug preisen kann.

Richtige Wortklauber wissen das. Blind für die Schönheiten der Sprache, können sie sich stundenlang über einen falsch gesetzten Wortabstand in einem Firmennamen aufregen. Ohne Gespür für Stilfragen, können sie ihre Arbeitskollegen stundenlang wegen eines verkehrt herum gesetzten Akzents im Namen eines Geschäftspartners in den Ohren liegen.

Wortklauben beginnt, wie alle wichtigen Dinge des Lebens, in der Kindheit. Wer andauernd von den Schulkameraden wegen seiner Kleidung gehänselt wird, der legt bald Wert auf Äußerlichkeiten wie richtig gesetzte Strichpunkte. Wer von der Oma wegen einer fünf im Deutschaufsatz mit Liebesentzug bestraft wird, der gewinnt wohl nie mehr ein unverkrampftes Verhältnis zur Sprache Goethes und Schillers.

Man erkennt Wortklauber daran, dass sie völlig verkrampft stundenlang über einer einzigen Formulierung brüten, ihre Mitmenschen andauernd verbessern und noch beim trauten abendlichen Tête-à-Tête an erweiterten Infinitiven herummachen, statt die Augenfarbe ihres Gegenübers zu rühmen. Wortklauber sind verhinderte Alphatiere, weil sie wegen ihrer unermesslichen grammatikalischen Fähigkeiten von allen Sekretärinnen und Sekretären bewundert, von ihren Chefinnen und Chefs aber heimlich gefürchtet werden. Sie bringen es meistens nur zu Hilfsarbeitertätigkeiten und rächen sich, indem sie nachts bei Kerzenlicht jedes falsche Komma auf ihrer Lohnabrechnung mit Rotstift anstreichen.

Dennoch sind sie unentbehrlich – als warnendes Beispiel für künftige Generationen, als wandelnder Duden und als personifizierte Rechtschreibreform. Sie suchen den Fehler immer bei anderen – und wehe, sie finden einen. Gäbe es keine Wortklauber in Reutlingen, müsste man sie aus Indien einfliegen. Und das würde zu babylonischer Sprachverwirrung in den Betrieben unter der Achalm führen, ohne dass deshalb eine einzige Lohnabrechnung richtiger geschrieben würde. Deshalb: Schützt eure Wortklauber, glaubt ihnen aufs Wort, alles andere wäre nicht korrekt.

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Erstellt:
17. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2011, 12:00 Uhr

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