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„Das Problem ist soziale Ungleichheit“
Marcel Fratzscher. Foto: DIW Berlin / B. DIETL
Gerechtigkeit

„Das Problem ist soziale Ungleichheit“

DIW-Chef Marcel Fratzscher erklärt, wieso die deutsche Wirtschaft überschätzt wird, die soziale Schere auseinander geht und warum der Staat investieren muss.

11.03.2017
  • IGOR STEINLE

Ulm. Seine Bestseller heißen „Warum Deutschland immer ungleicher wird“ und „Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen“. Aber nicht nur kontroverser Titel wegen zählt Marcel Fratzscher zu den einflussreichsten Ökonomen Deutschlands: Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat eine beeindruckende Karriere hinter sich. Durch seine internationale Erfahrung gelingt es ihm, Deutschland auch aus ungewohnten Blickwinkeln zu betrachten.

Herr Fratzscher, warum muss Deutschland sich für seinen Exportüberschuss rechtfertigen?

Marcel Fratzscher: Niemand muss sich für starke Exporte rechtfertigen. Deutschlands Exporte sind nicht das Problem, im Gegenteil, das ist die Grundlage unseres Wirtschaftsmodells. Das Problem ist, dass Deutschland zu wenig importiert, weil es zu wenig investiert. Die Leistungsbilanz ist auch der Unterschied zwischen Ersparnis und Investition.

Wieso wird zu wenig investiert?

Weil Unternehmen in Deutschland keine ausreichend guten Rahmenbedingungen vorfinden. Die privaten Investitionen sind in den vergangenen 20 Jahren eingebrochen. Es gibt zu viel Bürokratie, Genehmigungsverfahren sind zu aufwendig. Wir haben regulatorische Unsicherheiten, zum Beispiel bei der Energiewende. Die Infrastruktur wird schlechter und es fehlen in manchen Bereichen qualifizierte Arbeitskräfte. Die digitale Infrastruktur gehört zu den schlechtesten in ganz Europa. Es gibt also eine ganze Reihe von Problemen, die Unternehmen daran hindern, mehr in Deutschland zu investieren. In gewisser Weise haben diese schlechten Rahmenbedingungen auch mit Protektionismus zu tun.

Inwiefern?

Es wird eben nicht mehr Wettbewerb geschaffen. Protektionismus heißt nicht nur, dass man sich gegenüber ausländischen Unternehmen oder Staaten abschottet. Protektionismus findet auch innerhalb eines Landes statt. Wenn große Unternehmen systematisch steuerliche Vorteile haben, dann ist das auch Protektionismus, dann schützt man große Unternehmen und schafft ihnen Wettbewerbsvorteile gegenüber kleinen.

Und wo geschieht das Ihrer Meinung nach?

Wir haben sehr regulierte Dienstleistungssektoren, in denen nur wenig Wettbewerb herrscht. Dadurch gibt es für einige Wenige gute Erträge, aber auch wenig Investitionen, geringe Produktivität und letztlich geringe Löhne. Wenn Sie sich die Niedriglohnbereiche in Deutschland anschauen, befinden sich diese ja fast nur im Dienstleistungsbereich und nicht in den Exportsektoren. Denn die zahlen hervorragende Löhne und sind sehr produktiv.

In der Industrie gibt es aber immer weniger Arbeitsplätze. Sind deutsche Arbeitnehmer deswegen die Verlierer der Globalisierung?

Es ist nicht die Globalisierung, es ist der technologische Wandel. Die Jobs, die in Deutschland aus der Industrie abwandern, wandern nicht nach China ab, sondern werden automatisiert, die Arbeitsprozesse werden immer effizienter. Und diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren beschleunigen und stärker werden. Das wird die deutsche Gesellschaft und Politik massiv unter Druck setzen. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe hinter der zunehmenden Ungleichheit in Deutschland, sowohl beim Einkommen als auch bei den Vermögen.

Heißt das, uns geht es im europäischen Vergleich gar nicht so gut?

Uns würde in Deutschland ein wenig mehr Bescheidenheit gut stehen. Die gute wirtschaftliche Entwicklung spiegelt letztendlich einen Aufholprozess wieder: den der verlorenen 2000er Jahre, als Deutschland der kranke Mann Europas war. Seit 1999 ist die französische Wirtschaft um drei Prozent mehr gewachsen als die deutsche, die spanische um zehn Prozent mehr. Wir holen jetzt das auf, was wir in den 2000er Jahren verloren haben. Und an diesem Aufholprozess können nicht alle teilhaben.

Wen genau meinen Sie?

