Das Kino der Nazis

Das Monster steht immer wieder auf

Rüdiger Suchsland hat sich „Hitlers Hollywood“ vorgenommen.

27.02.2017

Von Dorothee Hermann

Adrette Zuschauerinnen: der Fußballfim „Das große Spiel“ von Robert Adolf Stemmle (1942).Bild: Verleih

Man kommt sich vor wie in einem wirbelnden Kaleidoskop, in dem sich die Pirouetten von Marika Rökk mit slapstickhaftem Heinz-Rühmann-Ulk um die Wette drehen – bis zu den düsteren Tableaus von Veit Harlans Historiendrama „Kolberg“ (1945). In einer visionären Szenerie sind dort keine Menschen mehr zu sehen – wie der Filmkritiker Rüdiger Suchsland hervorhebt. Er hat Filmmaterial des NS-Kinos zu der rasant geschnittenen Dokumentation „Hitlers Hollywood“ zusammengesetzt. Tübinger Premiere samt Regisseur war am Freitagabend im Kino Arsenal.

Mehr als tausend Spielfilme wurden 1933 bis 1945 in NS-Deutschland gedreht. Offene Propaganda seien die wenigsten, sagt der Filmemacher. Doch harmlose Unterhaltung sind sie ebensowenig. „Wir kennen diese Filme zu wenig, aber es gibt keinen Grund wegzusehen. Sie sind besser als ihr Ruf“, findet Suchsland, der sein Material per Off-Stimme selbst kommentiert.

Er versucht zu zeigen, wie das NS-Kino der amerikanischen Traumfabrik nacheifern wollte. Und er will zum Subtext der Filme durchdringen: „Was weiß das Kino, was wir nicht wissen?“ Sein Fim sei auch „eine Mentalitätsgeschichte des Dritten Reiches“. Er sichtete so viel Material, dass es für drei Filme gereicht hätte, „mit ganz unterschiedlichen Ausschnitten“.

Ursprünglich sollte es „mehr Unterhaltungs- und weniger Propagandafilm“ werden, weniger Harlan, weniger Riefenstahl, sagte Suchsland im Gespräch mit den Kinobesuchern. „Aber Harlan ist wie das Monster im Horrorfilm. Das kommt immer zurück.“ Doch es gab auch ganz andere Figuren, wie etwa die Schauspielerin Ilse Werner. „Sie war der Vorschein einer Zeit, die kommen würde und kommen musste.“

1933 lief der noch in der Weimarer Republik gedrehte U-Boot-Film „Morgenrot“ in den Kinos, „der den Ersten Weltkrieg zum Opfergang stilisiert, die unbedingte selbstmörderische Opferbereitschaft“ als Voraussetzung für das Weiterkämpfen. Das Leben habe das NS-Regime nie zu feiern gewusst, so Suchsland, doch dem „Kult des Todes“ hätten Hitler und seine Filmkünstler „immer neue Facetten“ abgewonnen.

„Im Kult des Todes kam das Kino dem Regime am nächsten.“ In „Eine Nacht im Mai“ werde das Liebeslied auf einmal ein Kriegslied, sagte Suchsland. „Es geht darum, das Sterben zu lernen.“ Den damaligen Zuschauern sei dieser Subtext sehr bewusst gewesen.

Suchsland lässt auch die Exilierten zu Wort kommen, wie den Filmtheoretiker Siegfried Kracauer, von dem er den Titel seines Vorgängerfilms „Von Caligari zu Hitler“ entlehnte, oder Hannah Arendt. Er präsentiert überraschende Fundstücke wie Aufnahmen der 23-jährigen Ingrid Bergman in der NS-Emanzipations-Schmonzette „Wir sind vier“, wenige Jahre vor „Casablanca“. „Goebbels suchte eine neue Garbo“, kommentierte Suchsland. „Schwedinnen waren in.“

Douglas Sirk ist viel stärker als Hollywood-Legende in Erinnerung denn als der Regisseur, der im Jahr 1937 auf Teneriffa „La Habanera“ drehte, damals noch unter seinem deutschen Namen Detlef Sierck, „mitten im Spanischen Bürgerkrieg“, so Suchsland. Das Melodram brachte einer weiteren Schwedin, Zarah Leander, den großen Durchbruch.

Für den Filmemacher ist der „Illusionismus“ ein Hauptmerkmal des NS-Films. „Das Nazi-Kino gleitet immer stärker in Fantasy ab und verliert den Boden unter den Füßen.“ Doch hinter der dick aufgetragenen Fröhlichkeit der Nazi-Stimmungskanonen liege Traurigkeit.

Nun denkt Suchsland über eine Fortsetzung nach. „Von Hitler zu Fassbinder“ könnte die Filmproduktion in der Bundesrepublik analysieren. Das verdrängte NS-Kino wirkte sich weniger auf „das Aufarbeitungs-Kino“ der frühen Bundesrepublik aus als auf das spätere Filmschaffen bis heute, ist er überzeugt: Noch immer dominiere „Furcht vor der Schönheit um ihrer selbst willen und auch vor dem Spektakel. Das Kino verbietet sich etwas, weil es die Nazis groß gemacht haben“.

In einer Zeit, in der die Filme des NS-Kinos, auch jene, die wie Harlans offen antisemitischer „Jud Süß“ ohne Einführung nicht gezeigt werden dürfen, auf Youtube abrufbar seien, geht es dem studierten Historiker um die Frage: „Wer hat die Deutungshoheit?“ Er hält auch nichts davon, redigierte Fassungen zu zeigen, „die Hakenkreuze zum Teil herausgeschnitten“, wie es in etlichen Fernsehausstrahlungen jahrzehntelang gehandhabt wurde. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Das Monster steht immer einmal mehr wieder auf, als es einen auf den Deckel kriegt.“

Rüdiger SuchslandBild: Agentur

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Erstellt:
27. Februar 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Februar 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2017, 01:00 Uhr

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