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Handel im Wandel

Das Schimpf-Gen

Schreibwaren Schimpf ist ein klassisches Tübinger Einzelhandelsfachgeschäft. Familiengeführt in fünfter Generation, mit ansprechendem Sortiment, langjährigen Mitarbeitern, treuen Kunden. Der Onlinehandel des Unternehmens boomt international. Die Idee: ungewöhnlich.

15.03.2018
  • TEXT: Ghita Kramer-Höfer|FOTOs: Ulrich Metz

Er ist das persönlichste aller Schreibgeräte: der Füller. Wenn er gut in der Hand liegt, schreibt er wie von allein. Dafür muss vieles passen: Größe, Gewicht, Schwerpunkt, Federhärte, Federbreite. Solch ein Schreibgerät wählt man mit Bedacht. Macht es Sinn, etwas so Individuelles wie einen Füller online zu kaufen? Sebastian Stolz, seit 2003 Geschäftsführer des Tübinger Schreibwarenfachgeschäfts Fritz Schimpf, beantwortet die Frage klar mit „ja“. Sein 2013 eröffneter Onlinehandel mit edlen Schreibgeräten ist international erfolgreich. Wichtigstes Standbein ist nach wie vor der lokale Verkauf vor Ort.

„Das Internet und damit der Onlinehandel ist selbstverständlicher Bestandteil des Lebens geworden. Darauf müssen wir Einzelhändler reagieren“, erklärt er. „Für unser alteingesessenes Familienunternehmen bedeutet das nicht nur, den stationären Verkauf im Geschäft zu etwas Besonderem zu machen, sondern zugleich online etwas anzubieten, das es in dieser Form sonst nicht gibt.“

Großvater Fritz Schimpf hatte bereits einen ausgeprägten Hang zur perfekten Schrift und zu schönen Schreibgeräten. „Diese Leidenschaft ist in der Familie genetisch verankert, auch bei mir“, scherzt Sebastian Stolz und zieht einen Montblanc Italic 100 aus der Hosentasche. „Der wohnt da“, meint er lachend. Diese Sonderedition gab er selbst im vergangenen Jahr bei Montblanc in einer limitierten Auflage von 100 Stück in Auftrag. „Ein Traum“, schwärmt Stolz.

Eben diese Leidenschaft für schöne Schreibgeräte bereitete den Boden für die Idee, hochwertige Füller online anzubieten. Für Marken wie Montblanc, Pelikan oder Graf von Faber-Castell ist die Fritz Schimpf OHG zwischenzeitlich eine internationale Anlaufadresse und bietet die komplette Produktpalette an. „Das wäre allein mit dem stationären Handel nicht möglich“, ist Sebastian Stolz überzeugt.

Aber online einen Füller kaufen für mehrere hundert oder gar tausend Euro? Ohne zu wissen, wie er in der Hand liegt, wie sich die Feder anfühlt? „Das ist tatsächlich kein Problem. Ein intensiver Kontakt per Mail oder auch ein Telefongespräch steht in der Regel am Beginn des Kontaktes. Wir bitten unsere Kunden um detaillierte Informationen zu Schreibgewohnheiten und Vorlieben, auch ein kurzes Video mit einer Schriftprobe ist hilfreich. Kombiniert mit unserer jahrzehntelangen Erfahrung beim Verkauf vor Ort finden wir nahezu immer den passenden Füller, der zum lebenslangen Begleiter wird“, erklärt Stolz und ergänzt: „Häufig sind es auch Sammler, die seltene Schreibgeräte und Sondereditionen suchen. Liebhaber, die genau wissen, was sie wollen.“

Neben Füllern geht auch regelmäßig das hochwertige Schimpf-Briefpapier vom „Schimpfeck“ aus auf Reisen: Ehemalige Tübinger bestellen es aus der ganzen Welt. Auch im Bereich „Tinten“ hat sich das Unternehmen im weltweiten Netz einen Namen gemacht. „Jede Tinte hat unterschiedliche Fließeigenschaften. Füller, Tinte und Papier sollten im Idealfall aufeinander abgestimmt sein“, weiß der Fachmann.

