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Leitartikel · Integration

Das kann dauern

Noch immer zankt das Land, ob es sich in der Lage sieht, die vielen Flüchtlinge aufzunehmen. Hektisch werden Feldbetten in Turnhallen geschafft und Baumärkte zu Wohnstätten erklärt.

01.10.2015
  • Axel Habermehl

Deutschland ächzt gerade, jedenfalls an den Angelpunkten der Migration. Dabei ist die akute Nothilfe zwar eine knackige Aufgabe, doch die eigentliche Herausforderung kommt noch: Sie heißt Integration. Und sie wird gar nicht einfach.

Integration ist ein politisch in Geiselhaft gehaltener Begriff, weshalb es lohnt, sich der Wortquelle zuzuwenden. Integration, gern als Synonym zu Eingliederung verwendet, leitet sich vom lateinischen "integratio" ab: Erneuerung. Die Integration von Millionen Fremden bedeutet eine Erneuerung Deutschlands.

Erneuerung aber heißt Veränderung und das bedeutet Aufwand: Die Forderung, sich zu ändern, ist einer erfolgreichen, satten Wohlstandsgesellschaft schwer vermittelbar. Sie ist aber in ihrem Interesse.

Veränderung heißt nicht, dass man vom Grundgesetz abweicht. Deutschland ist eine liberale Demokratie, ein Rechtsstaat, in dem alle vor dem Gesetz gleich sind, Religion Privatsache ist, Homosexualität akzeptiert wird und das Gewaltmonopol beim Staat liegt. Das sorgt für die Sicherheit und den Wohlstand, die Flüchtlinge suchen. Viele von ihnen sind anderes gewöhnt, sie werden sich öffnen müssen.

Doch auch Deutschland muss sich öffnen. Dies ist bisher, trotz Willkommenseuphorie, nicht überall der Fall. Nicht nur, dass eine Minderheit ständig Gewalt gegen Flüchtlinge ausübt, auch herrschen bis ins Bürgertum Ressentiments und Fremdenangst. Das hemmt Integration. Dabei müsste sie längst praktisch werden. Im Wohnungsbau etwa. Lagerunterbringung stiftet Unfrieden und blockt Annäherung. Daher werden schnell zig billige Wohnungen benötigt, die aber so wohnlich sein sollten und städtebaulich so verteilt, dass keine Ghettos entstehen. Man braucht auch massenhaft Sprach- und Integrationskurse, die Austausch ermöglichen. Das alles wird richtig teuer.

Veränderung heißt Reibung und das bedeutet: Es wird Konflikte geben. Falls der soziale Wohnungsbau anläuft, wird man fragen: Warum jetzt? Die Frage ist berechtigt. Dass es im reichen Deutschland Armut gibt, nimmt man bisher achselzuckend hin. Nun wird man sie wachsen sehen. Hunderttausende Flüchtlinge müssen in den nächsten Jahrzehnten vom Staat unterstützt werden, besonders die, die nicht jung, flink und leistungsfähig sind, sondern alt, müde und traumatisiert.

Integration ist ein Prozess, der eher drei als zwei Generationen dauert und auch wenn alle historischen Vergleiche hinken, profitierten viele Migranten der vergangenen 200 Jahre davon, dass es einfache Jobs im Industrie-Bereich gab. Die aber werden durch Strukturwandel und Digitalisierung seltener. Schon jetzt gibt es Millionen Hartz-IV-Abhängige und hunderttausende freie Stellen. Das löst sich nicht einfach auf. Die Antwort heißt Bildung, aber Bildung dauert. Zeit hat man, solange die Konjunktur hält - und alle Beteiligten sich dafür engagieren.

Integration ist ein Prozess, der nur in Teilen steuerbar ist. Es geht auch um kleine Schritte Einzelner, ob Arbeitgeber, Nachbar, Lehrer, Beamter. In ein bis zwei Generationen wird sich zeigen, ob die Deutschen und die Fremden sich einander geöffnet haben. Entweder haben die Flüchtlinge hier nicht nur Schutz gefunden, sondern eine neue Heimat, man lebt halbwegs konfliktfrei zusammen, während sich die Unterschiede abschleifen. Oder es herrschen französische Zustände. Die Weichen werden jetzt gestellt.

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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