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Patientenverfügung

„Das Sterberisiko ist sehr hoch“

Viele Hochbetagte schließen eine Intensivbehandlung aus. Doch bei einer Covid-19-Erkrankung können sie der nur bedingt ausweichen.

25.04.2020

Von ELISABETH ZOLL

Matthias Thöns ist Palliativ- und Notfallmediziner in Witten. Foto: Bernd Thissen/dpa

Ulm. Hochbetagte dürfen nicht in jedem Fall zu Intensivpatienten gemacht werden. Das sagt der Palliativ- und Notfallmediziner Matthias Thöns.

Viele Menschen fragen sich derzeit, ob ihre Patientenverfügung auch im Fall einer Corona-Infektion noch gültig ist. Machen sich diese unnötigerweise Sorgen?

Matthias Thöns: Nein, das sind berechtigte Sorgen. Eine übliche Patientenverfügung fokussiert den Endzustand einer chronischen Erkrankung. Das ist bei Covid-19 nicht der Fall. Das ist eine akute Erkrankung. Viele Intensivmediziner setzen bei Covid-19 auf eine Maximaltherapie, die mit einer Patientenverfügung eigentlich ausgeschlossen werden sollte.

Kann ein betagter Mensch einer intensivmedizinischen Betreuung überhaupt ausweichen?

Jein. Man müsste dafür die Patientenverfügung um den Satz ergänzen: Im Falle einer Covid-Erkrankung möchte ich keine Beatmung. Ich würde das einem hochbetagten, schwerkranken Menschen sehr ans Herz legen. Das Risiko, dass man im Behandlungsfall einsam am Beatmungsgerät stirbt, ist sehr hoch. Dabei gibt es eine gute Alternative: Palliativmedizin kann Atemnot gut lindern.

Alten- und Pflegeheime entwickeln sich zu Hotspots der neuen Erkrankung. Sind deren Bewohner gut auf die neue Situation vorbereitet?

Nein, leider überhaupt nicht. Nach internationalen Zahlen handelt es sich bei der Hälfte aller Todesfälle um Schwerstpflegebedürftige aus stationären Pflegeheimen. Diese Personengruppe wurde früher zunächst medikamentös behandelt. Verbesserte sich die Lage nicht, wurde ihnen Sauerstoff gegeben, und wenn auch das erfolglos blieb, wog man mit Angehörigen ab, ob eine intensivmedizinische Behandlung mit fragwürdigem Ausgang angestrebt wird oder nicht.

Wie sieht dann die Entscheidung der Angehörigen in der Regel aus?

In 90 Prozent der Fälle haben Angehörige das im Sinne des Patienten abgelehnt. In der jetzigen Situation fehlt dieser dritte Schritt. Jetzt wird ein hochaltriger, fiebriger Mensch mit dem Rettungsdienst in die Klinik gebracht. Da ist vielerorts der Tubus schneller im Hals als man das möchte.

Haben überhaupt genügend Menschen eine Patientenverfügung?

Das ist das eigentliche Drama. Nur jeder dritte Bundesbürger hat solche eine Verfügung. Und bei diesen kann man sich nicht darauf verlassen, dass sie auch hilft. Deshalb ist es höchste Eisenbahn, dass man mit seinen Eltern oder Großeltern darüber spricht, was sie im Notfall wollen. Sie müssen wissen: Nur 3 bis 20 Prozent der Patienten überleben eine Intensiv-Beatmung. Von diesen bleiben nicht wenige schwer beeinträchtigt.

Wir diskutieren über die Masernimpfung als Voraussetzung für einen Kita-Platz. Wäre es nicht sinnvoll, auf eine Patientenverfügung bei der Aufnahme ins Pflegeheim zu drängen?

Ich sage mal so: Vor einigen Monaten bekamen die Krankenversicherten ungefragt einen Organspendeausweis zugeschickt. Das hat viel gekostet, war aber eine Null-Nummer. Wichtiger wäre, den Menschen eine Patientenverfügung zu schicken. Nach Untersuchungen möchten nur 9 Prozent der Hochaltrigen eine Intensiv-Beatmung, wenn man sie nur ehrlich über die Folgen informiert.

Warum dann der Drang zur Intensivbehandlung Hochbetagter?

Einer der Gründe ist: In der Medizin wird nichts so gut bezahlt wie die Beatmung. Die Kliniken halten inzwischen viele Beatmungsbetten und viel Personal für Notfälle vor. Da ist der Anreiz hoch, auch den hochbetagten Vielfach-Erkrankten zum Intensivfall zu machen. Natürlich ist das nicht in jeder Klinik der Fall. Auf der anderen Seite gab es bis vor wenigen Wochen noch die Empfehlung, dass Patienten frühzeitig beatmet werden. Inzwischen versucht man wieder, die invasive Behandlung nach hinten zu schieben.

Für viele alte Menschen zählt vor allem die Lebensqualität. Hat dieses Kriterium derzeit überhaupt eine Chance?

Nein. Von den wenigen Menschen, die eine Beatmung überleben, leiden 50 Prozent unter lang anhaltenden schweren Angst- und Depressionszuständen. Jeder vierte Beatmete hat später geistige Störungen wie bei Demenz. Die meisten älteren Menschen sagen doch: lieber tot als schwerstpflegebedürftig. Zur ehrlichen Aufklärung gehört der Blick auf die Folgen. Ersticken muss auch ohne Intensivmedizin keiner.

Viele ältere Menschen fürchten sich vor allem vor Einsamkeit. Hat das Virus den ganzheitlichen Blick auf den Menschen beschränkt?

Das Problem der Vereinsamung in der Intensivmedizin ist jedenfalls ganz dramatisch. Nicht selten fragen mich Angehörige von Krebspatienten, ob sie den Kranken nach Hause nehmen könnten, um ihm die letzten Wochen »

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Erstellt:
25. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. April 2020, 06:00 Uhr

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