Wo ist der Rainer?

Das Tübinger Ract!-Festival lockte am Wochenende Tausende von Besuchern an

Es klingt wie ein Klischee, doch das Ract!-Festival am Tübinger Anlagensee hatte Woodstock-Flair: Tausende flanierten über das Gelände oder ließen sich vor einer der drei Bühnen oder an der Dub-Station nieder.

16.06.2013

Von Michael Sturm

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Tanzen vor historischer Kulisse: Im Hintergrund das Schloss Hohentübingen, vorne das Ract!-Festival, 2013 wieder am angestammten Platz im Park am Anlagensee. Das Publikum war schon am frühen Samstagabend in Bewegung...

... und sollte es bleiben: Auf drei Bühnen gab es Rock, Rap und Reggae.

Auch das gehört zum Ract!-Festival: Platz zum Sprühen für Anfänger und Fortgeschrittene.

Richtig voll wurde es erst am Abend: Die Bands am Nachmittag hatten nicht immer den Publikumsandrang, den sie verdient gehabt hätten.

Liebesbotschaft aus der Dose: Gesehen an der Graffiti-Wand .

Programmatischer Bestandteil des Umsonst & Draußen-Festivals ist auch die Politik (hier eine Live-Diskussion am Stand des Senders Wüste Welle).

Ein Bett im Baum: So könnte auch eine Baumbesetzung aussehen.

Blauer Dunst: An der Dubstation auf dem Basketball-Platz waren Shishas aufgebaut...

... und gigantische Boxentürme jagten wummernde Bass-Beats in die Tanzwütigen.

Vom Jamclub auf die Ract!-Bühne: Das Neue Haus.

Bei perfektem Festival-Wetter war die Atmosphäre beim Ract! 2013 ganz entspannt.

Die Qual der Bühnen-Wahl: Johann van der Smut (vorne) oder lieber Suit Up (hinten)?

Zahlreiche freiwillige Helfer machen das Ract! möglich - ohne ihren Einsatz ginge gar nichts.

Manarun machten den Abschluss auf der Bühne Ost.

Mit viel Gefühl: NIL auf der Bühne Mitte.

Singen geht auch mit Hand in der Tasche: "More Colors" auf der Bühne OSt.

Rap und Hip-Hop waren wieder gut vertreten, hier mit den Flowristen.

Chillen auf dem Rasen: Wem es zu warm war, der legte sich ab.

Darf nie fehlen: Ein Kicker, für die, die immer kickern.

Die Grüne Jugend klärte auf: So viel Wasser wird eingesetzt, um die paar Würstchen zu produzieren.

Wer auf Fleisch lieber verzichten will, konnte sich beim Workshop "Kochen ohne Knochen" schlau machen, wie_APOSTROPHE_s trotzdem schmeckt.

Wer schon immer lernen wollte, wie man auf der Slackline die richtige Balance findet, hatte bei einem Workshop die Chance dazu.

Das Ract! 2013 war ordentlich besucht, aber nie brechend voll...

... auch wenn sich die Besucher immer wieder vor den Bühnen mit ihren Lieblingen ballten (hier der Blick über die Schulter von Zweiplus).

Man mit Hut haut in die Tasten: Waste aus Bayreuth und die ganz schnelle Version von Pop.

Offene Bedürfnisanstalten gegen Gebüschpinkler, das fanden manche gewöhnungsbedürftig.

Tübingen. Bands, viele aus der Region, mit frischer Musik und Informationen zu nachhaltigerem Leben – das Ract-Festival bot wieder viel für die Sinne und den Verstand. Der Andrang im Konzertbereich begann am Freitag ab 18 Uhr. Während des Auftritts von Misou auf der Bühne Ost verdoppelte sich die Menge. Es wurde an diesem Abend jedoch nie zu voll. Man musste sich durch keine Menge kämpfen und vor den Bühnen genossen viele Zuhörer die Musik im Sitzen oder Liegen.

Gelegentlich wurde jemand auf die Bühne geholt: Die Band Lingulistig bat den Rottenburger Jakob Reuter, Schlagzeuger und Basser, einen Groove einzugeben. Die 14-jährige Pfullingerin Clara Birk hatte ihren ersten professionellen Auftritt, als Mitglied der sehr präzisen HipHop-Tanzgruppe LU-Dance aus dem Tübinger Loretto-Viertel.

