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Kommentar

Das Paradies will gepflegt sein

Es ist im Tübinger Rathaus mehr Freude über einen Verein, der kein Geld aus dem Stadtsäckel will als über hundert andere, die tausend gute Gründe dafür vorbringen können, dass die Stadtknete bei ihnen am besten angelegt ist. Das gilt immer, und ganz besonders natürlich in Zeiten drohender Finanznot.

30.09.2009

Insofern müssten die Stadtoberen doch überglücklich sein über die Hirschauer Baggersee-Initiative. Wann gibt es das schon mal, dass engagierte Bürger mit Megafon, Protestschildern und Luftballons vors Rathaus ziehen, um dort von der Kommunalpolitik Abstinenz zu fordern. Lasst uns in Ruhe an unserem See, lautete die unmissverständliche Botschaft am Montag, wir brauchen euch, eure Pläne und euer Geld nicht. Also: „Hände weg vom Baggersee!“

Doch ganz so einfach, wie sich die zornigen Demonstranten ihr Feindbild zurechtgemalt haben, ist es nicht. Weder sind die Stadtverwalter sonderlich scharf darauf, das an allen Ecken und Enden knapp werdende Geld sinnlos zu verpulvern. Noch ist die Grünplanerin Ute Krommes, die sich am Montagabend tapfer ihren mitunter schräg und schrill argumentierenden Kritikern stellte, über Nacht zum gestrengen Erzengel mutiert, der die Baggersee-Liebhaber mit dem Flammenschwert aus ihrem Badeparadies vertreiben möchte.

Auch wenn das viele BI-Mitstreiter nicht wahrhaben wollen – es ist höchste Zeit, dass sich die Stadt um den See kümmert. Nicht um daraus einen umtriebigen Freizeitpark zu machen, wie sich das der Tübinger Rat vor zwanzig Jahren nach Abschluss des Kiesabbaus wünschte. Davon ist längst keine Rede mehr. Vielmehr geht es jetzt erstmal darum, die im Bebauungsplan festgesetzten Auflagen zur Renaturierung des unansehnlichen Nordufers zu erfüllen.

Dazu müssen die angrenzenden Betriebe, denen diese Pflicht einst auferlegt wurde, endlich wissen, was genau sie zu tun haben. Kurzum, es bedarf eines Plans. Und wenn das so ist und wenn es dafür auch noch Zuschüsse vom Land gibt, was spricht dann dagegen, dass sich die Grünplanerin auch die übrigen Uferbereiche anschaut und für den gesamten See ein „naturverträgliches Landschaftskonzept mit Erholungsfunktion“ entwickelt, aus dem wiederum ein detailliertes Pflegekonzept abgeleitet wird.

Klar ist jedenfalls: Ohne fachkundige pflegerische Eingriffe wäre es um das Natur- und Badeparadies bald geschehen. Es würde binnen weniger Jahre mit Brennnesseln und Brombeerhecken zuwachsen und schließlich komplett verwalden. Da ist es wenig hilfreich, wenn passionierte Badegäste aus Sorge um ihre Idylle eigenmächtig zur Selbsthilfe greifen, hier ein bisschen sägen und da ein bisschen hacken – grad so, als ginge es darum, den Privatpool hinterm eigenen Haus freizuhalten.

Selbstverständlich soll die Initiative bei Planung und Pflege mitreden (und mithelfen!). Aber nicht nur sie. Das gleiche Recht dürfen alle anderen Hirschauer und Tübinger für sich in Anspruch nehmen. Auch jene, die den See inzwischen meiden, weil sie sich beim Anblick der Nackedeis in ihren allzu intimen Nischen genieren. Prinzipiell gilt: Auch wenn er nicht für alle reicht – der Hirschauer Baggersee ist für alle da.

Sepp Wais

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Erstellt:
30. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
30. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. September 2009, 12:00 Uhr

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