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Ein Händchen für Gold

Das Schmuck-Handwerk hat eine lange Tradition, ist aber schlecht bezahlt

Was die junge Goldschmiedin Rebecca Forster anfasst, ist häufig pures Gold. Digitalisierung zum Trotz, übt sie noch traditionelles Handwerk aus.

18.08.2016
  • KRISTINA BETZ

Schwäbisch Gmünd. Wenn Rebecca Forster das kleine Goldplättchen schleift, kann man eine Bewegung ihrer Hand nur erahnen. In fließender Millimeterarbeit sägt, feilt und formt sie das Plättchen zurecht – der Blick ist starr und konzentriert. Auf Rebecca Forsters Tagesplan steht heute etwas Pflichtprogramm, Fleißarbeit und ein langwieriges Projekt: eine Halskette aus vielen flachen Goldplättchen.

In der geräumigen Werkstatt im Zentrum von Schwäbisch Gmünd ist es ruhig. Die Stille – eine Bedingung für die Arbeit der Goldschmiedin, bei der jedes filigrane Feilen, jeder Sägeschnitt und jeder Hammerschlag an der richtigen Stelle sitzen muss. Tut er das nicht, bedeutet das viel Aufwand, um den Fehler wiedergutzumachen. Im schlimmsten Fall ist das teure Material dahin. Das wäre mehr als nur ein kleines Malheur.

Da liegt immerhin pures Gold auf dem Holztisch. Knapp 2000 EUR kostet beispielsweise die Diamantkette, die neben der Goldschmiedin auf der Theke liegt. 800 EUR sind die Ohrringe, die eine Kundin gleich abholen will, wert. Jede kleine goldene Öse zwischen den Diamanten in Miniaturgröße hat Forster selbst hergestellt. Tagelange Geduldsarbeit, an deren Ende ein Schmuckstück von hohem Wert steht. Das Endprodukt ist der Grund, weshalb die junge Frau ihren handwerklichen Beruf so liebt – trotz schlechter Gehaltsaussichten.

„Goldschmied zu sein, ist ein brotloser Job, wenn man ihn trotzdem macht, macht man ihn mit Leidenschaft“, sagt sie. Nach dem Abitur hat sie sich bewusst gegen ein Studium und für einen traditionellen, handwerklichen Beruf entschieden. Das liegt ihr im Blut. Ihr Vater: Textilveredler, ihre Mutter: Gärtnerin, ihre Brüder: Glockengießer und Elektriker. Eine Familie aus handwerklich begabten und interessierten Menschen. Das große Geld war nie Grund für die Berufswahl. „Ich wollte schon immer was mit den Händen machen“, sagt die schlanke 25-Jährige, die mit wachem Blick durch die großen runden Gläser ihrer Brille blickt. „Und am Ende des Tages etwas in den Händen halten, das ich gemacht habe.“ Goldschmiedin, den Beruf stellen sich viele eleganter vor, als er ist: „Ein schicker Job ist es erst, wenn das Schmuckstück da vorne ist“, sagt Forster und zeigt in den angrenzenden Raum, in dem in schlichter Eleganz Halsketten, Ohrringe und Ringe ausgestellt und verkauft werden.

Eine Kundin ist gekommen, um eine Spezialanfertigung in Auftrag zu geben. Ohrringe mit Tahiti-Perlen. Der Wert des Schmucks: 800 EUR . „Die ist nicht ganz perfekt“, sagt Rebecca Forster zu der Perle auf dem Tresen, und es hört sich an, als sage sie diesen Satz sehr oft. Sauberere Verarbeitung von Anfang an sei ihr wichtig. Zu ihrer Handschrift gehöre Maßgenauigkeit, Funktion, Sauberkeit und gute Verarbeitung, sagt Forster, ohne arrogant zu wirken. Dass ihre Stücke von einer perfektionistischen Hand geformt wurden, sieht man: Mit ihrem Gesellenstück, einem filigranen Armband aus Weißgold, schwarzen Brillanten und Hämatitkugeln, wurde sie zweite Kammersiegerin im Goldschmiedehandwerk und als beste Absolventin aller Handwerksberufe von der Handwerkskammer Ulm ausgezeichnet.

Trotz aller Erfolge: Das Goldschmiedehandwerk sei ein aussterbendes Gewerbe, befürchtet Forster. Auch der Inhaber der Goldschmiede D´Orado, Conrad Stütz, verfolgt die Entwicklungen mit Sorge: „Das Handwerk ist eine starken Veränderung unterworfen. Die Produktionsgeschwindigkeit steigt, und Standorte werden nach Asien verlegt“, sagt er.

Sein Team kultiviere aber die Gmünder Traditionsgeschichte eines handwerklichen Betriebes, der auf Qualität, Tradition und Handwerk setzt, statt auf Technik, Digitalisierung und Neuerungen. „Ich arbeite hier seit 25 Jahren, und mein Arbeitsplatz hat sich kaum verändert“, sagt Forsters Kollegin Susanne Vogelmann und lässt ihren Blick über den runden Holztisch schweifen. Pinzetten, Drähte, Goldstücke, kleine Hämmer und Werkzeuge stehen herum. Es sieht aus wie im Silberwarenmuseum um die Ecke, findet Conrad Stütz – und das gefällt ihm.

Das Schmuckhandwerk hat eine lange Tradition in der Stauferstadt. In den 20er Jahren seien von 15 000 Einwohnern immerhin 5000 Menschen in der Branche tätig gewesen. Heute sind es nur noch ein paar Ein-Mann-Betriebe in Schwäbisch Gmünd.

Viele Goldschmiede seien mittlerweile in die Großindustrie gewechselt und zum Beispiel bei Bosch in der Zahnradfertigung angestellt. „Weil da das große Geld winkt“, vermutet Rebecca Forster. Sie könne verstehen, dass man deshalb in Großbetriebe wechselt. „Wenn man eine Familie ernähren muss?“, überlegt sie. Für Forster selbst ist die ruhige Idylle im Gmünder Kleinbetrieb D´Orado aber noch genau das Richtige, um traditionelles Handwerk fernab der Digitalisierung und Technisierung zu betreiben. Wenn Kunden ein von ihr gefertigtes Schmuckstück ihr Leben lang begleitet, macht sie das glücklich.

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18.08.2016, 06:00 Uhr
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