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Das Stuttgarter Linden-Museum will sein Erbe aus der Kolonialzeit aufarbeiten
Inés de Castro, Direktorin des Linden-Museums. Foto: privat
Zwischen Schwarz und Weiß

Das Stuttgarter Linden-Museum will sein Erbe aus der Kolonialzeit aufarbeiten

Es ist eine Debatte, in der die Museen in der Defensive sind: Wie soll, wie kann man mit dem kolonialen Erbe umgehen? Das Linden-Museum und die Uni Tübingen starten dazu ein Forschungsprojekt.

17.02.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Stuttgart. Inés de Castro kann da ungehalten werden. Wieso man sofort an Restitution denke, wenn das Wort Provenienzforschung fällt, will die Leiterin des Linden-Museums wissen. Ganz verstehen kann sie es nicht. De Castro ist Chefin eines Völkerkundemuseums, und von innen stellen sich die Dinge anders dar als draußen in der öffentlichen Debatte, in der das Wort Provenienzforschung meist an die Frage gekoppelt ist: Welche unserer Museumsobjekte sind geraubt worden, und müssen sie zurückgegeben werden?

In den Kunstmuseen kochte die Diskussion um Raubkunst mit dem Gurlitt-Skandal hoch. Für die ethnologischen Sammlungen liegt das Epizentrum der Debatte in Berlin, sagt De Castro. Dort, im umstrittenen neuen Schloss, im Humboldt-Forum, sollen die außereuropäischen Sammlungen präsentiert werden, und dagegen hat sich vehementer Protest formiert. "Das vorliegende Konzept verletzt die Würde und die Eigentumsrechte von Menschen in allen Teilen der Welt, ist eurozentrisch und restaurativ", steht auf der Homepage der Bündniskampagne "No Humboldt 21". Die meisten Objekte seien im Zusammenhang mit kolonialen Eroberungen nach Berlin gekommen und würden nun ausgerechnet in der wiedererrichteten Residenz der Preußen gezeigt. Jener Herrscher, die für den Genozid an den Herero in Namibia verantwortlich waren; erst 2015 hat eine deutsche Bundesregierung das auch als Völkermord bezeichnet.

Klar gebe es Defizite, sagt De Castro: "Deutschland hat sich nur wenig mit seiner Kolonialzeit auseinandergesetzt", auch die Museen hätten sich lange Zeit nicht hervorgetan. "Natürlich müssen wir uns dem Erbe stellen." Doch das sei seit 15 Jahren im Umbruch, 2007 habe im Linden-Museum eine Ausstellung zu den Hottentotten stattgefunden, die den Krieg gegen die Nama Namibias thematisierte. Eine "Schwarz-weiß-Diskussion" ohne wissenschaftliches Fundament findet de Castro nicht hilfreich.

Besagtes Fundament will das Linden-Museum nun endlich erarbeiten. In einem Forschungsprojekt mit der Uni Tübingen sollen Herkunft und Biografien kolonialzeitlicher Objekte untersucht werden, ebenso wie der Umgang damit. Zunächst betrifft das Stücke aus Namibia und Samoa. Mehr sei in diesem Zeitrahmen nicht drin, sagt de Castro, schließlich müsse man eine neue Systematik für die kolonialzeitliche Provenienzforschung erarbeiten. Oft existierten überhaupt keine Dokumente über die Herkunft der Objekte. "Uns ist vielfach nicht bekannt, wie sie ins Museums gekommen sind." Erst einmal müssten deren Biografien erarbeitet werden - Restitution stehe nicht im Fokus.

Anders als bei NS-Raubkunst, der ebenfalls nachgegangen werde, gibt es dafür keine rechtliche Handhabe. Eine moralische Verpflichtung schon: So besitzt das Linden-Museum eine Familienbibel der Witbooi aus Namibia, die "allem Anschein nach" 1893 bei einem Angriff deutscher Truppen erbeutet wurde und neun Jahre später als Schenkung ins Linden-Museum kam. Namibia hat darauf Ansprüche angemeldet, und man wolle die Bibel ja zurückgeben, schreibt das Kunstministerium: "Wir wissen gegenwärtig nur noch nicht sicher, wer eigentlich der rechtmäßige Besitzer der Bibel ist!"

Objekte in Völkerkundemuseen entstammten oft der Alltagskultur und hätten eher symbolischen als materiellen Wert, sagt Thomas Thiemeyer vom Tübinger Institut für Empirische Kulturwissenschaften. Inés de Castro geht es deshalb vor allem um den Umgang damit, das also, was die Kritiker des Humboldt-Forums als eurozentrisch kritisieren. Seit Jahren verfolge ihr Museum einen partizipativen Ansatz: "Unsere Häuser werden sich in Zukunft immer mehr öffnen." Sie meint die Zusammenarbeit mit Migranten, den Austausch mit Herkunftsländern: "Die meisten Kulturen sehen ihre Objekte als Botschafter und fordern diese nicht zurück." Das Museum begreife sich nicht mehr als alleiniger Hort der Wahrheit, sondern lasse andere Perspektiven zu: Indigene spielten im Depot Flöte für Objekte, die sie als lebendig begreifen. Momentan überlege man, einen afrikanischen Beirat für die Afrika-Dauerausstellung zu gewinnen. Die Gesellschaft sei ja bereits multikulturell, gerade in Stuttgart: "Wir sind nicht nur Schwaben, wir sind internationale Schwaben."

Da setzt auch der der Tübinger Thiemeyer an: "Uns interessiert der Kontext, in dem Fragen wie Restitution virulent werden." Wieso also kommt die Postkolonialismus-Debatte, die anderswo seit Jahrzehnten geführt wird, jetzt in Deutschland an? Vielleicht sei nun erst Raum dafür, nachdem lange die Aufarbeitung der NS-Zeit dominiert habe, meint Thiemeyer. Vielleicht ist es das gewachsene Selbstbewusstsein von Migranten, die ihre eigenen Themen setzen. Denn die wahnwitzig aufgeheizte und aufgehetzte Debatte um die Flüchtlingspolitik verdeckt, was Inés de Castro im Wissenschaftlerjargon so ausdrückt: "Die Realität ist Diversität."

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17.02.2016, 08:30 Uhr
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