Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Leitartikel · Nullzinsen

Den Bogen überspannt

Eine Notenbank muss gelegentlich überraschende Entscheidungen treffen, die belegen, dass sie nur der Sache verpflichtet ist und nicht den Einflüsterungen von Politik und Börsen folgt. So gesehen hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer gesteigerten Geldflut einen Pluspunkt gemacht. Viel mehr Positives findet man freilich nicht in dem, was EZB-Chef Mario Draghi jetzt vorgegeben hat.

18.03.2016
  • Helmut Schneider

Der Italiener ist der Retter des Euro, der an hohen Staatsschulden in Europas Süden zu scheitern drohte. Mit niedrigen Zinsen und massenhaft Geld erstickte er das Misstrauen der Kreditgeber und verschaffte der Politik Zeit, ihre Volkswirtschaften fit zu machen. Das war eine geldpolitische Großtat, der Erfolg enorm - zumindest kurzfristig. Seither sind aber vier Jahre vergangen, ohne dass die Strukturschwächen großteils beseitigt wären.

Dass Draghi in dieser Situation die Dosis seines Medikaments verstärkt, ist hoch riskant. Denn so gering die positiven Wirkungen bisher waren - die negativen sind umso größer geworden: Sparen lohnt nicht mehr; Banken, Versicherungen, Bausparkassen brechen die Erträge weg; das viele Geld fließt in Immobilien und Aktien und treibt die Preise über die Maßen in die Höhe.

Der Zins ist mit das wichtigste Steuerungsinstrument. Wer ihn abschafft, gibt das Steuer aus der Hand. Und er setzt falsche Signale. Bei der Politik - etwa in Italien oder Frankreich - befördert er Bequemlichkeit: Warum den Staatshaushalt mit schmerzlichen Reformen sanieren, wenn neue Schulden aufgehäuft werden können, ohne mehr Zinsen dafür zahlen zu müssen?

Das über allen Einzel- und nationalen Interessen stehende Ziel der Notenbank ist unstrittig. Doch mit den Negativzinsen verkehrt sie die Antriebskräfte ins Gegenteil. Wenn Kapital keinen Preis mehr hat, gerät der Kapitalismus aus den Fugen. Niemand weiß, ob die Banken auch tatsächlich Draghis Regieanweisungen folgen und Geld ausleihen anstatt dafür Strafzinsen zu zahlen. Andere Reaktionen sind mindestens genauso plausibel. Zum Beispiel diese: Weil das übliche Bankgeschäft nichts mehr abwirft, geht man in riskante Anlagen. Oder erhöht die Gebühren. Die Sparkassen haben dies gerade angekündigt. Das aber konterkariert die Ziele Sicherheit oder Kundenorientierung.

Der Kunde kommt beim Ganzen ebenfalls zu kurz. Allerdings ist der anschwellende Protest gegen die so genannte kalte Enteignung der Sparer und die unterhöhlte Altersvorsorge etwas übertrieben. Denn nicht nur die Habenzinsen tendieren gegen Null, sondern auch die Inflation. Dass die Deutschen "ohne Zins und Verstand" sparen, wie der "Spiegel" titelt, kann man nicht Draghi in die Schuhe schieben.

Deutschland steht wirtschaftlich mit an der Spitze, beim Vermögen aber liegen die Deutschen weit unter EU-Schnitt. In den Krisenstaaten Italien oder Spanien sind die Privathaushalte deutlich reicher als in Deutschland. Das hat damit zu tun, dass die Deutschen viel sparen - aber dabei auch viel falsch machen.

Dank Draghi sind Aktien und Immobilien wertvoller denn je. Dumm nur, dass der Deutsche einen weiten Bogen um beides macht. Er tritt eben gerne an den Staat ab, worum er sich besser mal selber kümmern sollte. Hierzulande hat man gerne beides: Sicherheit und Rendite. Dass das eine nur ohne das andere zu haben ist, will man nicht wissen.

Die Negativzinsen sind nicht der Kern allen Übels. Sie sind aber ein Wagnis mit weitreichenden Folgen. Nur in der größten Not sollte eine Notenbank zum Äußersten greifen. Draghi hat den Bogen überspannt. Hoffentlich bricht er nicht.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.03.2016, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular