Interview

„Das schreckt mich nicht“

Der grüne Minister Winfried Hermann über Lehren aus Corona für die Verkehrswende und seinen Kampf ums Direktmandat gegen CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann.

01.08.2020

Von ROLAND MUSCHEL

Sieht im Homeoffice auch eine Möglichkeit, den Straßenverkehr zu reduzieren: Winfried Hermann. Foto: Tom Weller/dpa

Stuttgart. Im Verkehrsressort ist es ruhig, viele Mitarbeiter sind im Homeoffice, eine Folge von Corona. Die Pandemie treibt auch den grünen Minister Winfried Hermann um: Was wird aus der Verkehrswende?

Grünen-Finanzministerin Edith Sitzmann und Grünen-Umweltminister Franz Untersteller steigen 2021 aus der Politik aus. Was ist mit Ihnen?

Winfried Hermann: Ich möchte gerne weitermachen. Ich kandidiere wieder im Wahlkreis Stuttgart II, den ich 2016 direkt gewonnen habe. Mein Ehrgeiz ist es, wieder das Direktmandat zu gewinnen.

Ihre Gegenkandidatin im Wahlkreis ist Susanne Eisenmann, die Spitzenkandidatin der CDU.

Das schreckt mich nicht.

Sie wollen sie auch schlagen, um Sie als Ministerpräsidentin zu verhindern?

Der Gewinn des Direktmandats ist keine zwingende Voraussetzung für das Ministerpräsidenten-Amt. Aber es wäre ein schlechtes Omen für die CDU. Wenn Susanne Eisenmann das Direktmandat in ihrem Heimatwahlkreis nicht gewinnt, spricht viel dafür, dass die CDU auch insgesamt hinter den Grünen liegen wird. Das ist unser Ziel.

Was reizt Sie noch, außer der Aussicht, Frau Eisenmann zu schlagen?

Ich habe mir auch überlegt, ob ich aufhören soll. Die Politik hat ja ihren Preis, man hat eine hohe Arbeitsbelastung, ist ständig in Alarmbereitschaft und unter Beobachtung und hat wenig freie Zeit. Auf der anderen Seite haben mich viele ermuntert, weiterzumachen: Deine Positionen sind wichtig, deine Verkehrspolitik ist wichtig. Dazu kommt: Ich bin vom Typus her kein Ruheständler, mir macht das politische Gestalten Spaß. Und ich will die Verkehrswende weiter vorantreiben.

Hat Ihnen bei der Verkehrswende nicht Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht?

Eigentlich nicht. Die Corona-Zeit hat gezeigt, dass wir als Gesellschaft Verkehrswende-fähig sind. Wer hätte vor der Pandemie gedacht, dass wir nicht mehr fliegen, dass wir für eine gewisse Zeit aufs Auto, auf Konferenzen, auf Urlaub verzichten können? Jetzt stellen wir überrascht fest: So schlecht ist es gar nicht, Pfingsten zuhause zu sein und auf einer Radtour die nähere Umgebung zu erkunden.

Die Veränderung basiert doch größtenteils auf Verboten.

Natürlich waren die Leute am Anfang gezwungen, zuhause zu bleiben oder andere Mobilitätsformen auszuprobieren. Aber dann haben viele die Vorteile entdeckt und Lust gekriegt, das zeigt der Boom beim Kauf von Fahrrädern. Da ist die Verkehrswende sichtbar geworden.

Gibt es nicht auch gegenteilige Entwicklungen?

Klar. Der Autoverkehr ist zunächst stark zurückgegangen, hat jetzt aber fast schon wieder den Vor-Corona-Stand erreicht. Fatal ist, dass der öffentliche Personennahverkehr drastisch eingebrochen ist, teilweise um über 90 Prozent, noch immer fehlt fast die Hälfte der Fahrgäste, die wir vor der Pandemie hatten. Wir tun alles, um den potenziellen Makel der Ansteckungsgefahr zu heilen, indem wir werben: Trefft Vorsorge, haltet Abstand, tragt Maske! Der ÖPNV ist sicher.

Haben Sie den Eindruck, die Maskenpflicht wirkt?

Am Anfang haben in Bussen und Bahnen praktisch alle eine Maske getragen. Das lässt jetzt leider nach. Wir können eine zweite Welle aber nur vermeiden, wenn sich alle an die Regeln halten. Wir setzen daher noch stärker auf Aufklärung, aber auch auf mehr Kontrollen.

Welchen Effekt hat der Homeoffice-Boom, das verstärkte Arbeiten von zuhause aus, auf das Verkehrsgeschehen?

Rund 30 Prozent der Beschäftigten in Baden-Württemberg waren in der Hochphase der Pandemie im Homeoffice. Sonst sind es nur zwölf Prozent. Das hat den Verkehr auf den Straßen deutlich reduziert. Viele Firmen haben sich darauf nun eingestellt, sodass wir die Vorteile der digitalen Arbeitswelt künftig nutzen können, um Verkehre besser zu lenken. Wenn wir nicht steuern, droht der Rückfall zum Vor-Corona-Zustand mit vollen Straßen, vielen Staus.

Was meinen Sie mit steuern?

In der Landesverwaltung, aber auch darüber hinaus könnte ich mir, wo das möglich ist, Hybridformen vorstellen: In den Hauptverkehrszeiten verstärkt Homeoffice oder mobiles Arbeiten, in den Nebenzeiten verstärkt Büropräsenz, weil nicht alles digital geht. Komplexer wird's bei den Schulen, aber auch da sollten wir ran: Die starren Schulanfangszeiten sind die Hauptursache für morgendliche Staus, weil die Eltern ihre Mobilität an den Schülern orientieren. Gestaffelte Schulöffnungszeiten würden viel Entlastung bringen.

Gibt es noch andere Bereiche, an denen Sie ansetzen wollen?

Bisher belohnen wir über die Pendlerpauschale diejenigen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren und möglichst lange Strecken zurücklegen. Ökologisch und verkehrlich sinnvoller wäre es aber, diejenigen steuerlich zu belohnen, die zuhause arbeiten. Ich wäre daher für die Einführung einer Homeoffice-Pauschale als Anreiz, den Autoverkehr gerade in den Spitzen zu reduzieren. Ich kann mir eine entsprechende Bundesratsinitiative vorstellen. Im internationalen Vergleich ist unsere Homeoffice-Quote allenfalls durchschnittlich. Da sollte mehr gehen auch mit Co-Working-Büros und mobilem Arbeiten jenseits von Stauräumen und Stauzeiten.

Zum Artikel

Erstellt:
1. August 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. August 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. August 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+