Die letzten Tage

Das Tübinger Karmel-Kloster wird aufgelöst

Der Edith-Stein-Karmel in der Neckarhalde ist heute Tübingens einziges Kloster. Nach dem Willen der Kirche soll es jetzt aufgegeben werden. Auch wenn es den beiden verbleibenden Ordensschwestern schwerfällt, den Auszug mit ihrem spirituellen Auftrag in Einklang zu bringen.

21.08.2011

Von Ulrike Pfeil

Tübingen. Schwester Waltraud Herbstrith, 82, ist eine der beiden Karmelitinnen, die noch in der „Hügelei“, einer stattlichen Landhausvilla am südlichen Hang über dem Schlossbergtunnel, ausharren. Zu den besten Zeiten, in den 1990er Jahren, lebten hier elf Nonnen des kontemplativen Ordens, der seinen Namen vom Berg Karmel in Israel ableitet und in seiner Ordensregel auf die Mystikerin Teresa von Avila zurückgeht. Aber für die schwindende Zahl und das zunehmende Alter der Schwestern wurde das Haus allmählich zu beschwerlich.

1978 machte sich eine kleine Gruppe von Kölner Karmelitinnen auf, um in Tübingen eine neue Ordenszelle zu gründen. Der damalige Bischof Georg Moser unterstützte die Idee und stellte den Nonnen das Haus zur Verfügung, das der Kirche von der Adelsfamilie von Hügel überlassen worden war – daher auch der Name „Hügelei“. Die Gründungsschwestern, zu denen Herbstrith (Schwester Teresia) gehörte, benannten ihr Kloster nach der Philosophin Edith Stein. Die 1922 zum Katholizismus konvertierte Jüdin trat mit 42 Jahren den Karmelitinnen in Köln bei. 1942 wurde sie von den Nazis in Auschwitz ermordet.

Edith Stein wurde für den Tübinger Karmel mehr als eine Namensgeberin: Die Germanistin und Theologin Waltraud Herbstrith ist eine Edith-Stein-Forscherin; sie schrieb mehrere Bücher über die große Karmelitin (das jüngste ist 2010 erschienen) und baute in einem Raum des Hauses ein umfangreiches Edith-Stein-Archiv auf: Publikationen von und über Edith Stein, aber auch Bilder, Filme und anderes Material, neun große Schränke voll.

Vorträge, Besinnung, Gottesdienste

Obwohl sie mehrere Stunden am Tag mit Gebeten und Meditation verbringen, betrachteten die Tübinger Karmelitinnen ihre „Zelle“, wie kleine Klöster auch genannt werden, nie als einen der Gesellschaft abgewandten Ort. Sie nahmen in Gästezimmern Menschen auf, die für eine Zeit Besinnung suchten. Die Messen in der Hauskapelle waren öffentlich, und viele, auch evangelische, Theologen kamen zu Gastvorträgen und religiösen Gesprächen mit den fortschrittlich denkenden Nonnen ins Haus. In Tübinger katholischen und ökumenischen Kreisen war der Edith-Stein-Karmel eine Zeitlang durchaus populär. Die Gottesdienste, die 30 Jahre vom Alttestamentler Prof. Walter Groß, dem Hausgeistlichen, gehalten wurden, hatten ihre eigene kleine Gemeinde; zuletzt kamen noch etwas mehr als ein Dutzend Besucher. Der Abschlussgottesdienst fand bereits im Juli statt.

In den ersten Jahren schlossen sich immer wieder junge Schwestern dem Tübinger Karmel an. Doch gelang es nicht, die Verjüngung über einen längeren Zeitraum zu halten. Nach der Aussage von Diözesansprecher Uwe Renz befand sich das Kloster schon einige Zeit in einem „schleichenden Auflösungsprozess“, der in den letzten Jahren durch den Tod einer Mitbegründerin, Schwester Anna Maria, die Heirat einer anderen Schwester und den gesundheitlich bedingten Wegzug einer älteren Nonne beschleunigt wurde. Von den danach noch vier Schwestern wählten zwei, darunter die letzte Priorin, den Auszug in einen anderen Karmel.

Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst und der in der Diözese für den Orden zuständige Weihbischof Thomas Renz (beide derzeit im Urlaub) suchten seit längerem nach einer Lösung für die beiden verbliebenen Schwestern. Das Haus, sagt der Diözesan-Pressesprecher, sei von den beiden 67 und 82 Jahre alten Frauen nicht mehr zu betreiben und müsse außerdem dringend saniert werden. Nach einer laut Diözese „einvernehmlichen Entscheidung“ können die Frauen im Betreuten Wohnen des katholischen Luise-Poloni-Heims in Lustnau zwei gegenüberliegende, „nagelneue“ Zwei-Zimmer-Wohnungen beziehen. „Sie bleiben Karmel-Schwestern“, betont der Pressesprecher, auch wenn der Tübinger Karmel aufgelöst werde. Die beiden Nonnen würden formal von einem anderen Karmel aufgenommen. Die erforderliche beiderseitige Zustimmung liegt allerdings noch nicht vor.

Kirchenrechtlich ist die Angelegenheit kompliziert. Denn die Karmeliter unterstehen direkt dem Papst, weshalb die letzte Entscheidung über die Aufhebung des Karmel in Rom getroffen wird, von der „Kongregation für das geweihte Leben“. Die Rottenburger Diözese geht jedoch davon aus, dass diese der Entscheidung nicht widerspricht, zumal ein Pater aus dem Orden bereits die Alterslösung für die beiden Schwestern befürwortet habe.

Während ihre Mitschwester bereits in die neue Wohnung übersiedelt ist, kann sich Waltraud Herbstrith noch nicht bereitfinden, die selbst gewählte und autonome klösterliche Lebensform aufzugeben. „Wir haben uns selbst gegründet“, sagt Herbstrith; sie bestreitet das Recht des Bischofs, über sie zu verfügen. Die Unabhängigkeit der kleinen Ordenszellen sieht sie als wichtiges Erbe der Ordensreformatorin Teresa von Avila, eine demokratische Ansage gegen die hierarchisch organisierten „Großklöster“.

Der Vorschlag mit den Wohnungen in Lustnau sei für sie unannehmbar, sagt Herbstrith, denn dort fehle die Möglichkeit, andere zur Meditation einzuladen; es gebe keinen eigenen Raum für die Gebete. Besonders belastet sie, dass die Zukunft des Edith-Stein-Archivs noch offen ist. Herbstrith würde es am liebsten den Theologen an der Tübinger Universität übereignen, damit es dort weitergepflegt wird. Diözesansprecher Renz sichert zu, dass es „fachgerecht weiter betreut“ werden soll.

Was weiß der Bischof vom „Inneren Beten“?

Waltraud Herbstrith, die von den kirchlichen Reformen und der Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils unter Papst Johannes XXIII. geprägt wurde, interpretiert die Absicht der Karmel-Auflösung auch als eine Geringschätzung der Amtskirche für freie Formen der Glaubenspraxis und der individuellen Gottesbeziehung. Das „Innere Beten“, vermutet sie, sei dem Bischof fremd.

Der von der Diözese angesetzte Umzugstermin, der 4. August, ist inzwischen verstrichen. Aber nur eine Schwester ist aus dem Karmel ausgezogen. Herbstriths Mutmaßung, dass die Diözese die Nonnen vor allem ausquartieren wolle, um Zugriff auf das Haus zu haben, weist Pressesprecher Renz zurück. Was mit dem Gebäude geschehen solle, sei „noch völlig offen“.

Das „Innere Gebet“, die Meditation, gehört zu den täglichen Übungen des betrachtenden Ordens der Karmelitinnen, hier Schwester Waltraud Herbstrith in der Hauskapelle des Tübinger Karmel unter einem Relief von Edith Stein. Bild: Metz

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Erstellt:
21. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. August 2011, 12:00 Uhr

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