Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Euthanasie-Täter im Blick

Das Leben der Anderen

Den Fokus auf die Schreibtischtäter richten wird die „Spur der Erinnerung“, die sich im Oktober von Grafeneck bis vor die Türen des Innenministeriums in Stuttgart ziehen wird.

12.09.2009

Von katharina mayer

Grafeneck. Allein zwischen Januar und Dezember 1940 wurden mindestens 10.654 geistig behinderte und kranke Menschen in Grafeneck ermordet. Die Euthanasie sei „noch so wenig in der öffentlichen Diskussion, da ist noch vieles zu machen“, erklärt Mitinitiator Harald Habich die Hintergründe der Aktion. „Man kann davon ausgehen, dass aus jedem Dorf, jeder Gemeinde und jeder Stadt in Württemberg Menschen in Grafeneck und Hadamar ermordet worden sind“, meint der Sozialarbeiter.

Zynismus bis ins

Wort „Pflegeanstalt“

Überlebt haben die Täter, die den Verwaltungsapparat steuerten. Gestorben sind die anderen. Vergast erst in der Landespflegeanstalt Grafeneck und, als diese dann geschlossen wurde, im hessischen Hadamar. Siebzig Jahre nach der Beschlagnahmung Grafenecks durch das Landratsamt Münsingen sei es deshalb an der Zeit, „den Fokus auf die Täter zu richten“. Aus einem Klinikum der Samariterstiftung wurde damals die „Landespflegeanstalt Grafeneck“. Wie zynisch hier allein die Wortwahl ist, macht die Zahl der Opfer deutlich.

Erst durch Zutun des Innenministeriums allerdings wurde Grafeneck „in die erste Vernichtungsanstalt umgebaut, um Menschen nach industrieller Art zu töten“. Denn: „Der Staat und die Verwaltung haben ihr Instrumentarium darauf angesetzt, die Morde zu professionalisieren und abzusichern.“

Um den Zusammenhang zwischen den Toten von Grafeneck und den Schreibtischtätern im damaligen Reichsinnenministerium herzustellen, wird im Oktober nun die 75 Kilometer lange Farbspur gelegt. Sie wird sich vom 13. bis zum 16. Oktober zwischen Grafeneck und Stuttgart erstrecken. Violett soll sie sein, eine Farbmischung aus rot und blau, symbolisch für Leben und Tod.

Die Aktion, die unter der Schirmherrschaft sowohl des evangelischen als auch des katholischen Landesbischofs steht, startet am 13. Oktober mit einem Symposium im Stuttgarter Rathaus. Themen sind hier die Verstrickung von NS-Euthanasie und Verwaltung, aber auch der Umgang mit bioethischen Fragen in der Vergangenheit und heute. Im Anschluss an die Auftaktveranstaltung wird in Grafeneck erstmals der Pinsel angesetzt. Die Umsetzung der Spur wird gänzlich in die Hände der Bürger gelegt. In nahezu jedem Ort entlang der Strecke haben sich Komitees gebildet, die die „Farbspur in ihrem Bereich zu ihrer Herzensangelegenheit machen“, wie Habich, der bereits an der Stuttgarter „Stolperstein“-Initiative beteiligt war, es ausdrückt. Von Konzerten über Lichterketten, eine alternative Stadtrundfahrt und ein Freundschaftsfest zwischen behinderte und nicht behinderte Menschen in Degerloch sind sämtliche Aktionsformen vertreten. Diese Vielfalt der Aktionen sei „nur möglich, wenn es die Bürger ihrer Gemeinde selbst in die Hand nehmen“. Zentral sei das nicht zu machen und funktioniere nur nach „dem Wurzelprinzip“.

Zahlreiche Aktionen werden rund um die Spur ihren Platz finden. „Laufend helfen“, eine Initiative, bei der behinderte und nicht behinderte Menschen einen Teil der Strecke gemeinsam bewältigen, zum Beispiel. „Wie in einen Bus“, können die Teilnehmer des Marathons unterwegs zusteigen. Habich hofft, dass mehr als 100 Teilnehmer am Ende in Stuttgart einlaufen werden.

Viele Meter der Spur sind noch zu haben

Auch eine Reutlinger Initiative wird sich an der Spur der Erinnerung beteiligen und bei der Veranstaltung in Dettingen mit dabei sein. Wer nähere Informationen über den Streckenverlauf und das Begleitprogramm möchte, kann sich auf www.spur-der-erinnerung.de informieren.

Dort ist auch der aktuelle Spendenstand abzurufen. Für einen Euro pro Meter können Interessierte, Firmen oder Schulklassen sich an der Finanzierung beteiligen. Aber: „Wir wollen keine Monopolisierung wie in der freien Wirtschaft“, sagt Habich. Deshalb: „Ist bei zehntausend Metern Schluss“. Derzeit aber sind noch einige Kilometer zu haben.

Zum Artikel

Erstellt:
12. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. September 2009, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+