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Astronomie

Das Weltall kann man auch hören

Der blinde Astronom Gerhard Jaworek widmet sich Sonne, Mond und Sternen. Er unterscheidet sie mithilfe von Klängen und entwickelt Materialien für Sehbehinderte.

12.10.2019

Von LSW

Mit einer ertastbaren Sternenkarte: der blinde Astronom Gerhard Jaworek am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Foto: Uli Deck/dpa

Karlsruhe. 50th Anniversary Apollo 11“ steht auf dem T-Shirt von Gerhard Jaworek. Das Jubiläum der Mondlandung vor 50 Jahren hat ihn in den vergangenen Monaten in Atem gehalten – nicht nur, weil er selber 50 Jahre alt ist. Jaworek, Diplom-Informatiker am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), erforscht das Weltall. Er ist nach Angaben der Astronomischen Gesellschaft (AG) deren einziges blindes Mitglied.

Den Kosmos ohne Augenlicht erfahren und erforschen – wie kann das sein? Jaworek ist von Geburt an blind und beantwortet solche Fragen routiniert. „Was vom All theoretisch zu sehen ist, ist nicht mehr als vier oder fünf Prozent.“ Der Rest sei dunkle Materie, mithin sowieso unsichtbar für alle.

Jaworek hat sich auf die inklusive Astronomie, also Astronomie für Menschen mit und ohne Behinderung, spezialisiert. Er hält Vorträge, war dafür im September auf der AG-Jahrestagung in Stuttgart und hat auch ein Buch geschrieben: „Blind zu den Sternen – Mein Weg als Astronom“. Zudem entwickelt er Materialien wie 3-D-Modelle und tastbare Sternenkarten, die anderen Sehbehinderten den „Blick“ auf die Sterne erleichtern sollen.

„Zwar hat Jaworek Astronomie nicht studiert, aber was er im Bildungsbereich tut, ist schon außergewöhnlich“, sagt die Astronomin Susanne Hüttemeister, die Chefin des Planetariums in Bochum. „Ich würde ihn innerhalb der Astronomischen Gesellschaft eigentlich den Fachleuten zuschlagen.“

„Viel Radioprogramm im Weltall“

Gefühlt schon immer beschäftigte er sich mit Astronomie, sagt Jaworek. Als Kind waren es Filme und TV-Serien wie „Raumschiff Enterprise“ und „Star Wars“, die sein Interesse geweckt haben. Später kamen wissenschaftliche Formate hinzu sowie ein intensives Studium der Fachliteratur – „und irgendwann habe ich festgestellt, dass Astronomie inklusiv ist“, also auch für Menschen mit seiner Behinderung erfahrbar und erlernbar.

Astronomische Sachverhalte seien hörbar, sagt Jaworek. Jede Art wissenschaftlicher Daten, beispielsweise über die Umlaufbahnen der Planeten, könnten in Klang übertragen werden. Jede Umlaufbahn klinge anders, sagt er, und führt vor: „die Merkurbahn – sehr elliptisch mit lautem Pfeifen.“ Der Jupiter klinge ganz tief, weil der Asteroidengürtel dazwischen sei.

Auch wenn es wegen des Vakuums keinen direkten Schall im Weltraum gebe: „Es gibt viel Radioprogramm im Weltall.“ So könne man Sonnenausbrüche oder Pulsare dank ihrer starken Magnetwellen hören. „Und wenn zwei schwarze Löcher verschmelzen, dann klingt das wie eine Schwingung der Raumzeit. Schwer zu erklären.“

Der Physiker Markus Pössel vom Heidelberger Haus der Astronomie am Zentrum für astronomischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bestätigt: „Blindheit steht der Astronomie in keiner Weise entgegen. Die astronomische Wissenschaft ist von der Sternenguckerei mit bloßem Auge weitgehend entkoppelt.“

Objekte wie Galaxien oder schwache Sterne sind mit dem bloßen Auge nicht sichtbar. Die Daten werden umgewandelt – für Sehende in Bilder, für Blinde in Klang. In bestimmten Disziplinen wie der Astronomie biete es sich an, Dinge hörbar zu machen, sagt Pössel. Jaworek sagt, das habe schon die Schule der Pythagoreer im alten Griechenland gelehrt.

Auch wie die Planeten sich anfühlen, weiß Jaworek. In seinem Büro stehen 3-D-Ausdrucke mehrerer Himmelskörper, die er anfertigen ließ und auf Vorträgen zeigt. Mars, Merkur, Jupiter und andere; Krater, Schluchten, Berge kann er darauf ertasten. „Ich verfolge die Wissenschaft und versuche sie inklusiv zu erklären.“ Dass drei Physiker für ihre Arbeit zur Evolution des Universums soeben den Nobelpreis erhalten haben, freut ihn sehr.

„Ich kann mir schon eine Vorstellung vom Sternenhimmel machen“, sagt Jaworek. Noch bevor es im April das erste Foto eines Schwarzen Lochs gegeben habe, habe er gesagt: „Leute, das wird aussehen wie ein Donut.“ So war es auch. Anika von Greve-Dierfeld

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Erstellt:
12. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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