Für mich ist die soziale Spaltung der Gesellschaft, die Schere, die bei Einkommen, bei Vermögen, aber in erster Linie bei den Chancen weiter aufgeht, eines der größten Probleme. Und das muss die Politik ernster nehmen, als sie es bisher getan hat. Die Priorität muss sein, in Bildung, in Infrastruktur und in Innovation zu investieren. Denn das bestimmt die Leistungsfähigkeit Deutschlands langfristig.

Heißt das, die soziale Spaltung gefährdet langfristig das Wirtschaftswachstum?

Sicherlich nicht in den nächsten zwei Jahren. Aber: Wenn man über zehn oder 15 Jahre schaut und sich fragt: Wie kann man den Wohlstand in Deutschland langfristig sichern? Dann ist für mich die soziale Ungleichheit die größte Herausforderung. Denn was passiert, ist, dass immer weniger Menschen ihre Talente und Fähigkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft einbringen können.

Warum ist das so?

Für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien ist es heute ungleich schwerer als noch vor 30 Jahren, eine gute Bildung, Ausbildung und einen ordentlichen Job mit gutem Einkommen zu bekommen. Das Einkommen der jungen Menschen heute ist stärker gekoppelt an das Einkommen und den Bildungsgrad der Eltern, als das selbst in den USA der Fall ist. Und damit geht unserem Land ein enormes Potential verloren. Das heißt: weniger Wohlstand für die ganze Gesellschaft.

Wie sollte die Politik dem begegnen?

Für mich liegt der Schlüssel nicht darin, mehr Steuern oder Abgaben zu erheben, das ist der falsche Weg. Es muss über mehr Chancengleichheit, mehr Förderung von Kindern und Jugendlichen geschehen. Junge Menschen müssen besser qualifiziert werden, um besser in den Arbeitsmarkt zu kommen und dort besser bestehen zu können. Das muss die größte Priorität sein. Das gilt übrigens auch für das Thema Gender: Frauen sind, was Schule und Ausbildung anbetrifft, in der Regel besser qualifiziert als Männer, werden aber im Arbeitsmarkt nach wie vor zu stark diskriminiert. Auch das ist ein riesiges Potential, das die Politik viel direkter adressieren sollte, um auch dieses Potential zu heben.

In den USA glaubt man stattdessen mit Protektionismus neue Jobs zu schaffen. Wird Trump damit Erfolg haben?

Nein, Protektionismus wird scheitern. Er wird keinerlei Jobs in die USA zurückbringen. Es werden eher noch mehr Arbeitsplätze verloren gehen. Denn wenn Sie Handelsbarrieren hochziehen und Straf- oder Handelszölle auferlegen, dann bringt das keine Jobs in die USA zurück. Unternehmer werden sich eher sagen: Unter solchen Bedingungen werde ich in den USA weniger investieren und mich eher ins Ausland orientieren.

Trotzdem begrüßen viele solche Schritte. Die Briten zum Beispiel haben vor allem wegen Zuwanderung in den Arbeitsmarkt für den Brexit gestimmt.

Genauso wie die Globalisierung werden auch Zuwanderer gerne für die zunehmende Ungleichheit und für viele Probleme im Land verantwortlich gemacht. Das ist in Großbritannien genauso wie in den USA und auch in Deutschland. Aber wir wissen, dass diese beiden Gründe nur in sehr geringem Maße dafür verantwortlich sind. Gerade für Länder wie Großbritannien und Deutschland sind diese Ängste falsch. Beide gehören zu den großen Gewinnern der EU-Zuwanderung.

Woran machen Sie das fest?

Die demografische Entwicklung wird uns in den nächsten Jahren sehr stark herausfordern. Es werden in Zukunft weniger für mehr Menschen mitarbeiten müssen. Vor diesem Hintergrund sind seit 2011 jedes Jahr fast 400 000 Menschen netto, also nach Abwanderung, aus Europa nach Deutschland eingewandert. Die sind sehr gut in den Arbeitsmarkt gekommen. Viele von diesen Menschen haben eine höhere Beschäftigungsquote als Deutsche, sie sind jung und motiviert.

Populisten lässt das wahrscheinlich unberührt. Wie kann man AfD-Anhänger trotz ihrer Faktenresistenz überzeugen?

Es ist Aufgabe der Politik klar zu machen: Nein, es liegt nicht an der Zuwanderung, nein, es liegt nicht am globalen Handel, sondern am technologischen Wandel und fehlender Chancengleichheit. Man muss das zentrale Problem der sozialen Ungleichheit als solches anerkennen und nicht unter den Teppich kehren und dann eine Lösung finden, im Bereich der Bildung und Förderung. Das ist die Herausforderung.

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11.03.2017, 06:00 Uhr
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