Ob Asien, Afrika oder Amerika: Die Schimpf-Produkte sind überall. Zuletzt machte sich ein Montblanc Italic 100 gar auf den Weg nach Hawaii. „Nur aus Südamerika kam noch keine Anfrage“, meint Stolz lachend, „aber das kann sich ja noch ändern.“ Ganz neu ist der Versandhandel übrigens nicht: Bereits vor 138 Jahren schickte der Firmengründer seinen treuen Kunden die Ware in alle Welt an den neuen Wohnort nach.

Zehn Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen mittlerweile über das Netz, Tendenz steigend. „Wir werden sukzessive unser Online-Angebot ausweiten“, erklärt er. „Allerdings nur für Artikel, bei denen das Sinn macht“.

Nicht dazu gehören für den Geschäftsführer beispielsweise Schulranzen. „Der Ranzen muss passen, sonst beeinträchtigt er die körperliche Entwicklung des Kindes. Dazu ist neben der Beratung das Ausprobieren unabdingbar“, weiß er. Entsprechend gibt es die Schulranzen wie vieles andere auch, ausschließlich vor Ort.

Und da herrscht buntes Treiben nahezu zu jeder Tageszeit: Schüler, Studenten, Menschen jeden Alters sehen sich um, fragen oder gehen gezielt in die gewünschte Abteilung. Postkarten, Geschenkpapiere, Stifteboxen, Blöcke, Briefpapier und Paperblanks, Schreibtischutensilien, Zeichenbedarf, auffällig individuell, originell und geschmackvoll. Dafür sorgen die Mitarbeiter. Im Untergeschoss Mode und filigranes Geschirr, Kerzen, Kissen, Schmuck und zahllose Kleinigkeiten, die mit dem Thema „Schreiben“ nichts zu tun haben. „Wir wollen, dass die Kunden gerne zum Stöbern zu uns kommen und nicht nur dann, wenn sie Papier, Stifte oder Bürobedarf benötigen“, erklärt Sebastian Stolz das Vor-Ort-Konzept „Dazu gehört auch das besondere Ambiente des gläsernen Niemeyer-Anbaus.“

Das Konzept geht wohl aber auch deshalb auf, weil neben dem Chef auch die Mitarbeiter das Schimpf-Gen in sich tragen. Was in immer mehr Geschäften zur Rarität wird, ist hier selbstverständlich: gute Beratung. 15 Mitarbeiter, ausnahmslos in der Branche ausgebildet, helfen spürbar gerne und unaufdringlich, drei Auszubildende beugen dem drohenden Fachkräftemangel vor.

Dennoch: ein Schreibwarenfachgeschäft in Zeiten des papierlosen Büros, von Email und Social Media? „Das Schreiben von Hand erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Davon profitieren wir, online und vor Ort. Wenn es uns gelingt, vor Ort weiterhin unseren Kunden ein besonderes Einkaufserlebnis zu bieten und zugleich online unsere Stärken auszubauen, dann sieht es gut aus“, prognostiziert Sebastian Stolz. Und mindestens zwei edle Sondereditionen kommen bis zum Firmenjubiläum 2020 auch noch auf den Markt und beleben Online- wie Vor-Ort-Geschäft. Leidenschaft will schließlich gepflegt sein.

Fritz Schimpf OHG Schreibkultur seit 1880

Friedrich Schuler gründete sein Unternehmen 1880 in der Pfleghofstraße als Papierfachgeschäft. Neben Schreibpapier und Büroartikeln verkaufte er auch Tapeten. 1904 übergab er das Geschäft an seinen Neffen Fritz Schimpf. Der vergrößerte das Geschäft und zog ans Lustnauer Tor 1, dem ehemaligen Stadttor – ans „Schimpfeck“. Sohn Fritz junior übernahm den Betrieb 1925. Er widmete sich in seiner Freizeit der Anthroposophie und war Mitbegründer der Tübinger Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Tübinger Waldorfschule. Tochter Verena Stolz-Schimpf trat seine Nachfolge an und seit 2003 ist ihr Sohn Sebastian Stolz in der Geschäftsführung tätig und prägt das Unternehmen.

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15.03.2018, 06:30 Uhr
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