Immer mehr Kinder müssen aus ihren Familien genommen werden

Das Heim als letzter Ausweg

Der Anstieg ist enorm. 2011 mussten doppelt so viele Kinder und Jugendliche im Südwesten unter staatlichen Schutz gestellt werden wie 2005. Alex (17) wurde von den eigenen Eltern zum Jugendamt gefahren.

22.08.2012

Von JULIANE BAUMGARTEN

Als Alex Handy klingelt, und er die Nummer des Stiefvaters sieht, ist ihm sofort klar: Jetzt ist gibt es Ärger. Die Stimme des Stiefvaters klingt gefasst, aber bestimmt: "Komm sofort nach Hause", befiehlt er. Alex weiß, sie haben herausgefunden, dass er mal wieder die Schule geschwänzt hat. Den Realschulabschluss kann er knicken. Erst vor ein paar Wochen haben ihn die Mutter und der Stiefvater mit einer Flasche Wodka in seinem Zimmer erwischt. Seitdem gilt: Wenn nochmal was passiert, musst du ins Heim.

Dann geht alles ganz schnell. Die Eltern fahren mit Alex zum Jugendamt, er kommt in das Notaufnahmeheim der Stadt Stuttgart. Abends, im fremden Zimmer, setzt er sich aufs Bett und weint. "Ich habe gedacht, jetzt ist alles aus. Mein Leben ist total verkackt", erzählt der 17-Jährige mit den dunklen Haaren und den Grübchen in den Backen.

Dass Eltern ihre Kinder ins Heim schicken, ist aber nicht die Regel. Im vergangenen Jahr wurde gut ein Viertel der Jugendlichen auf eigenen Wunsch unter den Schutz des Jugendamtes gestellt. Das ist vor allem bei älteren Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren der Fall. Bei fast 30 Prozent ordnen jedoch das Jugendamt oder soziale Dienste eine vorläufige Schutzmaßnahme an. Rund ein Viertel der Wegnahmen aus der Familie wurden durch die Polizei veranlasst.

Sozialarbeiter Michael Reschke hat schon viele, vor allem kleinere Kinder aus den Familien nehmen müssen. Bei den Hausbesuchen tun sich teils Abgründe auf: Kinder krabbeln über Müllberge hinweg, haben nicht mal einen richtigen Schlafplatz geschweige denn Spielmöglichkeiten. "Bei einer Messi-Familie musste ich neulich drei kleine Kinder vor den Eltern schützen. In der Wohnung gab es keinen funktionierenden Abfluss mehr, der Teppichboden war übersät mit Zigarettenkippen und Abfall", erzählt Reschke. Kein Umfeld für Kindergartenkinder.

Immer mehr Kinder und Jugendliche müssen zeitweise unter staatlichen Schutz gestellt werden. Im vergangenen Jahr waren es in Baden-Württemberg 3346 junge Menschen. Der Anstieg ist rasant: elf Prozent Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2005 hat sich die Zahl damit mehr als verdoppelt.

Jürgen Strohmaier, Referatsleiter im Landesjugendamt, überrascht dieser enorme Zuwachs nicht. "Lieber eine Inobhutnahme mehr, als ein totes Kind", sagt er. Ihm zeige der Anstieg, dass Baden-Württemberg ein gut ausgebautes Kinderschutznetzwerk habe. "Die Meldebereitschaft ist höher geworden und die Sensibilität für den Jugendschutz", erklärt Strohmaier. Gert Kirchmaier, Leiter des Fachdiensts Jugendhilfe und soziale Dienste vom Alb-Donau-Kreis, sieht die Zunahme sogar positiv: "Früher haben wir mit einer wesentlich höheren Dunkelziffer gelebt." Die öffentliche Wahrnehmung habe sich verändert. Lehrer, Erzieher oder Nachbarn schauten nicht mehr weg, sondern reagierten.

