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Quartier der Polizei

Das Tübinger Rathaus von hinten gesehen

TÜBINGEN. Vom gleichen Standort aus sollen historische Stadt-Ansichten ein weiteres mal vor die Linse geholt werden. Den Betrachtern eröffnen sich in dieser Serie überraschende Szenen.

08.08.2005
  • Udo Rauch, Leiter des Tübinger Stadtarchivs

Das Rathaus gehört unbestritten zu den meist fotografierten Tübinger Sehenswürdigkeiten. Leider blieb jedoch das Interesse der Fotografen stets auf die Schauseite beschränkt. Kaum einer der frühen Tübinger Lichtbildner hat seine Plattenkamera auf die Rückseite gerichtet. Dabei hätte gerade diese ungewöhnliche Perspektive etwas mehr Interesse verdient, denn der rückwärtige Anbau an der Haaggasse wurde 1907 abgebrochen und damit die ganze bauliche Situation grundlegend verändert.

Immerhin eine Aufnahme von Julius Wilhelm Hornung belegt den ursprünglichen Zustand. Sie dürfte kurz vor dem Abbruch entstanden sein. Der Königliche Hofphotograph saß zu jener Zeit für die Deutsche Partei im Gemeinderat. Vielleicht erklärt das sein besonderes Interesse. Seine Aufnahme des Rathauses von hinten ist dank glücklicher Umstände vor wenigen Jahren ins Stadtarchiv gelangt.

Festsaal der Bürgerschaft

Ganz rechts im Hornung-Bild entdeckt man noch den alten Haupteingang zur Lederbühne, heute der Sitzungssaal des Gemeinderats. Die drei Stufen im Bild markieren seine genaue Lage. Der große Rathaussaal besaß also ursprünglich einen direkten Zugang von der Haaggasse aus. Das hatte sicherlich viele praktische Vorteile für den Transport der Lederwaren, die hier zum Verkauf angeboten wurden und somit fast ebenerdig angeliefert werden konnten. Auch die Tübinger Ehrbarkeit mag diesen Zugang sehr geschätzt haben. Denn an den Wochenenden hat man die Waren bei Seite geräumt und die Lederbühne als Festsaal der Bürgerschaft benutzt.

Die Rückseite des alten Rathauses von 1435 erscheint nur wenig gestaltet. Es ist jedoch bekannt, dass hier in alter Zeit eine Außentreppe existierte. Sie führte direkt in die nächste Etage hinauf, wo im Öhrn der Stadtrat und das württembergische Hofgericht empfangen wurden. Die Herren Richter und Räte verfügten also über einen standesgemäß separaten Aufgang, der unabhängig vom Kaufhausbetrieb der unteren Stockwerke war.

Nur zur Erinnerung: Auch im Erdgeschoss zum Marktplatz hin herrschte reges Treiben beim Verkauf von Brot, Salz und Fleisch. Ein bemerkenswertes Element auf der Rathausrückseite ist die Uhrentafel mit ihren römischen Ziffern. Sie hat sich zwar in ihrer Lage und ihrem Aussehen etwas verändert, blieb aber erfreulicherweise erhalten. Heute wie damals wird sie von der bald 500 Jahre alten astronomischen Rathausuhr angetrieben. Dafür werkelt im Inneren des Gebäudes – nicht ganz lautlos – ein aufwändiges Gestänge, das außer dem Zifferblatt an der Haaggasse noch zwei weitere Uhrentafeln in den Sitzungssälen anzutreiben hat.

Die Uhr an der Rathausrückseite ist nicht etwa für die wenigen Anwohner an der Haaggasse eingerichtet worden, sondern eine Erinnerung daran, dass sich der Haupteingang des Gebäudes hinten befand. Sie diente den hohen Herren, die hier ins Gericht eilten und den zahlreichen Kunden, die das Kaufhaus frequentierten. Sie dürfte aber auch eine kleine Erinnerung daran sein, dass das Plätzchen an der Haagasse – heute Wendeplatte – ursprünglich ein wichtiger Versammlungsort war. Hier, auf dem so genannten Rübenmarkt, trafen sich die Männer der ersten Wacht, bevor sie gemeinsam zum Löschen von Bränden oder zur Verteidigung der Stadtmauern ausrückten.

Nachts arretiert

Der Baugrund hinterm Rathaus war ursprünglich in Privatbesitz, den die Stadt erst 1543 von dem Privatmann Dominicus Weygoldt erworben hatte. Bald darauf wurde der im Bild sichtbare Anbau errichtet. Den neuen Rathausflügel benutzte man teils als Salzhaus, teils als Deutsche Schule. Beide Einrichtungen verlegten die Stadtoberen später ins Kornhaus an den Ammerkanal. Mitte des 19. Jahrhunderts fand hier die städtische Polizei ihr Quartier. Die Aufschrift Polizeiwache stand bis zum Abbruch 1907 über der Tür und wies auf die obrigkeitliche Aufgabe hin, die hier wahrgenommen wurde.

Zahllose Delinquenten wurden hier nachts eingeliefert und arretiert. Vor allem die Studenten konnten mit ihren Saufgelagen und Ulken die städtische Polizei zur Weißglut bringen. Zu den häufigsten Delikten in der Kaiserzeit zählten die nächtliche Ruhestörung, der grobe Unfug und das zu schnelle Reiten. Beliebt war auch das heimliche Abschrauben von Hinweis-, Verbots- und Firmenschildern, die dann als Trophäen auf den Verbindungshäusern landeten. Dies kam so häufig vor, dass die Polizei die Verfolgung schließlich aufgab.

Mit gleicher Liebe

Ob gut erfunden oder wahr: Das Treppchen von der Burgsteige herunter endete genau vor der Polizeiwache in der Haaggasse. Ab- und zu nutzten die jungen Herren die günstige Gegebenheit und schubsten ein Bierfässchen die Staffeln hinunter. Unterwegs nahm es kräftig an Fahrt auf, um dann mit Getöse gegen die Polizeiwache zu krachen. Wenn dann unten die Tür aufging, war natürlich oben keiner mehr zu sehen.

1907 fand dieser Sport ein Ende. Der Rathausanbau wurde abgebrochen und in den beiden Jahren darauf durch einen Neubau ersetzt. Wie so oft hatte Stadtbaumeister August Geilsdörfer einen ungeschickt altmodischen Entwurf geliefert. So holte man den renommierten Architekten Paul Schmohl, dessen Pläne dann zur Ausführung kamen. Schmohl gehörte zu den Mitbegründern der Schwäbischen Heimatschutzbewegung und war Spezialist für das angepasste Bauen im historischen Umfeld. Seine Entwürfe greifen die ältere Architektursprache mit ihren Dächern, Giebeln und Gauben auf, ohne dabei seine eigene moderne Zeit zu verleugnen. In den „Tübinger Blättern“ hieß es damals hymnisch, dass ganz Altes und später Hinzugekommenes mit gleicher Liebe berücksichtigt worden seien. In Tübingen hat man Schmohl immer wieder gerne geholt, so zum Beispiel auch bei der Umgestaltung des Bürgerheims und Fruchkastens 1909.

Das Tübinger Rathaus von hinten gesehen
Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1907 befand sich auf der Rathausrückseite die Polizeiwache.

Das Tübinger Rathaus von hinten gesehen
Errichtet von Paul Schmohl in der markanten Architektursprache des frühen 20. Jahrhundert.

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08.08.2005, 12:00 Uhr
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