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Das Krankenhaus als Tatort?
Für die Studie wurden tausende Pfleger und Ärzte befragt. Foto: dpa
Medizin

Das Krankenhaus als Tatort?

Jedes Jahr werden 21 000 Patienten vom Klinikpersonal absichtlich getötet, heißt es in einer Studie. An Methode und Aussage gibt es jedoch Kritik.

30.03.2017
  • ANDRé BOCHOW

Berlin. Wegen mehrfachen Mordes an Patienten ist der Pfleger Niels H. aus Delmenhorst 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch seine Mordserie ist kein Einzelfall. Das behauptet der Psychiater und Psychotherapeut Karl H. Beine in seinem Buch „Tatort Krankenhaus.“

Eine Zahl steht im Raum: 21 000. So viele Menschen fallen Jahr für Jahr „der Profitgier im Gesundheitssystem“ zum Opfer. So steht es auf dem Umschlag des Buches von Karl H. Beine und Jeanne Turczynski. Der Chefarzt hat die Redakteurin auf einer Tagung kennengelernt, auf der Beine über Morde referierte, die Pfleger an Patienten verübten.

Jetzt legen die beiden „Tatort Krankenhaus“ vor. Untertitel: „Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert.“

Beine beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Frage, warum Menschen, die einen helfenden Beruf haben, Patienten töten. Dass nun ein Buch auf den Markt kommt, das „dieses Tabuthema anspricht“, findet der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach „sehr wichtig“. Die These, nach der das Gesundheitssystem „marode“ sei, teilt Lauterbach allerdings ausdrücklich nicht. Und er glaubt auch nicht, dass 21 000 Menschen pro Jahr vom medizinischen Personal getötet werden.

Weder sei die Art der Befragung, die zu der Studie führte, wissenschaftlich, noch entspricht die Zahl Lauterbachs Erfahrung. „Aber das Phänomen gibt es.“ Damit meint er den im Buch angeprangerten ökonomischen Druck, der auf dem Krankenhauspersonal lastet. Der führe zumindest dazu, dass Tötungen von Patienten lange unbemerkt bleiben.

„Das Buch ist ein Debattenbuch, kein wissenschaftliches Werk“, bestätigt Beine und erklärt die „nicht repräsentativen Zahlen“: Das Krankenhauspersonal dieses Landes hat von Beine und seinen Leuten per Post oder als E-Mail-Anhang einen Fragebogen bekommen. Die entscheidende Frage war: „Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?“

5055 Kranken- und Altenpfleger sowie Ärzte haben sich beteiligt. 3,4 Prozent der Ärzte, 5 Prozent der Altenpfleger und 1,5 Prozent der Krankenpfleger haben die Frage mit „Ja“ beantwortet. In den Pflegeheimen waren es 1,01 Prozent der Kranken- und 1,83 Prozent der Altenpfleger. So kommt die Zahl 21 000 zustande.

Man könne aus den Antworten „nicht schließen, dass wir über 21 000 Mord-oder Totschlagsdelikte in deutschen Krankenhäusern reden“, sagt Beine. Es gehe darum, „die These von den Einzeltätern zu erschüttern“. Und um das System, in dem Ökonomen in den Krankenhäusern mehr zu sagen haben als die Ärzte. Ein System, das Wegschauen fördere.

Eugen Brytsch, Vorstand der „Deutschen Stiftung Patientenschutz“, sieht das Buch kritisch und wirft den Autoren „billige Semantik“ vor. Statt Fakten gebe es nur Andeutungen. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Thomas Reumann, weist den Tötungsvorwurf als „Effekthascherei“ zurück.

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30.03.2017, 06:00 Uhr
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