Realität ist aber auch, dass es in vielen Familien immer schwieriger wird. So wie bei Alex. Streit war an der Tagesordnung. Das Geld war immer knapp, die Drei-Zimmer-Wohnung zu eng für drei und Alex zu schlecht in der Schule. Als er dann vor einem Jahr angefangen hat zu rauchen, flogen die Fetzen - obwohl Mutter und Stiefvater selber rauchen. Ständig Ärger gab es auch wegen dem Fußball. Alex Traum war es, in einem Verein zu spielen. Das haben die Eltern verboten, die Schule gehe vor. Akzeptieren konnte das der große, sportliche Junge nie. Zugespitzt hat sich die Lage, als klar wurde, dass er seinen Realschulabschluss nicht schaffen wird. "Schule war noch nie was für mich", sagt Alex. Als er ständig schwänzt, reißt den Eltern der Geduldsfaden - und er muss ins Heim.

Ähnliche Schilderungen hört Harry Hennig, Leiter der Notaufnahme in Stuttgart, fast täglich. In der Hälfte aller Fälle seien die Eltern überfordert. Auch sei die Beziehung zu Stiefeltern oftmals schwierig. Die Zahlen belegen das: Wenn die Eltern ihre Kinder gemeinsam als Paar erziehen, kommt es in einem von 750 Fällen zu "Hilfen zur Erziehung", bei Alleinerziehenden sind es wesentlich mehr: eins zu 37. "Die Stiefeltern-Konstellation birgt die größte Hilfewahrscheinlichkeit, Konflikte sind hier am häufigsten", sagt Hennig. Da liegt das Verhältnis beim Hilfebedarf bei eins zu 15.

Das Thema Überforderung zieht sich auch bei Alex zu Hause wie ein roter Faden durch die Geschichte der Familie. Die Mutter ist sehr jung, als sie den Jungen bekommt. Gerade erst 17, so alt wie Alex heute. Die ersten beiden Jahre hat sie ihn in eine Pflegefamilie gegeben. Mit dem neuen Partner dann traut sie sich die Herausforderung "Kind" zu. Der Sohn aber ist nicht ganz einfach, hat eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung. Die Mutter ist schnell gereizt, hat wenig Geduld mit dem Sohn. Auch das Verhältnis zum Stiefvater ist kompliziert. Alex findet keinen Zugang zu ihm. Streit und Gewalt prägen den Umgang.

Der negative Druck auf die Familien habe sich erhöht, meint Strohmaier vom Landesjugendamt. "Oft haben Eltern einen zu hohen Anspruch an sich selbst und scheitern, da sie dem nicht gerecht werden können." Als Risikofaktoren sieht er auch Armut und Arbeitslosigkeit sowie soziale Isolation. "Auch die psychische Belastung am Arbeitsplatz wird höher. Die Opfer, die man bringen muss, um seine Stelle zu behalten, sind größer geworden. Das wirkt sich eins zu eins auf das Kindeswohl aus."

Auch bei Alex Familie haben viele Faktoren zusammengewirkt. Und irgendwann gab es nur noch die Option Heim. Die neue Umgebung hat den Jungen anfangs geschockt: "Wo bin ich denn hier gelandet", beschreibt er seinen ersten Eindruck. Er muss sich sein Zimmer mit einem anderen Jungen teilen, muss Ordnung halten, Wäsche waschen und Geschirr spülen. Nach fast zwei Monaten im Heim hat er sich gut eingefunden. "Am Anfang fand ich es Scheiße, hier zu sein. Mittlerweile sehe ich es als guten Schritt." Das Verhältnis zu den Eltern habe sich durch die Distanz verbessert. "Ich bin selbstbewusster geworden. Ich sehe die Realität besser."

Zurück in die Schule und zu den Eltern geht Alex nicht mehr. Er zieht bald in eine eigene Wohnung, beginnt im Herbst eine Ausbildung als Landschaftsgärtner. Denn trotz der Annäherung zu den Eltern, ist für Alex klar: "Wenn wir wieder in einer Wohnung leben, geht"s wieder schief."

Wie diese Jugendliche muss auch der 17-jährige Alex sich in einem Heim ein Zimmer mit einem anderen Jungen teilen. In die Wohnung der Eltern will er dennoch nicht zurückziehen. Foto: dpa

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Erstellt:
22. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. August 2012, 12:00 Uhr

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