Computer

Das unbekannte System

Die meisten Menschen können mit Linux wenig anfangen, obwohl sie am Tag mehrfach damit in Berühung kommen. Der Startschuss fiel vor 30 Jahren.

11.09.2021

Von dpa

Für Durchschnittsanwender ungewohnt: Linux auf dem Desktop. Foto: Jan Woitas/dpa

Die Geschichte des Betriebssystems Linux begann mit einer gewaltigen Tiefstapelei. „Ich arbeite an einem (freien) Betriebssystem (nur ein Hobby, wird nicht groß und professionell ...)“, schrieb der finnische Student Linus Torvalds am 25. August 1991. Er konnte sich damals nicht vorstellen, dass Linux 30 Jahre später nicht nur auf rund 80 Prozent aller Smartphones laufen wird, sondern in fast jedem modernen Auto und anderen unzähligen Geräten steckt. Selbst der Mars-Hubschrauber „Ingenuity“, der zusammen mit dem Bodenfahrzeug „Perseverance“ den roten Planeten erkundet, wird mit Hilfe von Linux gesteuert.

Linux war anfangs nur dafür gedacht, auf den weit verbreiteten PCs mit x86-Chips von Intel zu laufen. Die von Torvalds festgelegte Architektur war aber schon damals im Prinzip dafür geeignet, unabhängig von der vorhandenen Hardware als Betriebssystem eingesetzt zu werden. Heute laufen sämtliche Hochleistungsrechner der Welt aus der Top-500-Liste mit dem freien Betriebssystem und haben hier dem technisch verwandten Unix den Rang angelaufen. Linux konnte aber auch auf Smartphones laufen, denn das System wurde das Fundament für Android.

Im Gegensatz zu kommerziellen Software-Plattformen wie Windows von Microsoft war Linux von Anfang frei im doppelten Wortsinn: frei wie freie Rede und frei wie Freibier. Dass dabei keine Lizenzzahlungen fällig wurden, förderte die Verbreitung ungemein. Dazu kamen frühe technische Grundsatzentscheidungen von Torvalds und seinem Teams, die sich im Rückblick als richtig erwiesen haben, beispielsweise der Einbau des Internet-Protokolls TCP/IP.

Torvalds und seine Mitstreiter stießen anfangs besonders in der eigenen Szene auf Widerspruch. So konnte sich der Informatiker Andrew Tanenbaum nicht vorstellen, wie verteiltes Programmieren gelingen soll: „Ich denke, dass die Koordination von 1000 Primadonnen, die überall auf der ganzen Erde leben, genauso einfach ist wie Katzen zu hüten“, schrieb Tanenbaum. Doch das verteilte System funktionierte.

Linux ist allerdings nicht in sämtlichen Bereichen der Durchmarsch gelungen. Android dominiert den Massenmarkt der Smartphones. Auch die meisten Web-Server im Netz laufen unter Linux. Doch ausgerechnet bei der Plattform, für die Linux erfunden wurde – den gewöhnlichen Desktop-Rechnern – spielt das System eine untergeordnete Rolle. Die Analytik-Firma Statcounter verzeichnete für Linux zuletzt einen Marktanteil von knapp 2,4 Prozent, während Windows auf 73 Prozent der PCs installiert war. Zum Linux-Lager kann man noch die 1,2 Prozent Chromebooks mit Chrome OS rechnen, bei der es sich ebenfalls um eine Linux-Variante handelt. Apples Betriebssystem macOS kommt derzeit auf 15,4 Prozent Marktanteil.

Dass Linux auf dem PC nie richtig Fuß fassen konnte, hat mehrere Gründe: Zum einen liefern Hersteller wie Lenovo, Dell und HP ihre Geräte meist nicht nackt ohne Betriebssystem aus, sondern mit einem vorinstallierten Windows. Lange war es für technische Laien auch recht aufwendig, Linux zu installieren. Inzwischen können zwar Linux-Distributionen wie Ubuntu problemlos zum Laufen gebracht werden. Doch dem System eilt immer noch der Ruf voraus, kompliziert zu sein. Und in der frühen Linux-Phase fehlten auch die Anwendungen, die man als Windows- oder Mac-User kennt. Manche gibt es bis heute nicht, etwa Adobe Photoshop, die Office-Programme von Microsoft oder viele Spiele. Befürworter weisen darauf hin, dass etliche Programme für diese Aufgaben längst vorhanden sind. Aber selbst Torvalds räumte 2014 ein, dass es für Programmierer „verdammt kompliziert“ sei, Anwendungen für Linux zur Verfügung zu stellen, weil es kein einheitliches System gebe, sondern die unterschiedlichsten Linux-Distributionen. Als führender Entwickler des Linux-Kernels hat Torvalds nur bedingt Einfluss auf die Gestaltung von Varianten. Außerdem ist er darauf angewiesen, dass Hardware-Hersteller Treiber zur Verfügung stellen. Wenn ein Hersteller wie der Grafikkartenanbieter Nvidia sich verweigert, bleibt ihm nichts weiter übrig, als ihn zu beschimpfen.

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Erstellt:
11. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. September 2021, 06:00 Uhr

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