Je später am Abend, desto weniger Liegende und Sitzende vor den Bühnen. Die Holländer De Staat galten für viele als Geheimtipp. Die kantigen Riffs der Alternativ-Rocker aus dem niederländischen Nijmegen zogen schon viel Publikum an. Auf halb elf zu hatten einige Festival-Gäste Entscheidungen zu treffen, wie Sascha Stasch, der mit einigen Freunden aus Vellberg bei Schwäbisch Hall anreiste. „Wo ist der Rainer?“ Er meinte Rainer von Vielen, der mit Band auf der mittleren Bühne spielte und eine ganz eigene Melange aus Volksmusik, Heavy Metal und Obertongesang kreiert hat. „Und wer spielt hier?“ Der Besucher aus Vellberg meinte die Bühne West. Da begann gerade der Berliner Rapper Tapete mit Combo. „Oh Mann, die sind auch gut“, sagte Sascha Stasch. Er hätte gleichzeitig noch die Option gehabt, sich den Roots-Reggae von Ganjaman und Uwe Banton auf der Bühne Ost anzuhören.

Eine der umjubelten Bands beim Festival im Tübinger Anlagenpark: begeisterte Fans beim Auftritt der Tübinger Rapper Zweiplus. Bild: Sommer

Tags darauf freute sich Jörg Honecker, Macher des Tübinger Jamclubs, dass mit Das Neue Haus und Suit Up zwei Bands hintereinander weg auftraten, die erfolgreich an Band-Contests des Jamclub teilgenommen hatten: „Man freut sich, Bands auf dem Ract! zu sehen, die man eine Zeit lang begleitet hat.“ Aber auch die Auswärtigen überzeugten: Ob Waste, Manarum, Johann van der Smut oder Herr von Grau – am Samstag waren einige Geheimtipps in Tübingen, die sich als großartige Livebands erwiesen.

In den seltenen Fällen, in denen auf allen drei Bühnen für die jeweils nächste Band umgebaut wurde, war die Dub Station ganz hinten auf dem Basketballplatz der richtige Ort, um im Groove zu bleiben. Hier drängelte sich nicht etwa das junge Gemüse, im Gegenteil: Hier war das Publikumaltersmäßig erstaunlich gut durchmischt.

Zu essen gab es klassisch Currywurst mit Pommes, aber auch indische Küche und den Baumstriezel, ein aus Ungarn stammendes süßes Gebäck. Obwohl die Getränketheken gut besucht waren, gab es kaum Schlangen – es war genügend Personal da. Und weil die Flüssigkeit irgendwann immer aus dem Körper drängt, gab es an vielen Ecken Toiletten. Um männliche Festivalbesucher vom Wildpinkeln abzuhalten, wurden Urinboxen aufgestellt, an denen vier Mann gleichzeitig Platz hatten. „Das ist generell eine gute Idee“, sagte Helena Wachter aus Tübingen, während sie auf ihren Freund Paul Schuler wartete. Dieser fand: „Im Hellen ist das ein bisschen komisch, da hinzustehen, weil es sehr offen ist. Aber es geht.“

Neben den politischen und sozial engagierten Gruppen, die ihre Stände entlang des Seeufers aufgebaut hatten, gab es vereinzelt Leute, die auf ganz anderes aufmerksam machten. Eine Gruppe aus Hechingen lief mit Din-A4-Ausdrucken herum, die den Star-Wars-Helden Han Solo zeigten. Zum Text: „It?s dangerous to go solo / Take a Wookie with you“ konnte man sich unten – ähnlich wie bei studentischen Wohnungssuchanzeigen – kleine Zettel abreißen, auf denen Han Solos haariger Partner Chewbacca – ein „Wookie“ – abgebildet war. Mit dieser Aktion wollte Initiator Tom Alt „einfach die Leute zum Lächeln bringen“. In den meisten Fällen klappte das auch.

Die Workshops, die ihr Publikum zu nachhaltigerem Leben durch die Veränderung des allgemeinen Konsumverhaltens animieren wollten, waren teils spärlich besucht: „Jugendliche sehen das Ract! in erster Linie als Musikfestival“, stellte Harald Petermann fest. Die Gruppe Fian, die Petermann vertritt, macht auf Menschenrechtsverletzungen im Kampf um Wasser und Anbauflächen aufmerksam. Der Tübinger Weltladen gestaltete einen Workshop zum Thema Kleiderproduktion. Woanders wurde innerhalb weniger Minuten ein veganes Menü gekocht und gezeigt, wie viel Wasser, Energie und Schadstoffausstoß beim Kochen gespart werden kann. In einem anderen Zelt informierten sich 30 Leute über die Datenspeicherung bei Facebook.

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Erstellt:
16. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2013, 12:00 Uhr

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