Reimreich durchs Leben

Das sind die Lilli-Zapf-Preisträger

„Reimreich“ hat den Lilli-Zapf-Preis gewonnen. „Reimreich“ – das sind Martin Labacher und Florian Nädele. Das TAGBLATT sprach mit den Schülern des Karl-von-Frisch-Gymnasiums.

09.02.2010

Von Jürgen JOnas

Gomaringen. Samstag nachmittag. Martin Labacher malt mal schnell ein Bild. Vielmehr sprüht es an die Wand. Ganz legal. An die Graffiti-Wand am Ortseingang von Gomaringen, die er mitaufgebaut hat. Eine Stunde werkelt er mit seinen Dosen, die Atemschutzmaske vorm Gesicht. Grundiert die Fläche, zwei Riesenbuchstaben entstehen. Zwei R wie in „Reimreich“. Nehmen Form und Farbe an. „Ach nee, nicht blau und rot, das ist spießig“, sagt er sinnend. Am Ende ist alles „schön bunt wie im Gummibärenland“. Ein paar Tags zum Schluss. Erkennungszeichen. „K-Flow“ und „RPR“, das bedeutet „richtig peinlicher Rap“. Jetzt kommt Florian Nädele dazu. Der andere Teil von „Reimreich“.

Eine von neun Bands auf der LTT-Bühne

„Reimreich“. Eine von neun Bands waren sie in der Endrunde auf der LTT-Bühne, als es um den Lilli-Zapf-Preis ging, der seit 2002 jährlich vergeben wird, vom Verein Courage e.V. und dem Jugendgemeinderat Tübingen. Christa Hintermair vom Kreisjugendreferat des Landkreises hatte „Reimreich“ angerufen und zur Teilnahme aufgefordert. Die Jury setzte das Duo an die erste Stelle. Jetzt ist „Reimreich“ Preisträger. Durchaus auch stolz. Darf man sein. Die einzige Gruppe, die vom Land kam.

Anfangs war es nur eine Urlaubsträumerei

„Es tut mir leid, liebe Mitmenschen, ich bin verantwortlich“, sagt Martin. Er hat „Reimreich“ in die Wirklichkeit entlassen. Zuerst war das nur eine Urlaubsträumerei am Meeresstrand: Wenn er einmal eine Gruppe haben sollte, könnte sie vielleicht „Reimreich“ heißen. Jetzt heißt sie „Reimreich“.

Florian und Martin. Besuchen beide das Karl-von-Frisch-Gymnasium. Wo im Sommer seit fünf Jahren unterm Sonnensegel das „Rockt den Acker“-Festival sich lautmacht. Im vergangenen Jahr ist „Reimreich“ dort zum ersten Mal öffentlich aufgetreten, als erste Band am frühen Nachmittag, dennoch vor größerem Publikum.

Im Sommer 2006 haben sich die beiden kennen gelernt. Martin hat schon in der 6. Klasse mit dem Rappen angefangen, mit Kassettenrecorder seinerzeit. Irgendwann hat er Florian angesprochen. Und jetzt? Ist vieles möglich. Beim Reimen sowieso. Lustiges, Verzwungenes, Trauriges, Reime stellt die Sprache umsonst zur Verfügung, aber sie sind nicht immer billig zu haben.

„Toleranz und Respekt“ ist das Lilli-Zapf-Preis-Thema gewesen, das haben sie umgesetzt, mit einer blauen Tomate und einem kleinen Jungen, der sich – „falsche Gene“ – über eine blaue Tomate im Salat beschwert. Zwei Hilfsschauspieler waren mit dabei, Alex Klein war die blaue Tomate, Nuhr, Sechstklässler vom Frisch-Gymnasium, gab den kleinen Jungen. Das Lied endet mit „Scheiß auf Nazis!“. Klar, „wir sind antirechts!“, sagen die beiden. Mit Hiphop-Klischees haben sie nichts am Hut.

„Du bist wie ein leeres Klassenzimmer“

Da hockt man schon zusammen, bis so ein Lied vortragbar ist. Komisches machen sie, aber auch Trauersongs. Tod als Thema. Wortspiele. „Du bist wie ein leeres Klassenzimmer. Du hast keine Klasse.“ Der Zyklus des Schaffens gestaltet sich so: Im Winter brüten sie über einem Album, im Frühjahr werben sie dafür, im Sommer kommt es unter die Leute.

Die Alben (bisher zwei) verkaufen sie eigenhändig, übers Internet, oder im „Gin & Juice“-Store, einem Kleiderladen in der Tübinger Pfleghofstraße, der auch als Sponsor auftritt.

Martin Labacher und Florian Nädele sind musikalisch schwer einzuordnen, „wir könnten mehr Leuten gefallen“, sagen sie, aber verbiegen geht nicht gut. „Wir machen, was uns gefällt.“ Es soll sich was bewegen. Individualität steht ganz oben. Oft nicht einfach. Martin macht demnächst Abitur, am 5. März beginnen die Prüfungen, „der Druck steigt“. Kunst ist sein Hauptfach, ein BA-Studium im Medienbereich strebt er an, vorher kommt der Zivildienst, „am liebsten im Epple-Haus“ in Tübingen. Florian ist in der zwölften, Chemie und Geographie sind seine Stärken, ein Studium kann er sich vorstellen. Aber das ist noch nicht raus.

„Reimreich“ steht nicht allein auf der Welt. Da gibt es Leute, die ihnen „Beats“ liefern, den Nehrener Julian Sauter, der ihnen als DJ zur Seite steht, Christoph Labacher, den jüngeren Bruder, Fabian Zwiehoff, eine Art Manager. Ein paar Anfragen für Auftritte sind nach der Preisverleihung eingegangen. Es ergeht ein Aufruf, anzurufen. „Wir sind buchbar.“

Info

Mehr Aufschluss über das Duo gibt es auf der Internet-Seite http://reimreich.de.vu

Hier stehen sie vor der Gomaringer Graffiti-Wand, mit ihrem kunstvollem „R R“ frisch besprüht: Florian Nädele und Martin Labacher. Bild: Franke

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Erstellt:
9. Februar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Februar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Februar 2010, 12:00 Uhr

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