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Universitätszeichenlehrer: Eine längst überfällige Ausstellung

Das offene akademische Atelier

Sie stehen für eine „kleine Tübinger Kunstgeschichte“: Jene elf Männer und eine Frau, die in den letzten zwei Jahrhunderten an der Universität fest bestallt das Zeichnen (und weitere künstlerische Techniken) lehrten oder noch lehren. „Künstler für Studenten“: Eine spannende Zeitreise in Bildern, derzeit im Kornhaus.

07.07.2012
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Eine Stadt der bildenden Künste ist Tübingen eigentlich nie gewesen. Das protestantische Bürgertum ließ sich zwar gern in Öl verewigen. Die Herren Professoren liebten es, für den Nachruhm Modell zu sitzen. Aber wie viele bedeutende Maler hat Tübingen hervorgebracht?

„Wer aus der Kunst seinen Beruf machen wollte, musste wegziehen“, sagt etwa Martin Schmid in einem Interview, das in dem vorzüglichen Katalog zur Austellung abgedruckt ist. „Man kann sich Tübingens Ödnis, seine fundamentale Kunstfeindschaft heute nicht mehr vorstellen.“ Der knapp 85-jährige Schmid ist der zehnte in der Ahnenreihe der Unizeichner. Er sieht heute vieles zum Besseren gewendet gegenüber der Zeit, die er hier gegeißelt hat. In der das Zeicheninstitut seiner Einschätzung nach aber eine Insel der Kunst-Seligen gewesen sein muss.

Tatsächlich ist Martin Schmid, der das Amt von 1970 bis 1992 bekleidet hat, mit Leib und Seele Zeichenlehrer gewesen. Einer, der sich immer gekümmert hat (und darüber auch ein bisschen bekümmert wurde), der intensive Korrekturstunden anbot und der schließlich viele Schüler über den akademischen Lehrbetrieb hinaus anregte, bis tief in den hassgeliebten Künstlerbund hinein.

Vielleicht ist Schmid derjenige, der die Vorgaben am ehesten umgesetzt hat, die praktisch auf halber Strecke der Zeitspanne formuliert wurden, für die nun diese Ausstellung steht. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Begründer der modernen Tübinger Kunstgeschichte Konrad Lange gebeten, das bestehende „Zeichnungs-Institut“ der Uni einmal didaktisch zu definieren und inhaltlich zu unterfüttern.

Ein zentraler Satz der Reformgedanken des Kunstprofessors lautete: „Gerade in einer kleinen Stadt wie Tübingen, die sonst wenig Anschauung für bildende Kunst bietet, wäre ein anregender, wirklich künstlerischer Zeichenunterricht ein dringendes Bedürfnis.“ Er sei „nur solchen Künstlern anzuvertrauen, die auf der vollen Höhe ihrer Kunst stehen. Sie werden die Studenten zu fesseln am besten imstande sein.“

Bis dahin waren die Stellen der akademischen Zeichenlehrer (mitunter Schreib- oder Zeichenmeister genannt) kaum fesselnd, sondern eher an handwerklichen Bedürfnissen von Forschung und Lehre ausgerichtet. Bereits der erste in der Reihe, der für seine Tübingen-Veduten bekannte Johann Christian Partzschefeld, schlich sich mehr oder weniger in diesen übel bezahlten Uni-Job, den er immerhin 35 Jahre ausübte, von 1785 bis 1820. Elf Jahre davon stand ihm mit Christoph Friedrich Dörr ein begabter Porträtmaler zur Seite, von dem Uhlands Jugendporträt in Marbach stammt.

Dörr wird der erste Universitätszeichenlehrer mit geringem, aber wenigstens sicherem Gehalt. Ihm wiederum ging ab 1821 Louis Helvig zur Hand, sodass Tübingen die erste Hälfte im 19. Jahrhundert immerhin gleich zwei jämmerlich entlohnte Uni-Zeichner beschäftigt hat.

1880 wäre beinahe der beliebte Genremaler Theodor Schüz an den Posten gekommen. Er galt jedoch schnell als überqualifiziert, was sich daran messen ließ, dass er zu hohe Gehaltsvorstellungen entwickelte. Erst mit Langes Reformbemühungen betrat, obwohl der Kunstprofessor eigentlich generell einen jungen Künstler für die Stelle wollte, mit dem bereits 43-jährigen Heinrich Seufferheld ein Künstler die Tübinger Szene, der als hervorragender Radierer ganz neue Ansichten und Einsichten in die Stadt festhielt.

Auch deshalb findet Unimuseumsleiter Prof. Ernst Seidl diese – hauptsächlich von Evamarie Blattner konzipierte und organisierte – Ausstellung so wertvoll, weil man „hier die Uni nicht vom Leben der Stadt trennen kann.“ Dazu tragen die Universitätszeichenlehrer je nach Persönlichkeit bei: Nach Seufferheld waren dies noch Walther Lehner und Gerth Biese, nach Martin Schmid für drei Jahre als einzige Frau die Neubrandenburgerin Gabriele Schulz, die zur gestrigen Eröffnung angereist war. Seit 1995 ist dies Frido Hohberger. Wir werden sie in einer kleinen Serie alle noch genauer vorstellen.

Hohberger, der für den Katalog einen schönen, persönlich gehaltenen Beitrag beisteuert, der „Vom Glück des Zeichnens“ heißt und vom Glück des Zeichenlehrerseins kündet, wird an anderer Stelle so zitiert: Um diese Berufsbezeichnung eines Tages auf seinem Grabstein unterzubringen, müsse man diesen wohl quer legen. Da ist sicher was dran: Das Querlegen, Querdenken, Quer-Lehren sollte dem Unibetrieb eigentlich nie schaden. Dafür steht auch das immer offene, allen offen stehende akademische Atelier unterm Dach der Neuen Aula.

Das offene akademische Atelier
In der Mitte der Ausstellung sind Utensilien aus dem aktuellen Bestand des Tübinger Zeicheninstituts zusammengetragen: Sie zeigen, wie vielseitig das Programm inzwischen ist. Im Hintergrund Werke von Gabriele Schulz (links), Martin Schmid und Gerth Biese. Bild: Sommer

Das Team des Stadtmuseums um Chefin Wiebke Ratzeburg und Kuratorin Evamarie Blattner hat ein abwechslungsreiches Programm zur Ausstellung zusammengetragen. Dazu gehört eine „Zeichenakademie“ mit Künstlern in Grundschulen, die von der Kreissparkasse unterstützt wird und zu der man sich anmelden konnte. Es gibt außerdem eine Liveperformance (Aktzeichnen an der Kornhaus-Fassade) mit Stephan Potengowski am 13. Juli, Porträtzeichnen vorm Haus mit Frido Hohberger an zwei Terminen, Sonntagsführungen und Sonderveranstaltungen, Angebote für Kinder.
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 17 Uhr. Der Bestandskatalog listet rund 150 Werke von elf Universitätszeichenlehrern auf (nur Gabriele Schulz fehlt in den städtischen Sammlungen – noch). Rund 50 Bilder sind ausgestellt, aus eigenen und Uni-Beständen und als Leihgaben.

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07.07.2012, 12:00 Uhr
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