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Das weiße Kitz von Sigmarszell
Neugierig lugt das weiße Rehkitz von Sigmarszell aus dem grünen Gras. Obwohl sein weißes Fell ihm keine Tarnung bietet, hat es überlebt. Foto: Gabriele Thomann

Das weiße Kitz von Sigmarszell

03.08.2016
  • PETRA WALHEIM

Die Natur sorgt für ihre Geschöpfe. Meistens jedenfalls. Sie gibt den Tieren die Farben, die sie brauchen, um in ihrem Lebensraum am besten zu überleben. Deshalb sind zum Beispiel Rehe und Hirsche rotbraun. Das ist für sie im Wald die perfekte Tarnung. Doch auch die Natur hat ihre Launen – und versucht sich hin und wieder an Farbenspielen. Dabei können schon mal gescheckte Waldtiere herauskommen – oder ganz weiße. So wie das weiße Rehkitz, das Gabriele Thomann aus Sigmarszell im bayerischen Kreis Lindau von ihrer Terrasse aus entdeckt hat.

Ihr Haus grenzt an eine Christbaumkultur aus Blautannen, und am Rand der Pflanzung sah sie das kleine Wesen im Gras liegen. Mit seinem weißen Fell leuchtete es regelrecht aus dem Grün heraus. Die erste Begegnung war für beide etwas schreckhaft. Gabriele Thomann wollte sich dem Kitz vorsichtig nähern, um es zu fotografieren. Sie verließ die Terrasse und ging auf die Plantage zu. „Da stand das Kitz plötzlich vor mir und riss die Augen genauso weit auf wie ich.“ Seither schaut sie jeden Tag nach ihm. „Es ist putzmunter und hüpft herum wie ein Gummiball.“

Erstaunlich ist, dass es noch lebt. Denn so ganz ohne Tarnung hätte es leicht die Beute von Fuchs, Dachs oder Krähen werden können, sagt Rudolf Fritze, Vorsitzender des Kreisjagdverbands Lindau. Inzwischen sei es so groß, dass es von solchen Räubern nichts mehr zu befürchten habe, sagt er. Nur freilaufende Hunde könnten ihm jetzt noch gefährlich werden.

Oder Jäger. Doch Fritze versichert, dass die Jägerschaft sich einig sei, das Kitz zu verschonen und es statt als Braten besser als „wildbiologisches Experiment“ zu betrachten. „Dieses weiße Kitz hat den Charme, dass wir es nicht markieren müssen, um es beobachten zu können“, sagt Fritze. Interessant seien die Verhaltensweisen und die weitere Entwicklung. Der Jäger geht davon aus, dass sich das weiße Tier ganz normal entwickelt und auch keine Verhaltensstörungen aufweist. Es reicht ja, dass es eine Melanin-Störung hat.

Melanin ist ein Pigment, das Haut, Haaren und Augen von Mensch und Tier die Farbe verleiht. Oder eben nicht: Wenn die Pigmentierung gestört ist, bleiben Haut und Haare weiß. Fehlt das Pigment auch in der Iris, schimmern die Augen wegen des durch die Gefäße fließenden Blutes rot. Das ist bei dem Rehkitz von Sigmarszell nicht der Fall. Es schaut Gabriele Thomann aus schwarzen Knopfaugen an. Deshalb sei das Rehkitz ein Teil-Albino, sagt Fritze. Die Ursache für die Pigmentstörung ist ein genetischer Defekt. Den tragen manche Tiere in sich, ohne dass es zu sehen ist. Sie sind normal gefärbt. Wenn sich aber zwei Tiere mit diesem Defekt paaren, tritt er zutage, und die Ricke bringt ein weißes Kitz zur Welt. Fritze vermutet, dass die Ricke aus Sigmarszell, die das weiße Kitz geboren hat, schon einmal ein weißes Junges bekommen hat. „Sie wusste, wo sie es ablegen muss, damit ihm nichts geschieht.“

Nach Auskunft von Klaus Lachenmaier vom Landesjagdverband ist es nicht so ganz selten, dass weiße Kitze geboren werden. Bei einer Grundpopulation von mehreren Millionen Rehen deutschlandweit, komme das immer wieder vor. In Sigmarszell wurden in den vergangenen drei Jahren zwei weiße Kitze geboren, sagt Kreisjagdverbands-Vorsitzender Fritze. Ein paar Kilometer weiter sei vor einiger Zeit ein weißer Rehbock beobachtet worden. Der sei dann doch geschossen worden. Derjenige, der das getan hat, kannte offenbar die Sage nicht. Sie besagt, dass der, der ein weißes Reh schießt, noch im gleichen Jahr stirbt. Und wenn nicht der Schütze, so jemand aus seiner Familie.

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03.08.2016, 06:00 Uhr
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