Tübingen

Twitter: Das digitale Lehrerzimmer

Seit Beginn der Pandemie treffen sich immer mehr Lehrer auf Twitter, diskutieren über Bildungspolitik und geben Praxistipps.

25.05.2021

Von MIRIAM PLAPPERT

Rat und Hilfe für den Digitalunterricht. Im digitalen Lehrerzimmer wird das geboten. Foto: Felix Kästle/dpa Foto: Grafik: Twitter

Tübingen. Die „Berliner Zeitung“ nennt sie „Digitalavantgard“, Bildungsforscher Tim Fütterer spricht von „Medienenthusiasten“. Gemeint sind medienbegeisterte Lehrerinnen und Lehrer, die sich auf Twitter im sogenannten Twitterlehrerzimmer vernetzen. Unter #twitterlehrerzimmer (kurz: #twlz) geben sie sich Tipps zum digitalen Fernunterricht und diskutieren über Schulpolitik.

Susanne Posselt, Lehrerin an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, ist seit der ersten Schulschließung im März 2020 dabei. Als die Schulen von einem Tag auf den anderen schließen mussten, fehlte es an fast allem für den digitalen Fernunterricht. Bei ihrer Suche nach geeigneter Software stieß Posselt auf das Twitterlehrerzimmer. „Ich habe festgestellt, dass man dort schnell Antworten bekommt“, sagt sie. Beim baden-württembergischen Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) habe sie hingegen lange warten müssen.

„Uns hat in Baden-Württemberg eine niederschwellige Möglichkeit gefehlt, uns als Lehrer auszutauschen.“ Die hat Posselt im Twitterlehrerzimmer gefunden. Dabei geht es nicht nur um Posts unter #twitterlehrerzimmer, die Nutzer verabreden sich auch zu Videokonferenzen und Workshops, sogenannten Barcamps. „Ich habe schon im April 2020 am ersten Barcamp teilgenommen“, schwärmt Posselt. „Da habe ich unglaublich viel gelernt.“ Veranstaltet hat es Andreas Hofmann. Der ehemalige Realschullehrer aus Oldenburg bietet mit der Veranstaltungsreihe „mobile Schule digital“ monatlich kostenlose Online-Tagungen an, die mittlerweile mehrere Tausend Teilnehmer haben sollen.

Wie Susanne Posselt scheint es vielen Lehrern zu gehen. Zumindest legt das eine Studie des Tübinger Bildungsforschers Tim Fütterer nahe. Zusammen mit Kollegen hat er untersucht, was im Twitterlehrerzimmer vor und während der ersten Schulschließung im März 2020 los war. Dafür hat er knapp 130 000 Tweets von rund 21 000 Usern analysiert. Das Ergebnis: Das Twitterlehrerzimmer hat durch die Schulschließung einen deutlichen Schub erfahren: Die User waren aktiver und viele Personen sind neu eingetreten, sagt Fütterer.

Digitaler Unterricht sei im Twitterlehrerzimmer auch schon vorher ein Thema gewesen. Während der Schulschließung fragten die Lehrer besonders oft nach kostenloser und datenschutzkonformer Software, aber auch die hohe Arbeitsbelastung war Thema. Dadurch, dass das echte Lehrerzimmer weggefallen ist, kann angenommen werden, dass viele im Netz nach sozialer Unterstützung suchen, sagt Fütterer.

Biographische Daten der User hat er nicht erfasst. Fütterer vermutet aber, dass sich im Twitterlehrerzimmer digitalaffine Lehrerkräfte jeden Alters tummeln. Er nennt sie Medienenthusiasten. „Wenn die schon Bedarf zum Beispiel an Software haben, kann man vermuten, dass die, die nicht so medienaffin sind, erst recht herausgefordert sind“, sagt er.

Ihre Interessen vertreten die Lehrer auf Twitter mittlerweile lautstark. „Wir haben relativ wenig Lobby“, sagt Posselt. „Wer vertritt uns, wenn nicht wir?“ So startete der „Netzlehrer“ Bob Blume im November auf Twitter die Aktion „Hört uns zu!“, die sich an die Bildungspolitiker und Kultusministerien richtete. 50 Lehrerinnen und Lehrer schickten ihm 15-sekündige Clips, die Blume zu einem Video zusammengeschnitten und mit seinen damals rund 12 000 Followern geteilt hat. Der 38-jährige Lehrer aus Bühl (Kreis Rastatt) ist seit 2012 auf Twitter aktiv und von Anfang an im Twitterlehrerzimmer dabei. Den Hashtag #twitterlehrerzimmer gibt es vielleicht seit drei Jahren, sagt Blume. „Davor waren es andere Hashtags, unter denen Lehrer diskutiert haben.“

Ganz ohne Streit geht es im Twitterlehrerzimmer jedoch nicht zu, sagt Blume. „Wie frei soll Bildung sein? Was ist gute Bildung? Wie viel Selbstbestimmung und wie viel Kontrolle soll es geben?“ Bei diesen Fragen kochten die Gemüter immer wieder hoch. Beim Vorgänger #edchatde sei der Streit so eskaliert, dass sich die Veranstalter zurückzogen.

Probleme wegen seiner regen Tätigkeit im Netz hat Blume bisher keine bekommen. Nur einmal wurde seine Schulleitung angerufen, weil er auf Instagram ein Foto geteilt hatte, auf dem Schüler zu erkennen waren. Er hatte aber die Einverständniserklärung von allen Schülern.

Zum Artikel

Erstellt:
25. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App