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Das Unbehagen am Lied der Deutschen
Hoffmann von Fallerslebens eigenhändige Niederschrift. Foto: epd
Vor 175 Jahren entstand der Hymnen-Text

Das Unbehagen am Lied der Deutschen

Bei Olympia ist sie derzeit häufiger zu hören: die deutsche Nationalhymne – natürlich nur die dritte Strophe. Der Text wurde vor 175 Jahren gedichtet.

20.08.2016
  • THOMAS MORELL, EPD

Helgoland. Kein deutsches Lied hat so viel Publikum wie die Nationalhymne. Bei jeder Olympia-Medaille und jedem Fußball-Länderspiel achten die Fans darauf, welcher Sportler die Hymne wirklich mitsingt. Vor 175 Jahren, am 26. August 1841, hat der Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) auf Helgoland das „Lied der Deutschen“ geschrieben – die Melodie stammt aus Haydns „Kaiserlied“. Jetzt will die Nordsee-Insel das Jubiläum feiern.

Deutsch war der Entstehungsort des Deutschlandlieds strenggenommen nicht. Helgoland zählte zu jener Zeit zu Großbritannien, und das Friesisch der Helgoländer wurde allenfalls noch auf Sylt und Amrum verstanden. Vier Wochen lang hielt sich Hoffmann von Fallersleben im August 1841 dort auf, um sich zu erholen. Die Einsamkeit zwischen Himmel und Meer tat ihm offenbar gut. „Da ward mir so eigen zu Muthe, ich musste dichten und wenn ich auch nicht gewollt hätte“, erinnerte er sich später. Drei Tage nach der Niederschrift kaufte sein Verleger Julius Campe das Gedicht spontan für vier „Louisdor“, was heute schätzungsweise 800 Euro entspräche.

„Deutschland, Deutschland, über alles / über alles in der Welt“ – vor allem die ersten Zeilen des Liedes gelten heute als Zeichen für eine nationalistische Überheblichkeit. Damals konnten sie auch anders verstanden werden: Die deutsche Nation sollte sich über all die zahlreichen Königreiche, Großherzogtümer, Grafschaften, Fürstentümer und Hansestädte wölben, in denen seinerzeit Deutsch gesprochen wurde.

Allerdings zog Hoffmann von Fallersleben die Grenzen recht großzügig „von der Maas bis an die Memel“: Die Maas durchfloss das Herzogtum Limburg im heutigen Belgien, die Memel markierte damals die Nordgrenze von Ostpreußen, die heutige russische Region Kaliningrad. „Von der Etsch bis an den Belt“: Die Etsch in Südtirol gehörte zu Österreich und heute zu Italien, der Kleine Belt markierte seinerzeit die Nordgrenze des Herzogtums Schleswig im heutigen Dänemark.

Hoffmann von Fallersleben galt als ein kritischer Oppositioneller. Wegen seines Engagements für ein einheitliches Deutschland und seiner liberalen Gesinnung wurde der Germanistik-Professor 1842 von der preußischen Regierung ohne Pension entlassen. Ein Jahr später entzog man ihm die preußische Staatsbürgerschaft. Hoffmann wurde insgesamt 39 Mal ausgewiesen und zog ruhelos durch Deutschland.

Seine oppositionelle Haltung sollte über seine nationalistische Gesinnung nicht hinwegtäuschen. Franzosen schmähte er als „Scheusale der Menschheit“ und „tolle Hunde“. Den Juden hielt er in seinem Gedicht „Emancipation“ vor: „Willst du von diesem Gott nicht lassen, nie öffne Deutschland dir sein Ohr“.

Es war aber dann ein Sozialdemokrat, Reichspräsident Friedrich Ebert, der das „Lied der Deutschen“ 1922 zur Nationalhymne erklärte. Dabei war „Deutschland über alles!“ bereits im Ersten Weltkrieg als Schlachtruf deutscher Soldaten bekannt. Zum kriegstreibenden Kampflied stieg es auf, als die Nationalsozialisten dann nur noch die erste Strophe zuließen und sie mit dem „Horst-Wessel-Lied“ verbanden.

Nach Kriegsende 1945 wurde wieder eine Nationalhymne gesucht. 1952 entschied ein Briefwechsel zwischen Bundespräsident Theodor Heuss und Kanzler Konrad Adenauer, dass das „Lied der Deutschen“ Nationalhymne bleiben sollte – allerdings nur die dritte Strophe.

Interessant wurde die Frage noch einmal bei der Wiedervereinigung 1990. Angeboten hätte sich auch die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“, die Nationalgefühl mit der Hoffnung auf Frieden und Sonne für Deutschland vereint. Zudem steht in der ersten Strophe das Wende-Motto „Deutschland, einig Vaterland“. Doch Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl beharrten auf dem Deutschlandlied.

Wie empfindlich die deutsche Seele noch immer reagiert, musste vor wenigen Tagen Gold-Medaillen-Gewinner Christoph Harting erfahren, als er auf dem olympischen Siegertreppchen zur Nationalhymne schunkelte. Ärger hatte auch schon Sarah Connor vor einigen Jahren, als sie im Bayern-Stadion statt „Blüh im Glanze“ versehentlich „Brüh im Lichte dieses Glückes“ sang.

Die Helgoländer wollen das Jubiläum am 26. August übrigens würdig und auch fröhlich feiern. Erwartet wird eine Delegation aus Hoffmanns Geburtsort Fallersleben, einem Stadtteil von Wolfsburg, die ein eigens gebrautes Festbier mitbringt. Beim offiziellen Festakt wird dann das Haydn-Quartett auch die Nationalhymne spielen.

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20.08.2016, 06:00 Uhr
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