Sterblichkeit

Das Rätsel um die Corona-Toten

Immer wieder gibt es Streit um die richtige Zahl der Opfer, die das Virus gekostet hat. Das hat mit der Zählweise zu tun.

24.09.2021

Von SOPHIE-MARIE ERXMEYER

Mehr als 93.000 Tote hat Corona bisher gefordert. Aber wie genau können Corona-Tote eigentlich gezählt werden? Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Berlin. Mehr als 93 000 Tote hat die Corona-Pandemie in Deutschland schon gefordert – seit Mitte August wieder mit steigender Tendenz. Wer einschätzen will, wie gefährlich eine Krankheit ist, muss wissen: Wie viele Menschen sterben an ihr? Im Fall von Covid-19 sind es genug, um Kontaktbeschränkungen, eine Maskenpflicht oder 2G-Regelungen zu rechtfertigen. Aber es gibt auch Kritik an der Zählweise der Todesfälle: Der Verdacht steht im Raum, dass zu viele Verstorbene in die Statistik aufgenommen werden.

Kann überhaupt sicher festgestellt werden, dass jemand an Corona verstorben ist?
Sehr sicher – wenn obduziert wird. Es gibt drei Befunde, die gemeinsam auftreten und sich eindeutig einer Corona-Infektion zuordnen lassen, wie der Bundesverband Deutscher Pathologen feststellte: Einer davon besteht in vielen kleinen Blutgerinnseln, die feine Äderchen verstopfen. Geschieht das in der Lunge, kommt es zu einer Embolie. Weitere Befunde sind eine massive Schädigung von Blutgefäßen und deren charakteristische Neubildung.

Wie eindeutig kann Corona ohne Obduktion als Todesursache festgestellt werden? Und da ist sie: Die Grauzone beim Zählen der Corona-Toten. Denn natürlich werden sie nicht alle obduziert. Gerade, wenn ein Patient zusätzlich zu seiner Corona-Infektion weitere Erkrankungen mitbringt, ist mitunter schwer festzustellen, an welcher er genau verstirbt. Die Entscheidung, was den Tod dann verursacht hat, liegt beim Arzt, der den Totenschein ausstellt. Ob jemand als Corona-Toter gilt, ist also immer eine Einzelfallentscheidung. Dass die in mehr als 90 Prozent der Fälle stimmt, zeigen Untersuchungen von Hamburger Rechtsmedizinern.

Sollten trotzdem Zweifel bestehen, ob Corona wirklich die Todesursache war, kann das Gesundheitsamt einschreiten. Hat das die ermittelte Zahl der Corona-Toten aus seinem Zuständigkeitsbereich geprüft, leitet es die an das Robert Koch-Institut (RKI) weiter.

Welche Kritik gibt es an der Zählweise der Corona-Toten?
Zu wenig oder zu viel – dass die Zahl der Corona-Toten nicht ganz richtig ist, diese Sorge wird immer wieder geäußert. Deshalb wurde im April gefordert, mehr Tote zu obduzieren. Und auch aus Berlin kam Kritik: Statistische Auswertungen von Professor Bertram Häussler, dem Leiter des Instituts für Gesundheit- und Sozialforschung (IGES) zeigten, dass im Juli wahrscheinlich mehr als 80 Prozent zu viele Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 gezählt wurden.

Was steckt hinter den Berechnungen des IGES?

Als die dritte Corona-Welle im Juli abflaute, sank mit der Inzidenz auch die Zahl der Todesfälle – das Problem dabei war: Gegen Juli passten die beiden Kurven nicht mehr zusammen. Denn während die Inzidenz immer weniger wurde, blieb die Zahl der Corona-Toten auf einem Level stehen, wie Auswertungen des IGES zeigen.

Anders als das RKI unterscheidet das IGES die Corona-Todesfälle in drei Kategorien: Die erste heißt „akute Todesfälle“. Das ist die Anzahl der Corona-Patienten, die in den ersten fünf Wochen nach Feststellung der Infektion versterben. In der zweiten Kategorie werden die Erkrankten aufgelistet, die mehr als fünf Wochen nach der Corona-Infektion verstorben sind. Liegen zwischen Infektion und Tod zehn Wochen oder mehr, dann landen die Fälle in der dritten Kategorie.

Weil das IGES die drei Kategorien getrennt voneinander aufführt, ist erkennbar, dass die akuten Todesfälle zu Juli abnahmen – und zwar deutlich mehr, als die Todesfälle der anderen beiden Kategorien. Patienten, die mehr als fünf Wochen nach der Infektion verstarben, fielen deshalb stärker ins Gewicht. Doch nach so langer Zeit werde es immer schwieriger, die Todesfälle tatsächlich der Corona-Erkrankung zuzuordnen. Stark vereinfacht gesagt, einige dieser Menschen würden auch ohne Corona an ihren Vorerkrankungen oder anderen Ursachen sterben.

Welche Kritik gibt es an der Studie?

Zu wenig Daten oder eine Verfälschung durch zeitverzögerte Meldungen von Corona-Todesfällen – auch die IGES-Studie ist nicht ohne Mängel. Kritiker stört auch, dass der sinkende Altersdurchschnitt der Patienten nicht berücksichtigt wird: Jüngere Menschen sterben langsamer an Corona und liegen deshalb länger auf der Intensiv-Station.

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Erstellt:
24. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. September 2021, 06:00 Uhr

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