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Leitartikel · Ölpreis

Den Spielraum nutzen

28.12.2015
  • Helmut Schneider

Autofahren macht wieder richtig Spaß, triumphierend werden Dieselpreise von unter einem Euro gemeldet. Billiges Öl entzückt auch die Ökonomen. Alle streichen sie in ihren vorsichtig optimistischen Ausblicken auf das neue Jahr das billige Öl in Tank und Heizkessel als hervorragendes Schmiermittel für die Konjunktur heraus. Kein anderer Rohstoff ist so wichtig, keiner steckt in so vielen Produkten drin. Ist Öl billig, verbilligt sich die Produktion. Damit bekommen die Menschen mehr Wohlstand für weniger Geld. Die Weltwirtschaft hängt noch immer - und noch einige Jahrzehnte - am Tropf des Öls.

Das ist der aktuell vorrangige Zusammenhang und der Blickwinkel, der Deutschlands Verbraucher und Unternehmen hauptsächlich interessiert. Es gibt jedoch eine zweite Seite des Ölpreisverfalls - sie ist globaler und längerfristiger Natur. Das macht die Sache umso gefährlicher, weil die momentane Entlastung den Druck aus dem Innovationskessel nimmt, der die Abhängigkeit der Welt vom klimaschädlichen Öl vermindern will. So schön die Vereinbarungen des Klimagipfels in Paris auch sein mögen - sie sind nur Papier. Ein Fass Öl, das vielleicht bald nur noch 20 Dollar kosten könnte, wäre aber ein Argument, das bei der Abwägung zwischen Ökologie und Ökonomie massiv ins Gewicht fiele.

Wirtschaft war immer eine grenzüberschreitende Veranstaltung, sie ist es mehr denn je. Die Verflechtungen enden allerdings nicht dort, wo es nur um Geld geht. Der phänomenale Preisverfall des schwarzen Golds - um fast zwei Drittel in nur einem Jahr - bringt auch Gewichte in Bewegung, die derzeit schwer auf der weltpolitischen Bühne lasten. Russland, Saudi-Arabien, Iran - die Hauptförderländer sind zugleich mit die wichtigsten Akteure auf den verminten Terrains (Ukraine, Syrien, Irak) der Weltpolitik. Vergleichsweise verschmerzbar ist die Krise im ölreichen Venezuela - sie war von den Sozialisten ohnehin hausgemacht.

Wie werden die Förderländer reagieren, wenn ihnen die Haupteinnahmen aus dem Ölexport wegbrechen? Macht der ökonomische Druck den russischen Präsident Putin oder das islam-fundamentalistische Königshaus in Saudi-Arabien Kompromissen in der Syrien-Frage geneigter? Oder unberechenbarer? Man sieht: Europas und Deutschlands Flüchtlings-Thema hat indirekt auch mit dem Ölpreis zu tun.

Nicht zu unterschätzen ist es auch, wenn die bislang reichen Ölländer ihre Einkaufslisten in anderen Ländern, auch in Deutschland, zusammenstreichen müssen. Oder die mit ihren aus dem Ölgeschäft genährten Staatsfonds plötzlich Verluste schrieben, wie im Falle Norwegens, das an 9000 Unternehmen weltweit Anteile hält.

Die Gründe für den Ölpreisverfall sind marktwirtschaftlicher Natur: Zu wenig Nachfrage, zu hohes Angebot - auch weil die USA mittels Fracking zur Öl- und Gas-Supermacht geworden sind und weil die konventionellen Förderländer in der Opec nicht den Ölhahn zudrehen.

Alles in allem ist billiges Öl aber ein enormer Stimulator für die Weltwirtschaft. Die Milliarden eingesparter Energiekosten können an anderer Stelle eingesetzt und viel Wohlstand schaffen. Die Anreize für ökologisch vernünftiges Verhalten sinken - das ist der Preis des Ölpreisverfalls. Es liegt aber an der Politik, dem entgegenzuwirken. Dass sie dazu noch in der Lage ist, hat der Klimagipfel in Paris gezeigt.

Auch in Deutschland sollte die Politik den erweiterten finanziellen Spielraum nutzen. Für Investitionen in Infrastruktur und Reformen am Steuersystem etwa. Die Zeit dafür ist so günstig wie selten.

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28.12.2015, 08:30 Uhr
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